Samstag, 9. März 2013

Vincent Voss - 101112


Vincent Voss
101112
Diese Geschichte ist frei erfunden worden. Reale Akteure aus jener Zeit waren weder Priester des Cazimi-Kults, noch waren sie an den Ursachen beteiligt, die zu den Ereignissen im Jahre 2012 führen sollten. Dafür würde ich fast meine Hand ins Feuer legen …


Das Dämonische ist das Verschlossene und das unfreiwillig Offenbare“
Soeren Kierkegaard


10

Das war der Wunsch Ihres Großvaters.“ Stoisch hielt der Notar den Teller mit den beiden Plätzchen als Angebot vor sie. Levin und Sybille sahen sich an.
Er war schon ein Kauz, oder?“ Levin nahm einen der beiden gezackten Kekse, Sybille zuckte die Schultern und griff sich den anderen.
Gut“ sagte der Notar, stellte den Teller weg, nickte der Beisitzerin Frau Wollgast zu und suchte auf seinem Sekretär nach etwas. Levin schmunzelte, während er den Keks kaute. Allein das Notariat hätte nicht besser passen können. Zwei Zimmer im Hinterhof einer Seitengasse, keine Klingel aber einen Türklopfer und ein Notar, der aussah, als würde er im vorletzten Jahrhundert leben. Ebenso das Interieur, welches schwer und wuchtig das spärlich einfallende Licht aufsog.
Ihr Großvater hat ihnen eine Videoaufzeichnung hinterlassen. Auf dieser spricht er einige Worte über das Testament zu ihnen. Es dauert nicht lang.“ Der Notar schob die Kassette in einen Rekorder und stellte den Röhrenfernseher ein, der sie aus einer Fernsehvitrine anstarrte.
Balthasar, wie er in seinem Stuhl saß und in die Kamera schaute. Das hohe Alter wollte ihn beugen, aber er ließ es nicht zu.
Levin!“ Seine Ansprache glich einem Kommando. Ich weiß nicht, wie lange mir noch bleibt, deshalb habe ich mich entschlossen, dir zu meinem Testament ein paar Worte mitzugeben.
Erstens: Du wirst ein positives Vermögen erben. Damit meine ich, dass keine Schulden, die du zu begleichen hättest, sich in meiner Hinterlassenschaft befinden. Zweitens: Ich wünschte mir, ich hätte dir mehr vertrauen können, um dich auf deine Zukunft vorzubereiten.“ Balthasar sah an der Kamera vorbei und überlegte. Aber diesen dir vorbestimmten Weg wirst du nun alleine gehen. Wir sind bei dir.“ Er beugte sich vor und die Aufnahme erlosch, als er die Kamera ausschaltete.
Levin sah fragenden Blickes zum Notar, der in einem Gemälde, welches einen nebelverhangenen Vulkangipfel zeigte, versunken war und nur langsam in diese Welt zurück fand.
Ja, ja. Das war es“, sagte der Notar mit gedehnten Pausen zwischen den wenigen Worten. Er schlug einen Ordner auf, setzte sich eine Brille auf seine Nase und sie begannen das Testament formal abzuarbeiten. Levin trat nach kurzer Überlegung das Erbe seines Großvaters an.

 
Komisch, die sehen nicht wirklich stolz oder so aus.“
Zeig mal.“ Sybille streckte ihren Arm nach dem Foto aus, er rückte auf dem Sofa näher und gab es ihr. Sie hielt das Bild in den Schein der Leselampe und betrachtete es.
Stimmt. Nicht so, wie man sich das nach einer Expedition so vorstellt. Aber alle, oder? Wer ist denn der Bruder deines Großvaters?“
Er deutete auf einen Mann, der ganz links stand.
Der? Der sieht nicht so aus, als hätte er Spaß gehabt.“
Levin nickte.
 Er hat sich später auch umgebracht.“
Sybille stutzte. Das hatte ihr Mann nie erzählt. Entschuldigung, das wusste ich nicht.“
Ich hab es auch nie erwähnt. Kurz nach der Expedition ist Vincent zu seinem älteren Bruder, meinem Großvater Balthasar, nach Berlin gezogen. 1931 hat er sich dort erschossen.“
Das tut mir wirklich leid“, bedauerte sie ihn. Gerade in dieser Zeit. Levin´s Großvater war vor zwei Wochen im hohen Alter gestorben, sein Vater war bei einer Geschäftsreise in Argentinien umgekommen, als Levin ein Jugendlicher war. Sie fand, Levin hätte eine Pause vor Schicksalsschlägen verdient gehabt.
Er zuckte mit den Schultern, nahm das Bild wieder zu sich und betrachtete es. 11 Männer, im Hintergrund ein großer Berg, Palmenzweige ragten hinter den Männern ins Bild. Sein Großonkel und weitere jüngere Männer standen jeweils am Rand der Gruppe. Sie trugen Tropenkleidung und waren behelmt. In der Mitte stand ein Mann, strenger Seitenscheitel, mit einem schwarzen Pudel auf dem Arm. Vor ihnen Expeditionsutensilien drapiert. Sein Großonkel und seine Begleiter sahen auf dem grobkörnigen Foto bedrückt, fast ängstlich aus. Levin drehte das Foto um.
Gunung Agung, 11.02.1931 mit Meister Spies“, stand dort in geschwungener Schrift auf dem angegilbten Rücken.
Er stieß Luft aus, schlug mit dem Foto auf seinen Oberschenkel und dachte nach.
Ich werde die Sachen von Opa noch nicht wegwerfen, sondern noch mal durchsehen.“ Eine Entscheidung, die ihre Zukunft stark beeinflussen würde.


Sybille war joggen, Levin saß wegen der sommerlichen Schwüle bei offener Terrassentür im Wohnzimmer und sortierte die restlichen Sachen aus dem Nachlass seines Großvaters. Ein Korb mit Briefen, Dokumenten, Karten und eine verschlossene Seemannskiste. Er schob den Korb beiseite und zog die Holzkiste zu sich. Sie war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Levin hob sie an und schüttelte sie. Kein verräterischer Laut war zu hören und der Inhalt war nicht allzu schwer. Er stellte die Kiste wieder ab und bearbeitete das Schloss mit Hammer und Stemmeisen. Das Schloss schien stabiler als die Kiste selbst. Am Deckel schlug er mit kräftigen Schlägen die Halterung heraus. Die Schwüle ließ ihn schwitzen. Stemmeisen und Hammer legte er zurück in die Werkzeugkiste und hob den Deckel an. Goldene Seide lag obenauf. Er nahm den Stoff heraus und breitete ihn aus. Ein Umhang mit Kapuze, der Stoff fühlte sich edel und kühl an und glänzte golden. Auf die Rückseite war ein, nun ja, Wesen gestickt, das im Entferntesten an einen Drachen erinnerte. Levin hielt den Umhang wie zur Anprobe vor sich, der Länge nach würde er ihm passen, aber er wagte nicht, ihn anzuziehen.
Begründen konnte er diese Haltung nicht. Er faltete den Umhang zusammen und legte ihn zurück in die Kiste.
Darunter lagen zwei unterschiedlich große Schatullen. In der einen fand Levin einen Dolch mit gekrümmter und gewellter Klinge, in der anderen eine Kette mit einem elfzackigen Stern.
                    

Der Anhänger war vermutlich aus Holz oder Knochen. Ein Buch lag auf dem Boden der Truhe, A4-Format mit einem noblen, bordeauxroten Ledereinband. In goldenen Lettern prangte das Wort „Cazimi“ auf dem Umschlag. Sonderbare Dinge, die Levin im Nachlass seines Großvaters fand, er fühlte sich, als wäre er einem Geheimnis auf der Spur. Er nahm das Buch in seine Hände, es war kalt und schwer. Levin strich über das Leder, schlug die erste Seite auf und erschrak. Oben rechts stand ein Datum. 1709. Und mit gleicher Schrift und scheinbar gleicher Tinte bestand das erste Wort aus einer Anrede. Levin, stand dort. Sein Name. Er schluckte trocken.
                                                                                                                                     1709
Levin.
Wenn du diese Zeilen liest, werden 301 Jahre vergangen sein und deine Welt wird anders aussehen als meine. Und beide haben wir zum Ziel, diese Welt gänzlich anders aussehen zu lassen, wie wir sie derzeitig kennen. Sofern dein Großvater Balthasar sich an alle Anweisungen gehalten hat, weißt du nichts von einem gleichlautenden Ziel, noch weißt du, was Cazimi bedeutet. Es ist auch einerlei, denn du trägst deine Bestimmung in deinem Blut, wie auch ich meine in meinem Blute trage.
Levin, du bist der Zehntgeborene und dir ist eine Aufgabe zugeordnet, die an Größe und Bedeutung unübertrefflich ist. Ich wünschte, ich wäre an deiner statt, doch du bist es, der zu Ende führt und neu beginnt. Lies das Buch sorgfältig und achte auf die Zeichen, die dir erscheinen werden. Dann wirst du die Bedeutung Cazimis ermessen können und stolz darauf sein, jenen Samen in dir zu tragen, den SIE ergossen haben. Bald schon wirst du eine lange Reise über große Wasser antreten müssen. Übe dich und lerne das geschrieben Wort, Samen meines Samens.

Bartholomäus

Die folgenden Seiten bestanden, auch wenn Levin keine Erfahrung im Lesen ähnlicher Literatur hatte, aus Zauberformeln. Es ging um Sternenkonstellationen und um ein Hendekagon, welches den Mittelpunkt des jeweiligen Zaubers bildete. Die freien Flächen des Elfecks sollten jeweils unterschiedlich beschriftet oder gefüllt sein. Levin schlug das Buch zu, sah aus dem Wohnzimmerfenster in seinen überreifen, schwülen Garten und ordnete seine Gedanken und Gefühle. Das konnte nicht echt sein, irgendwer erlaubte sich einen Scherz mit ihm, wahrscheinlich sein Großvater, den er immer schon für einen sonderbaren Kauz gehalten hatte. Er schlug das Buch wieder auf und ließ die erste Seite auf sich wirken. Levin. 1709. Sein Urahn Bartholomäus wusste demnach vor 300 Jahren von Levins Existenz und von einem Plan, der für ihn bestimmt war. Levin hatte nicht vor, ihn zum Gelingen zu bringen.


11
Levin verdrängte den Gedanken an seine Bestimmung ebenso erfolgreich, wie er die Körbe mit Schriftstücken und die Semmannskiste im Keller in der hintersten Ecke des Abstellraumes verstaute. Aus den Augen aus dem Sinn, diese Strategie hatte er schon nach dem Tod seines Vaters angewandt. Und dort hätte der Nachlass mit all seinen sonderbaren Gegenständen in Vergessenheit geraten können, wäre Sybille nicht einige Zeit später mit einem Hinweis von der Arbeit gekommen. Gemeinsam saßen sie beim Abendbrot, Levin hatte neben seinem Teller die aufgeschlagene Tageszeitung liegen und Sybille blätterte in einem Magazin. Und erinnerte sich beim Betrachten eines Bildes.
Omph!“, sagte sie und wedelte mit der Hand, der Gedanke war ihr so wichtig erschienen, dass sie das Kauen vergessen hatte. Sie schluckte und sah zu Levin, der sie interessiert beobachtete.
Auf der Rückfahrt habe ich auf Deutschlandfunk eine Reportage über einen Künstler gehört, der auf Bali lebte. Walter Spies.“
Levin verstand nicht, was sie ihm damit sagen wollte. Er schüttelte den Kopf und zuckte die Schultern.
Spies. Meister Spies. Das Foto!“, ergänzte sie.
Erinnerungen krochen wie Schatten hervor und beunruhigten ihn. 1709. Levin.
Ah, ja, jetzt hab ichs“, erwiderte er eine Spur zu beiläufig. Sybille registrierte es, überging seine ausweichende Reaktion jedoch.
Das war wahrscheinlich der Künstler. Eine Berühmtheit, wenn man sich für Kunst interessiert.“
Nie gehört.“ Levin wollte das Gespräch beenden, hob seine Zeitung an, um ihr zu signalisieren, dass er eigentlich lesen wollte.
Hast du das Foto noch? Dann können wir mal nachschauen. Mit Charlie Chaplin war er befreundet, der hat ihn häufig auf Bali besucht.“
Nein, keine Ahnung, wo das Foto ist. Ich habe alle Sachen in den Keller gebracht.“ Er vergrub sein Gesicht hinter der Zeitung.
Sybille wunderte sich über das Verhalten ihres Mannes und deutete seine Reaktion folgenschwer falsch.


Seit über zehn Tagen war es unerträglich schwül und heute schienen alle zu spüren, dass es ein Ende hatte. Bedrohlich türmten sich kurz vor Feierabend die Wolken am Himmel auf und durch die seit Tagen nutzlos geöffneten Bürofenster brauste ein kräftiger Wind, so dass sie wegen des Durchzugs geschlossen werden mussten. Levin verabschiedete sich von seinen Kollegen, die im Konferenzraum vor dem Fernseher des Anschlags gedachten. Schon zehn Jahre her, schoss es Levin durch den Kopf.
Mann, das wird was geben“, rief ihm ein Mann am Ausgang zu, der sich vor einer Windböe wegdrehte. Levin schaffte es noch gerade rechtzeitig nach Hause. Kurz nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, zuckten Blitze senkrecht vom Himmel und selbst die kräftige Kastanie an der Grenze zum Garten seines Nachbarn wurde von dem Sturm hin und her geschüttelt. Beindruckt stand er am Verandafenster und sah dem Spektakel zu. Hoffentlich würde es nachlassen, wenn Sybille vom Sport kam. Sybille. Er ging zum Telefon und sah nach, ob Sybille ihm eine Nachricht hinterlassen hatte. Zwei Rechnungen mit der Post und eine Klemmmappe von ihr. Verwundert schlug er sie auf. „Walter Spies“ stand dort, sowie ein Schwarz-Weiß-Foto eines charismatischen Mannes, der mit überkreuzten Beinen auf einem Stuhl saß und einen Pudel streichelte.

Ein gelber Klebezettel war neben das Foto geklebt. „Dein Großonkel war mit einer Berühmtheit auf einer Expedition. Wenn du es nicht spannend findest, bin ich dir nicht böse. Ansonsten habe ich ein paar Infos für dich. Rasier dich!“ Levin war hin und her gerissen. Er wollte das sonderbare Buch namens Cazimi mit der prophetischen Ansprache vergessen, andererseits weckte es auch seine Neugier. Und Sybilles offenbar auch. Rasier dich. Er schmunzelte. Mittwoch war immer ihr Sport-Tag und häufig (eigentlich immer) hatten sie Sex an diesem Abend. „Rasier dich“ war eine eindeutige Anspielung und Lust wallte in ihm auf. Er nahm die Mappe mit zu seinem Sessel und beschloss, sie durchzusehen, sich zu rasieren und den Abend prickelnd ausklingen zu lassen.

Eine Stunde später stand er im Keller und suchte in den Körben nach dem Foto. In der Tat war Walter Spies ein bedeutender Künstler und unglaublich vielseitig gewesen. Spies hatte gemalt, war Kapellmeister und hatte die traditionellen balinesischen Kecak-Tänze neu choreographiert und bekannt gemacht. Und mit wem er alles verkehrt hatte, war beeindruckend. Mit Charlie Chaplin, Friedrich Wilhelm Murnau, dem Regisseur des ersten Nosferatu-Films mit Max Schreck in der Hauptrolle, der großen Anthropologin Margareth Mead und der Schriftstellerin Vicky Baum. Von seinem Großvater Balthasar wusste er, dass auch er in dieser Zeit ein-, zweimal auf Bali gewesen war und wahrscheinlich sogar Walter Spies gekannt hatte. Aber erwähnt hatte er ihn nie. Levin stellte sich das Leben dort vor, eine Hütte mit Ausblick auf den heiligen Vulkan Gunung Agung mitten in den Reisterrassen an der Grenze zum Dschungel, drückende Schwüle und eine illustre Gesellschaft mit bauchigen Cognac-Schwenkern in den Händen. Mit Zeige- und Mittelfinger blätterte er in den alten Briefen und Karten auf der Suche nach dem Expeditionsfoto. Oder hatte er es in die Kiste gelegt? Sein mangelndes Erinnerungsvermögen begründete er mit seinem Expertenwissen im Verdrängen. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Ein Donner rollte heran und er beschloss, in der Kiste nachzuschauen.

Er nahm den Umhang heraus, legte ihn beiseite. Den Dolch klemmte er unter seinen Arm, den Anhänger, das Buch, nichts. Er legte das Buch zurück, den Dolch in die Schatulle und dann in die Kiste, den Anhänger … ließ er durch seine Hände gleiten. Eben und glatt. Handschmeichelnd, hatte er einmal auf einer Holzmesse gehört. Das Material war so geschliffen, dass es sich handschmeichelnd anfühlte. Er hielt sich den Anhänger vor das Gesicht und betrachtete ihn. Elf Zacken, Elfter September. Er schmunzelte, dennoch wurde ihm sonderbar schwindelig bei diesem Gedanken. Aus irgendeiner Verschwörungstheorie erinnerte er sich, dass es vom 11ten September an noch 111 Tage bis zum Jahresende dauern würde.
Er konnte aus Holz aber auch aus Knochen sein. Elfenbein vielleicht. Der Anhänger hing an einer Lederkette. Mit beiden Händen zog er sie auseinander, zögerte und legte sich die Kette um. Der Anhänger lag auf seiner Brust und fühlte sich wie angegossen an. Ihm zugehörig. Er betastete ihn sanft und richtete sich auf. Ein Teil von ihm wunderte sich über sein Verhalten, aber offenbar verdrängte er nun diesen Teil in den Abstellraum seines Unterbewusstseins. Er faltete den Umhang auseinander und zog ihn über. Den Dolch und zuletzt das Buch. Er lachte auf. Damals hatte er sich bei seinem Freund, Torben, in dem Schlafzimmer von Torbens Eltern verkleidet. Torben musste ihm helfen, den BH zu schließen und glucksend waren sie in hochhackigen Schuhen mit federbeschmückten Hüten auf und ab gegangen. Hatten sich geschämt, aber auch Spaß gehabt. Ähnlich fühlte er sich in dem goldenen Umhang, mit dem Buch, dem Dolch und dem Anhänger. Wie ein Fetischist. Er lachte erneut. Er legte das Buch und den Dolch zurück, zog den Umhang aus, verstaute ihn in ebenso, aber den Anhänger wollte er nicht ablegen. Er fühlte sich mit ihm verbunden.

Das Gewitter ließ nach. Levin hatte alle Fenster des Hauses geöffnet, einige Kerzen angezündet und lag im Lesesessel als Sybille die Tür öffnete.
Was für ein Unwetter!“, hörte er sie im Flur sagen.
Du hast Glück gehabt“, antwortete er, legte das Buch auf den Beistelltisch und erwartete sie. Sie ging zu ihm, küsste ihn auf die Stirn, wollte ihre Sporttasche im Badezimmer ausräumen und verharrte.
Du hast sie ja gefunden.“ Sie war überrascht, das Expeditionsfoto zu sehen. Er nickte.
Im Keller. Bei den ganzen Briefen. Die werde ich mir im Übrigen mal ansehen. Das Ganze ist schon spannend. Walter Spies. Ich hab gelesen, was du alles über ihn herausgefunden hast.“
Ja, oder?“ Sie freute sich über sein Interesse, über ihr gemeinsames Interesse.
Ich bring kurz die Sachen weg.“ Sie strich ihm über die Wange. „Oh, du bist ja rasiert.“, stellte sie keck fest und lächelte.

Sie hatte sich über den Anhänger gewundert, aber nicht beschwert. Zusammen kuschelten sie auf dem Lesesessel, bis ihre Begierde sie ins Schlafzimmer trieb, wo sie sich unter leidenschaftlichen Küssen gegenseitig auszogen.
Das sieht scharf aus. Du, nur mit der Kette“, flüsterte sie ihm ins Ohr, biss ihm ins Ohrläppchen und massierte seinen Schwanz.
Ja, findest du?“, fragte er kehlig und mit sich selbst beschäftigt. Lust kannte er wohl und sich in Liebe und Lust fallen zu lassen war kein Problem für ihn, aber heute würde er sich beherrschen müssen. Nicht, dass er zu früh kommen würde, das würde Sybille ihm verzeihen, eher, dass er sich kontrollieren musste. Wenn er seine Augen schloss, sah er Flammen, roch und hörte Feuer und spürte Hitze auf seiner Haut, zwischen seinen Beinen. Er warf Sybille auf den Rücken, beugte sich über sie (FLAMMEN) und drang in sie ein. Sie stöhnte auf, öffnete den Mund, um aus ihrem Erstaunen eine Frage zu formen, aber ihr Verlangen und das Empfinden brachten nur einen lustvollen Schrei hervor. Er fühlte sich heiß in ihr an, sein Körper war hart, durchtrainiert und wie er den Kopf in die Höhe reckte, die Muskeln seiner abstützenden Arme hervortraten, war er dominant und sie unterwarf sich ihm. Rhythmisch stieß er zu, Flammen leckten an seinen Armen und an seinem Brustkorb entlang, der Anhänger an seiner Brust strahlte eine Hitze und eine Kraft aus, die er nicht kannte, die ihn speiste und vorwärts trieb. Trommeln, er hörte Trommeln und metallene Glockenschläge, Gesang, der Geruch von Rauch und Eisen drang zu ihm durch. Er stieß energischer zu. Sybille schrie auf, presste ihre Hand auf den Mund. Er schrie und öffnete die Augen. Das Bett stand in Flammen, Sybille lag glutrot vor ihm ausgebreitet, Trommeln schlugen und aus den Wänden schälten sich mit archaischen Lauten Wesen, fremdartige Physiognomien und Körperteile hervor, die so nah, so bedrohlich wirkten, dass er in Panik geriet, aber nicht aufhören konnte. Sein Herz hämmerte, sein Schweiß verdampfte augenblicklich, er wollte etwas sagen, aber die Laute, die Sprache klang zu fremdartig. Die Wände mit den darin gefangenen Wesen rückten näher, sahen zu und dunkle Triebe wurden in ihnen geweckt. Levin brüllte und rammte seinen Unterkörper vor. Er nahm Sybilles Beine hoch, beschleunigte seine Stöße und mit einem gemeinsamen Schrei erlösten sie sich und fielen zusammen.

Lange lagen sie neben- und aufeinander, schwiegen. Sybille hatten noch nie solche Gefühle beim Sex empfunden, Levin hatte noch nie so realistische Träume gehabt. Es war ihm unangenehm, sein Verhalten, die Bilder, die er gesehen hatte, seine … Haltung. Wie ein brutaler Vergewaltiger. Erschöpft legte er eine Hand auf den Anhänger, entschlossen ihn als Ursache dieses Zustands zu entfernen, doch seine Hand blieb dort liegen und sein Entschluss verflüchtigte sich. Sie schliefen ein. 

Zwei Wochen später

Er hatte die dritte Kamera ausprobiert, erfolglos. Und er wusste nicht, woran es lag. Er nahm das Telefon und wählte Franks Nummer.
Hi, ich bins, Levin. Also ich hab das jetzt mit dem Stativ probiert, trotzdem gelingt es nicht.“ Levin sah sich seine Konstruktion noch einmal an. Das Expeditionsfoto auf einem grauen Untergrund (schwarz, weiß und beige hatte er auch schon versucht), das Stativ so aufgestellt, dass die Kamera direkt über dem Foto fixiert war und als Bildausschnitt nur das Foto zuließ. Und dennoch, jedes Mal war das geschossene Bild so dunkel, dass es unkenntlich war. Ein professionelles Repro-Verfahren war einschlägigen Internetforen nach die letzte Möglichkeit, zumal sich das Bild auch nicht sauber einscannen oder kopieren ließ. Und Frank war Fotograf.
Hör zu Levin, ich hab jetzt langsam auch keinen Rat mehr. Ich geh noch mal alles durch, ja?“
Ja, in Ordnung, mach das.“
Normale Fotos gelingen nicht, Scannen und Bildbearbeitung auch nicht. Bei den Repros, wie hast du da beleuchtet?“
Wie du gesagt hast, Frank. Tagesbeleuchtung, aber Gardinen zugezogen. Zwei Lampen im 45C°-Winkel. Trotzdem ist alles dunkel.“ Schweigen am anderen Ende der Leitung.
Weißt du was, Levin. Das hört sich ja vielleicht albern an, aber vielleicht will dieses Foto nicht reproduziert werden. Ich hab keine Ahnung mehr. Geh sonst in ein professionelles Studio, die auch Kameraequipment verleihen und frag die. Tut mir leid.“
Ist schon okay. Danke schön.“ Levin legte auf und sinnierte. Vielleicht will das Foto nicht reproduziert werden. Darüber musste er nachdenken.


12Mitte April 2012

Levin saß am Küchentisch, eine Tasse Erkältungstee stand vor ihm und er konzentrierte sich auf die altertümliche Schrift und die Symbole in dem Buch. Cazimi, Herz der Sonne. Und offensichtlich spielte die Zahl 11 und das Jahr 2012 eine größere Rolle in der Kosmologie dieses Geheimbundes, dessen Mitglied er per Erbfolge zu sein schien. Durch einen Infekt angeschlagen war er zuhause geblieben und ging den ganzen Papierkram seines Großvaters durch. Und das Buch, aus dem er nicht schlau wurde, das ihn aber faszinierte. Er legte es beiseite und nahm sich einen weiteren Papierstapel vor.
Sein Großvater hatte im Laufe der Zeit mehrere Reisen nach Bali unternommen. Überhaupt war er sehr viel gereist und sämtliche Verbindungen, Schiffspassagen und Flugtickets zumindest, hatte er aufbewahrt. Auf Bali hatte er auch Walter Spies getroffen. In ihrer schriftlichen Konversation tauschten sie sich oberflächlich über Kunst aus und benannten Termine, zu denen sein Großvater dann die Schiffspassagen buchte. Bis zum Tode Walter Spies 1942. Aber auch danach war Balthasar noch einmal in Bali. 1963 für drei Monate.
Zu seinem Sohn Egmont, also Levins Vater, pflegte er keinen Kontakt. Briefe an Freunde oder an seinen Bruder Vincent hatte er in seinem Schriftverkehr abgelegt. An und von Egmont fand er keinen einzigen. Beiläufig blätterte er durch die weiteren Reiseunterlagen seines Großvaters, dann stutzte er. 1991 war sein Großvater erneut zu einer längeren Reise aufgebrochen. Im Juni war er nach Cordoba geflogen und den ganzen spanisch verfassten Belegen nach hatte er von dort im hohen Alter von 79 Jahren an einer Expedition zum Ojos del Salado, dem höchsten Vulkan Südamerikas teilgenommen. Am 13. Juli 1991 war er zurück nach Berlin geflogen. Am 10. Juli war Levins Vater Egmont auf einer Geschäftsreise in Argentinien verschwunden, am 12. Juli hatte man Überreste seiner Leiche gefunden. In Cordoba. Mit den genaueren Erinnerungen setzte der Schock ein, Levin wurde heiß und kalt zugleich. Er hörte Trommeln, der Geruch von Rauch und Eisen lag in der Luft, ihm wurde schwindelig. Das Telefon klingelte. Schwankend stand er auf und ging an den Apparat.
Ja?“, stöhnte er in den Hörer.
Levin!“, es war Sybille, er stützte sich mit einer Hand an der Wand ab.
Wir bekommen ein Baby!“, hörte er Sybille durch das Telefon rufen und an das restliche Gespräch und den restlichen Tag konnte er sich nicht mehr genau erinnern. Nur an die Trommeln und den Rauch.

Es war nicht so, dass sie völlig unvorbereitet waren. Das Gästezimmer war schnell leer geräumt, neu gestrichen und einem Kinderzimmer gewichen. Während Sybille in den Vorbereitungen auf ein neues, anstehendes Leben in ihrer Mitte aufging, lebte Levin in zwei Welten. Er bemühte sich, Sybille so gut es ging zu unterstützen, er bemühte sich auch, sich auf das Familienleben zu freuen und meldete sich mit zu einem Geburtsvorbereitungskurs an. In den Nächten aber wurde er von Träumen und Gedanken heimgesucht, die nicht seine waren und in der Zeit, die ihm vor dem Schlafengehen blieb, recherchierte er. Den Nachlass seines Großvaters hatte er komplett durchgesehen und wie ein Kainsmal hatte er den Briefverkehr und sämtliche Reiseverbindungen seines Großvaters zu einem Stapel zusammengeführt. Egmont, sein Vater, hatte Balthasar, seinen Großvater, in Argentinien kurz vor seinem Tod getroffen und Balthasar hatte ihm nie davon berichtet. Warum? Die Mutmaßungen, sein Großvater könne am Tode seines Vaters beteiligt gewesen sein, nagten an ihm und zermürbten ihn. Doch was ihn wirklich zerfraß, war der Umstand, dass er schleichend Verständnis dafür aufbrachte und es sogar guthieß. Immer, wenn Stimmen in fremder Sprache in ihm flüsterten, immer, wenn er im Keller die Kutte Cazimis trug, den Dolch in den Händen hielt und aus dem Buch rezitierte. Immer dann verstand er, nein, sah er den Weg, der ihm und seinen Ahnen bestimmt war. Zwar undeutlich, aber doch genau genug, um ihm folgen zu können. Levin bekam Angst vor sich und die Angst trieb ihn an, schneller und tiefer zu forschen.
Mittlerweile hatte er über ein Antiquariat die Gewissheit in Form eines Gutachtens, dass das Buch und die verwendete Tinte tatsächlich dem angegebenen Datum entsprachen. Aber was war das Ziel Cazimis? Levin sah in seinen Notizblock und dachte nach. Es klingelte an der Tür und er schreckte hoch.
Lass mal, ich bin schon da.“ Sybille eilte an ihm zur Haustür vorbei. Er lauschte kurz den Stimmen im Flur und ließ sich wieder von seinen Gedanken einfangen. Warum Bali? Warum Argentinien? Warum Vulkane? Sowohl der Ojos del Salado, wie auch der Gunung Agung waren beides Vulkane. Sah er in seinen Träumen deshalb die Flammen?
„… das kommt?“ Sybille stand vor ihm und wedelte mit einem Brief herum. Langsam wuchs ihr Bauch, bemerkte er und wünschte sich nichts sehnlicher als Normalität.
Was meinst du? Entschuldigung, ich war in Gedanken versunken?“ Sie sah ihn einen Augenblick zu lange an und Levin wusste, dass Sybille sich Sorgen um ihn machte. 
Das Einschreiben. Hast du einen Ahnung, von wem das kommt?“
Zeig mal.“ Sybille reichte ihm einen Umschlag, auf dem kein Absender angegeben war.
Du hättest es verweigern können“, sagte er, während er den Umschlag öffnete. Rauch. Es roch nach Rauch. Er verharrte und sah zu Sybille.
Was ist?“, fragte sie und nickte zum Umschlag. Sie hatte nichts gerochen. Es war sein Rauch, der Rauch in seinem Kopf. Er zog einen kleineren Umschlag heraus und einen zusammengefalteten Zettel. „Reisebüro am Mexikoplatz“ war auf dem kleineren Umschlag zu lesen und er zog die einzelnen Pappkarten heraus. Tickets. Flugtickets nach Denpasar/Bali für zwei Personen. Sieben Übernachtungen, „Honeymoon-Package“ im „Walter-Spies-Haus“ in Ubud auf Bali. Reiseantritt 14. Dezember 2012. Sybille und Levin sahen sich an, Sybille schüttelte überrascht und fragend den Kopf. Levin nahm den Zettel und las ihn laut vor.

Levin,
es ist mir ein Herzenswunsch, euch beiden eine schöne Zeit auf Bali zu schenken. Mir hat diese Insel sehr viel bedeutet  und vielleicht weiß sie auch euch mit ihrem geheimnisvollen Charme zu vereinnahmen. Ich jedenfalls habe dort so manches Rätsel meines Lebens lösen können, vielleicht hilft es auch dir, Levin.
Da ich wahrscheinlich nicht mehr unter euch weilen werde, wenn euch diese Post erreicht und ich nicht weiß, ob ihr euch in anderen Umständen befindet: Lasst euch wegen des Fluges gut beraten, leider können keine Umbuchungen vorgenommen werden. Das Walter-Spies-Haus ist auf Jahre ausgebucht.
Mit Sonne im Herzen,
Balthasar, dein Großvater“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Sybille sammelte sich als erste, nahm den kleinen Katalog des Walter-Spies-Hauses in die Hand und blätterte in ihm herum. Levin schwieg. Die Botschaft seines Großvaters war klar und deutlich. Auf Bali würde er das Geheimnis lösen können. Wollte er das? Und woher wusste er, dass Sybille schwanger war? Samen meines Samens. Rauch, Feuer, Trommeln und tanzende Fratzen, gesichtslose Leiber, die sich aneinander schmiegten, Tentakeln, Flügel, Zähne, Augen.
Levin?!“, schrie Sybille ihn an und er kam zurück.
Entschuldigung, ich war kurz, irgendwie …“, er lächelte sie an. „Mit euch beiden auf Bali. Schön sieht es dort aus“, sagte er, ohne einen Blick in den Katalog geworfen zu haben und streichelte ihren Bauch. Sie küsste ihn auf die Stirn und stellte sich so vor ihn, dass er seinen Kopf anlegen konnte. Er umarmte sie und sah in den Katalog. Reisterrassen, ein See, wie ein dunkler Spiegel und der geheimnisvolle Vulkan mit wolkenverhangenem Gipfel, umrahmt von der dunkelgrünen Üppigkeit eines Dschungels.Ich freu mich schon darauf“, sagte Levin und sah zu ihr hoch.
Warten wir es ab. Wir sollten einmal zusammen zu Dr. Günther und ihn fragen, ob wir so spät in der Schwangerschaft noch fliegen können.“ Er nickte und fand, dass ihr Bauch, wie der Gipfel des Gunung Agungs hervorstach.


Letzter Sonntag im April

Ein Ausflug zu einem Antik-Flohmarkt in den Hermann-Hallen. Es war eher Sybilles Wunsch, Levin hätte bei der Kälte auch gerne zuhause (im Keller die Formel des zehnten Kreises rezitiert) im Sessel gesessen und gelesen. Er musste einsehen, dass ihm ein wenig Ablenkung ganz gut tat, zumindest sorgte sie dafür, dass die fremdartigen Eindrücke fernblieben.In der zweiten Etage schritten sie auf der Galerie an den Ständen entlang. Alte Bücher, alte Kleider und antike Kleinkunstgegenstände reihten sich aneinander und Levin hatte einige Meter von ihnen entfernt einen Stand mit alten Grammophonen ausgemacht, der ihn interessierte.
Sybille?“ Eine Frau unter einer russischen Pelzmütze versperrte ihnen den Weg und breitete freudestrahlend ihre Arme aus.
Ulli?“, Sybille und die Pelzmütze kannten einander offenbar, Levin sah die Frau zum ersten Mal und schätzte, dass es eine alte Schulfreundin war.
Was machst du denn hier?“, fragte Sybille.
Du, ich wohn jetzt hier. Seit Januar.“
Ehrlich? Erzähl, wie kommt das denn? Du warst doch in Leipzig, oder? Oh, tschuldigung, das ist übrigens mein Mann Levin. Levin, das ist Ulli, wir sind zusammen zur Schule gegangen.“
Zusammen zur Schule gegangen. Bille war meine beste Freundin bis zum Abi.“ Levin erinnerte sich. Von Ulli hatte er gehört.
Du, Sybille, ich such mal eine Toilette und hol mir einen Kaffee. Ihr bleibt sicherlich noch eine Zeit lang hier, oder?“, fragte er. Sybille sah ihn erst etwas enttäuscht, dann aber immer zufriedener  an. Sie nickte.
Wir können ja telefonieren. Kann bei uns beiden bestimmt länger werden“, antwortete sie.
Das hab ich mir gedacht. Ciao, war nett Sie, also äh, dich kennengelernt zu haben.“ Levin hob die Hand zum Abschied und fädelte sich eilig in die Besucherschlange ein.
Vor einiger Zeit hätte er bei seiner Frau gestanden und sich mit ihrer besten Schulfreundin unterhalten. Er wäre ein angenehmer Gesprächspartner gewesen, aber seine derzeitige Verfassung ließ es nicht zu. Er war zu zerstreut. Er entdeckte einen WC-Wegweiser und folgte der Beschilderung. Er ging die Treppen hinunter an einem Kiosk vorbei und wurde plötzlich festgehalten. Eine ältere Frau. Eine Sonnenbrille verbarg einen großen Teil ihres Gesichts, der Schirm ihrer Strickmütze einen weiteren. Diese Frau wollte nicht erkannt werden, schoss es Levin durch den Kopf.
Levin, ich muss mit dir reden“, sagte sie und sah sich nach links und rechts um.
Entschuldigen sie, aber wer sind sie?“
Eine Freundin deines Vaters“, antwortete sie knapp, ging zwei Schritte seitwärts und stand mit dem Rücken zu einer Säule, von der aus sie den Eingang gut beobachten konnte.
Eine Freundin meines Vaters?“, wiederholte Levin und sann den Worten nach.
 Und was wollen Sie von mir?“, ergriff er wieder die Initiative und ordnete die rasenden Gedanken und Fragen in seinem Kopf.
Ich will dich warnen, Levin. Egmont hatte es so gewollt. Und er hatte es kommen sehen. Er hatte recht gehabt. Lass uns kurz rausgehen, bitte.“ Sie drehte sich um und ging in Richtung Ausgang. Levin zögerte erst, aber folgte ihr dann.
Draußen bog sie um die Ecke der Hermann-Fabrik und ging einen schmalen Durchgang zum Bauwagenplatz entlang. Sie zündete sich eine Zigarette an.
Rauchst du?“ Sie bot ihm aus einer Metallschatulle eine an. Er schüttelte den Kopf.
Hat meine Mutter Egmont wegen dir verlassen?“, fragte er und spürte, wie seine Lippen bebten. Sie nahm einen Zug von der Zigarette und stieß den Rauch aus.
Nein.“
Er nickte (Sie ist eine Lügnerin. Eine Schlampe!) und rieb sich die Stirn.
Wovor wollen oder sollen Sie mich warnen?“, fragte er weiter und blickte sich um. Es roch nach Rauch. Nach Schwefel?
Vor dem, was dein Großvater mit dir vorhat. Was alle von diesen Verrückten mit dir vorhaben.“ Sie sah an Levin vorbei und zog ihn am Ärmel zur Seite. Man hatte sie vom Vorplatz der Fabrik sehen können.
Hör zu, Levin. Wir haben nicht viel Zeit. Dein Vater Egmont ist ermordet worden. Von deinem Großvater. Und Egmont hatte es geahnt, denn er hat … Dinge gefunden, die darauf schließen ließen, dass dein Großvater einem Geheimbund angehörte. Einem Geheimbund, der Menschen opfert, um seine Ziele zu erreichen. Egmont war ein Opfer.“Levin starrte sie an. Sein insgeheimer Verdacht hatte durch die fremde (SCHLAMPE!) Frau eine Stimme erhalten.
Warum opfern sie?“, wollte er wissen.Sie inhalierte tief und überlegte. Levin fühlte sich von ihr beobachtet.
Sie war sich bei ihm mit irgendetwas nicht sicher.
Ich weiß nicht, ob ich es dir erzählen kann, Levin. Du wirkst komisch auf mich.“
(Dreckige Fotze! Gar nichts weißt du über mich.) Levin atmete tief durch, schlug einmal leicht und unauffällig auf seinen Kopf und fuhr sich durch das Haar.
Ich kenne Sie nicht.“ Er sah sie an, versuchte eine Reaktion hinter den getönten Gläsern zu erkennen.
Ich habe meinen Vater geliebt und sehr unter seinem Tod gelitten. Mein Großvater hat mich bis zur Volljährigkeit aufgezogen und mein Verhältnis zu ihm ist distanziert gewesen. Er war ein sonderbarer Mann, fast unheimlich, aber auch faszinierend. Ich weiß, dass er einem Kult, einer Sekte namens Cazimi angehörte und …“, er schwankte, weil ihm schwindelig wurde. Trommeln und Glockenklang, tiefe Töne, leicht und akzentuiert angeschlagen. Ein tanzender Schatten.
Was ist mit dir?“ Sie hielt ihn am Arm fest.
Es geht schon, Danke.“ Er wand sich aus ihrer Berührung.
Und was die Sekte zum Ziel hat, weiß ich nicht. Sie interessiert sich für Vulkane. Die Zahl 11 und das Jahr 2012 scheinen von großer Bedeutung zu sein.“ Die Fremde nickte.
Gut. Dein Vater wusste noch mehr“, erwiderte sie und sah an Egmont vorbei, als hätte sie etwas gesehen oder gehört. Es stellten sich ihm die Nackenhaare auf.
Walter Spies, ein bedeutender Künstler, lebte in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts auf Bali. Er war angeblich ein Hohepriester des Cazimi-Ordens, dessen Ziel es ist, einen Geist, so will ich mal sagen, heraufzubeschwören. Angeblich ist dieser Geist, oder sind mehrere Geister seit Jahrtausenden im Tiefschlaf auf der Erde. Einige wenige Menschen wissen von ihnen und bereiten sie auf deren Ankunft vor. Sie wollen sie erwecken.“
Sind es 11 Geister?“, fragte er und erinnerte sich an die Formeln in dem Buch. Erinnerte sich an SIE. Die Fremde nickte.
Wahrscheinlich. Egmont ging davon aus.“ Sie schnippte die Zigarette weg und trat sie aus.
Um sie zu erwecken, sind 11 Zirkel damit beschäftigt, im Verborgenen Rituale zu wirken. Jeder Zirkel hat 11 Mitglieder und über 11 Generationen müssen jeweils 11 Opfer erbracht werden. Dein Vater war das Opfer der letzten Generation. Er weigerte sich, mitzumachen. Das Opfer der Generation davor war …“
Vincent, mein Großonkel, der sich angeblich nach der Expedition in Berlin erschossen hatte. Balthasar hat ihn umgebracht!“, beendete Levin empört den Satz mit dieser neuen Erkenntnis. Sie nickte.
Und Spies? Gehört er auch dem Zirkel meines Großvaters an?“
Nein, er war Hohepriester, er brachte ständig Opfer. Sein Opfer in der Generation deines Großvaters war Friedrich Wilhelm Murnau, der Regisseur von Nosferatu. Übrigens sind Vincent und Murnau am selben Tag ums Leben gekommen und die meisten Zirkelvorsteher, wie auch dein Großvater, trafen sich bei seiner Beerdigung.“
Was sollte die Expedition bezwecken? Warum lebte Spies auf Bali und warum ist Balthasar dort so oft gewesen?“
Was weißt du über Walter Spies?“, stellte sie eine Gegenfrage.
Ein Künstler und Tausendsassa. Er konnte malen, war Kapellmeister und choreografierte …“ Sie hob den Zeigefinger und Levin verstummte.
Er veränderte die traditionellen Tänze der Balinesen. Egmont hat sich lange Zeit damit beschäftigt. Er glaubte folgendes: Die alten traditionellen Tänze stellten den Kampf zwischen Gut und Böse dar. Ein Kampf zwischen den Mächten der Finsternis und den Mächten des Lichts. Spies veränderte den ursprünglichen Ablauf und Ausgang des Tanzes. Egmont war sich sicher, dass Spies damit auf das spirituelle Ganze einwirkte, indem er es veränderte, verwässerte.“ Sie stockte. Zwei Männer kamen den Weg entlang. Sie schwiegen beide und sahen ihnen hinterher. Als sie außer Sichtweite waren, erzählte Egmonts Freundin weiter.
1963 war dein Großvater einige Zeit auf Bali“, sagte sie.
Von Januar bis Ende März“, ergänzte Levin und sie nickte.
Am 8. März brach der Gunung Agung aus und brachte über 1500 Menschen den Tod, und was ich dir jetzt erzähle, Levin, war das letzte, was dein Vater mir anvertraute, ehe er zu seiner Geschäftsreise aufbrach. Er wollte, dass ich alles weiß, damit ich es dir erzählen kann, wenn er nicht mehr ist. Und ich glaube, er ahnte damals schon, dass sie hinter ihm her waren. Dein Vater hat dich geliebt.“ Levin verkrampfte sich und rang mit den Tränen. Er schluckte.
Der damalige Präsident Indonesiens, Sukarno, ließ die erste Tourismuskonferenz des ganzen Landes in diesem Jahr stattfinden. Europäische Berater, Künstler, Gesellschafter, sie alle hatten ihn mit dieser Idee infiziert und noch ehe er zugestimmt hatte, einigten sie sich auf einen Termin. Den 8. März 1963. Und sie flüsterten ihm weitere Dinge ins Ohr, sie und jene einflussreichen Indonesier, die auch einem Cazimi-Zirkel angehörten. Sie überzeugten ihn, das hinduistische Jahrhundertfest, Eka Dasa Rudra, mit diesem Termin gleich zu legen. Dem hinduistischen Kalender nach würde es später im gleichen Jahr stattfinden, und da die Festlegung eines exakten Termins einigen Spielraum zuließ, beschloss Sukarno dieses Fest am 8. März stattfinden zu lassen. Du musst wissen, Levin, das Eka Dasa Rudra war ein Fest, welches für mehrere 100 Millionen Hinduisten von Bedeutung war: Das gesamte Universum wurde durch dieses Fest von dem Bösen gereinigt und der Termin war an die großen Muttertempel in Indien geknüpft und ein einzelner, beinflussbarer Politiker verlegte ihn.“ Sie zündete sich eine weitere Zigarette an und sog hastig zwei Züge nacheinander.
Ich glaube, wir haben nicht mehr viel Zeit, Levin. Am Anfang des Festes, welches in dem balinesischen Muttertempel in Besakih am Gunung Agung, dem Berg der Götter stattfand, brach der Vulkan aus. Eine Bestätigung für alle Priester, die Unheil vorhergesehen hatten. Und das waren nicht wenige. Und einige sagten, wir haben die falschen Tänze getanzt, wir haben uns einen falschen Termin für das Eka Dasa Rudra nennen lassen, die bösen Geister sind frei. Wir müssen sie bändigen. Und auf Besakih verausgabten sie sich in unvorstellbaren Ritualen und warteten auf ein Zeichen. Aber weiterhin stieß der Vulkan Lavaströme aus, sodass der Tempel selbst am Südwesthang des Vulkans bedroht wurde. Am 15. Mai erreichte der sich stetig voran walzende Lavastrom Besakih. Direkt vor der Tempelanlage, aus der sich kein Priester hat evakuieren lassen, teilte sich der Strom und verschonte den Tempel. Geologen bezeichnen es heute noch als Wunder. Dein Vater teilte die Meinung vieler Hindus. Das Böse war aufgehalten worden, aber es hatte Risse hinterlassen.“Levin nickte und staunte.
Ich glaube, ich muss los, Levin. Ich hoffe, du weißt nun, was zu tun ist.“ Sie drückte seinen Arm, reckte sich, sah an Levin vorbei und verschwand im schmalen Durchgang. Levin wünschte sich in diesem Augenblick, er würde rauchen. Gerne hätte er sich an etwas festhalten wollen. Gedankenverloren schob er eine Hand unter seinen Pullover, griff nach dem Amulett und ging wieder hinein. Sybille würde sicher schon warten.


Ende Juli

Es ist alles in Ordnung. Sie sind in guter Verfassung, Ihr Kind ist in guter Verfassung. Sie können sich auf Ihren Urlaub freuen.“ Sybille schien rat-, Levin teilnahmslos.
Aber es ist doch das letzte Schwangerschaftsdrittel, Dr. Günther. Und zwei Wochen später ist der Stichtag.“ Dr. Günther beugte sich vor und legte seine Hände ineinander. Er sah zu Levin.
Es besteht kein Risiko.“ Er nickte Levin zu und sah dann zu Sybille.
Sie müssen während des Flugs Kompressionsstrümpfe tragen, die eine Thrombose verhindern sollen. Sie sind sportlich, rauchen nicht, haben kein Übergewicht und keinen Bluthochdruck. Es ist Ihre erste Schwangerschaft im besten Alter und Sie haben bisher noch keine Fehlgeburt erlitten. Ich werde Ihnen eine schriftliche Erlaubnis ausstellen, die können Sie bei Komplikationen, also ich meine natürlich bei Problemen, am Flugschalter vorlegen.“ Dr. Günther nickte ihr aufmunternd zu und stand auf.
Waren Sie auch auf Bali?“, fragte Levin und nickte zu den beiden Fotografien, die in seinem Büro hingen. Er drehte sich um.
Nein. Nein, ich nicht, aber gute Freunde von mir.“ Beim Abschied zwinkerte Dr. Günther Levin vertrauensvoll zu.


Mitte September 2011

Die letzten warmen Tage. Sybille lag, in eine Wolldecke eingewickelt, auf der Terrasse und schlief. Levin sah fern. Äußerlich. Innerlich rezitierte er den elften Kreis. Den Kreis der Erweckung, wie er aus den Symbolen zu erkennen meinte. Immer seltener stellte er Gedanken, Träume und fremde Stimmen in Frage und immer perfekter verstellte er sich. Die Frage, die ihn beschäftige: Was erwartete ihn auf Bali? War er ein Opfer wie sein Vater?
Bali?
Er stellte den Fernseher lauter.
„… Wochen die Vulkane Gunung Agung, Gunung Batur und Mount Merapi auf Java. Es ist davon auszugehen, dass sich gerade diese an den Grenzen zweier Subduktionszonen befindlichen Vulkane in nächster Zeit vermehrt aktiv werden. Erd-und kleinere Seebeben zeugen von erhöhter Aktivität. Reisenden in diesen Regionen wird davon abgeraten …“
Habe ich lange geschlafen, Schatz?“ Augenblicklich wechselte Levin das Programm und drehte sich um. Sybille stand schlaftrunken im Türrahmen, eine Hand auf den Bauch gelegt, die andere ordnete das zerzauste Haar.
Ähm, nein, eine Stunde vielleicht.“
Was siehst du denn da?“, fragte sie neugierig auf den ersten Beitrag bezogen.
Nichts, ich zappe nur rum“, log er sie an und zappte weiter. 


13 Dezember 2012

Der Flug verlief angenehm und der Transfer vom Flughafen in Denpasar nach Ubud mit einem Shuttle glich einer erholsamen Pause. Aus den getönten Fenstern konnten sie einen ersten Eindruck von der Schönheit Balis gewinnen.
Es ist schön hier“, sagte Sybille und drückte seine Hand. Er nickte und lächelte sie an.
Ja, das finde ich auch. Endlich am Ziel.“ Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter.


Das Walter-Spies-Haus stand in Ubud in einer exponierten Lage. Direkt an einem See, inmitten der Reisterrassen. Normalerweise konnten acht Erwachsene das Haus bewohnen, aber Balthasar hatte es nur für sie beide reserviert und bezahlt. Nach einem balinesischen Abendessen, Kokos-Huhn mit Reis, legte sich Sybille hin und schlief augenblicklich ein. Levin konnte nicht schlafen, obwohl auch er erschöpft war. Er sah sich die verschiedenen Räume und Gemälde an. Einige waren Originale aus der Hand von Walter Spies.Romantisches aber auch Bedrohliches und Verstörendes. Je länger er vor den verstörenden Bildern blieb, desto unbehaglicher wurde ihm, zumal das fremdartige Flüstern wieder einsetzte. Erst wollte er aus dem Haus flüchten und sich an den See setzen, aber er hatte eine bessere Idee. Er schlich in das Schlafzimmer, trug behutsam einen Koffer heraus und suchte mit diesem einen anderen Raum auf. Hektisch, fast wie ein Abhängiger, öffnete er ihn und zog sich sein zweites Ich über. Sein altes streifte er wie eine alte Haut ab.
Ich freue mich, dass ihr zu Gast seid“, vernahm er eine angenehme Stimme in seinem Rücken. Schnell klappte er das Buch zusammen, verbarg den Dolch unter seiner Kutte und drehte sich um. Walter Spies trug einen schwarzen Pudel auf seinem linken Arm und kraulte ihn mit seiner rechten Hand. Spies verbeugte sich leicht.
Meister Spies?“ Levin war überrascht.
Wen habt Ihr erwartet, mein Teuerster?“ Levin schüttelte den Kopf und ein Hauch Rationalität in ihm suchte nach einem Ausweg.
Wir sollten uns unterhalten. Gehen wir in den Salon.“ Spies ging mit stolzen, aber nicht kokettierenden Schritten voran. Levin musste sich eingestehen, von ihm angetan zu sein.
Im Salon schenkte Spies ihm einen Cognac ein, bot ihm eine helle Zigarre an und beide setzten sich in die Lehnsessel, die um einen Rattan-Tisch standen. Spies schwenkte den Cognac, sog an der Zigarre und sah lächelnd zu Levin. Der Pudel saß auf seinem Schoß, den Zigarrenrauch schien er gewohnt zu sein.
Nun, wir haben nicht allzu viel Zeit. Eure Frau schläft unruhig und braucht euch die Tage.“ Er nippte an dem Glas und musterte Levin.
Was erwartet mich?“ Levin hatte weder einen Schluck getrunken noch die Zigarre gekostet.
Eine Herausforderung? Ein Neubeginn? Ihr werdet es wissen, wenn es soweit ist. Genießt die Zeit …“ Spies breitete mit Zigarre und Schwenker die Arme aus, „als wäre es eure letzte.“ Er stellte das Glas ab und drückte den Stumpen im Zigarrenaschenbecher aus. Levin stellte verwundert fest, dass Spies Glas leer war. Spies stand auf.
Nun denn, am 21. wartet eine Führung in den Purah Besakih auf euch, jenen Tempel, den sie hier Muttertempel nennen.“ Spies schritt aus der Tür nach draußen und verschwand, wie sich Nebel auflöste, wenn man ihn mit schnellen Bewegungen zerstob. Levin rauchte auf, trank den Cognac aus und ging zu Bett. Er meinte am nächsten Morgen geträumt zu haben, doch als Sybille ihn fragte, warum zwei Gläser im Salon stünden, hatte er keine Antwort parat.


21. Dezember 2012

Es waren fantastische Tage für Sybille und Levin gewesen. Sie hatten die Insel mit einem Leihwagen erkundet und die exotische und komplexe Kultur, sowie die landschaftliche Vielfalt der Insel genossen. Innerhalb kürzester Zeit erreichte man von Ubud aus traumhafte Strände, die unmittelbare Umgebung lud zu ausgedehnten Wanderungen ein und abends hörten sie sich Gamelan-Konzerte an (endlich wusste Levin, was das für ein Glockenspiel war, welches er gelegentlich gehört hatte) oder sahen sich eine touristische Kecak-Veranstaltung an. In all der Zeit: Keine Stimmen, keine Gerüche, keine Bilder, kein Walter Spies. Levin wusste, so war er einmal gewesen und Sybille verliebte sich neu in den alten Levin. Sie verbrachten ihre zweiten Flitterwochen.
Morgens klopfte es und der Fahrer eines Taxis wollte sie beide abholen. Sybille war erstaunt, Levin sagte, er wolle sie überraschen und sie ließ sich auf den Ausflug ein. Sybille packte ihren leichten Rucksack (Levin hatte seinen schon gepackt) und sie stiegen ins Taxi.
Da die Insel recht überschaubar und gut ausgebaut war, erreichten sie die beeindruckende Tempelanlage in Kürze.
Wow!“, staunte Sybille und sah die Treppen zum Haupteingang hoch. Levin nickte. Äußerlich gab er sich ruhig, doch innerlich war er aufgewühlt. Als hätte er unglaublich viele Antennen, die derzeit auf alles anschlugen und er drohte, zu zerbersten. Er wollte die Stufen erklimmen, als ein Balinese aus einem Seiteneingang herbeieilte und ihn auf Deutsch anredete,
Nicht hier, Mister. Kommen Sie, wir gehen ein Stück zu eine andere Ort.“  Levin, der solche Begebenheiten mittlerweile als völlig normal empfand, wollte dem Mann folgen, doch Sybille weigerte sich.
Was soll denn das? Wer sind Sie überhaupt? Wir wollen zum Tempel!“ Sie sah Levin auffordernd an. „Wehr dich!“, hieß der Blick.
Schatz, das ist schon in Ordnung. Das ist eine Überraschung von Großvater Balthasar. Ich weiß auch noch nicht genau, was uns erwartet, aber es wird schon richtig sein.“
Großvater Balthasar?“ Sybille war diese schmeichelnde Titulierung im Wortschatz ihres Mannes nicht geläufig, aber vielleicht entwickelte sich nachträgliche Zuneigung aus Dankbarkeit heraus. Sie nickte.
Sie folgten einem Pfad, der von der Tempelanlage wegführte und sie beschritten ihn so lange, bis Sybille zu rebellieren anfing. Zu Recht, wie auch Levin fand. Sie waren bestimmt schon eine dreiviertel Stunde gelaufen.
Nur noch eine bisschen, dann wir sind da“, beschwichtigte der Balinese, der sich ihnen mit Kutut vorgestellt hatte.
Wo gehen wir denn hin?“, fragte Levin.
Eine Höhle. Eine große Höhle“, antwortete Kutut und beschrieb gestisch eine große Höhle. Sybille schüttelte mit dem Kopf, gab sich aber nachsichtig und folgte ihnen weiter, obwohl sie Schmerzen litt, und das Baby (Linus Vincent) sie ständig trat.
Der Höhleneingang verbarg sich hinter einem Abhang und der Zugang war beschwerlich. Levin musste Sybille häufig seine Hand reichen, damit sie nicht stürzte.
Levin, ich glaub, ich kann nicht mehr. Es tut weh und Linus boxt die ganze Zeit.“ Sie stützte sich auf ihren Oberschenkeln ab und atmete tief durch.
Nur noch ein Stück“, motivierte er sie.
Und dann?“, fragte er sich im Stillen. Was dann? Er sah nackte Leiber, die sich aneinander rieben, die es miteinander trieben, Zähne und Augen aus einem Meer aus Flammen auf- und eintauchen, hörte tiefe, kehlige Rufe, die so laut waren, dass die sie ausstoßendenen Körper weitaus größer sein mussten, als alles, was er sich vorstellen konnte und wollte.
Nur noch ein Stück, dann haben wir es geschafft.“ Er lächelte sie an und reichte ihr seine Hand. Sie nahm sie und folgte ihm, auch wenn sie vor Schmerzen nur noch gekrümmt gehen konnte.   
In der Höhle brannten an den rohen Felswänden auf ihrem Weg hinein Fackeln. Die Höhle musste gigantisch groß sein, das gesamte Ausmaß war nicht zu erkennen. Ihr Weg führte hinunter, Levin erwartete eine angenehme Kühle, es überraschte ihn aber eine steinerne Wärme. Je weiter sie hinunter gingen, desto wärmer wurde es.
Hast du was gesagt?“, fragte Levin und drehte sich zu Sybille um.
Sie schüttelte keuchend den Kopf, dankbar für jede Pause, die sie erhielt. Levin ging weiter und nahm seinen Rucksack in die Hände. Sie erreichten eine kleinere Kaverne, die rundum und einmal quer durch die Mitte erleuchtet wurde. Levin dachte erst, auch in der Mitte seien Fackeln aufgestellt worden, doch es handelte sich um einen unterarmbreiten Spalt, aus dem es von unten wie von einer Esse leuchtete. Als es ihm bewusst wurde, umhüllte ihn der Rauch und vermengte sich mit dem Geruch von Schwefel aus dem Herzen der Glut. Trommeln erklangen zurückhaltend, Gamelanglocken schlugen an und Flammen züngelten empor. Flammen, die Schatten an die Wände warfen, die sich bewegten, die tanzten, die mit bedächtigen Schritten näher kamen. Es waren goldene Gestalten, jene die mit ihm seit Jahrhunderten auf Erfüllung gewartet hatten. Ein Schrei. Sybille, die zusammenbrach und vor ihm kniete und von 10, mit ihm 11, Kutte tragenden Gleichgesinnten umringt wurde. Er sah zu ihr hinab und sprach, nein, schrie die Formel des Erweckens in den Spalt. Dabei zog er den Kris, den gewundenen Dolch hervor. Die anderen wiederholten seine Worte. Er holte aus,  stach Sybille von oben in den Bauch. Schmerz und Schrecken vereinte sich in Sybilles Schrei und Levin schlitzte ihren Leib mit einem halbkreisförmigen Schnitt auf. Eine weitere Formel, ein weiterer Schnitt, halbkreisförmig in die andere Richtung. Sybille wollte fallen, sie wurde gehalten. In dem Spalt bewegten sich Schatten in mannigfaltigen Formen, Levin legte seinen Dolch ab und öffnete ihren Leib mit beiden Händen. Er spürte, wie sein Samen sich in ihr bewegte. Wie er drängte. Stöße erschütterten die Höhle, Stöße würden nun auch andere Höhlen erschüttern, Höhlen in Amerika, Asien, Afrika, Australien und Europa. Levin schwankte, ließ jedoch nicht los. Er half seinem Samen, sich heraus zu kämpfen. Er half IHNEN sich aus den Wänden zu lösen, aus dem Spalt zu kriechen. Ihm wurde heiß und er wusste, dass er verbrennen würde. Seine Haut warf Blasen, sein Griff ließ nicht locker. Die Formel, er sagte sie auf, wieder und wieder bis zum 11. mal. Er öffnete seine Augen und ehe sie in seinen Augenhöhlen verdampften, sah er etwas aus Sybille herauskriechen. Ein langes Insektenbein stieß hervor und ein Tentakel bewegte sich tastend aus ihr heraus. Samen von meinem Samen, dachte Levin, als der Vulkan Gunung Agung, der Berg der Götter, in einer plinianischen Eruption explodierte und neben Tonnen Gestein, Magma und Lavafetzen noch etwas anderes von sich gab.

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