Mittwoch, 17. April 2019

Interview mit Björn Ian Craig


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie. Im Hintergrund hören wir Javiere Navarrete:









VV: Moin Björn, schön, dass du den langen Weg aus der Schweiz zu uns gefunden hast.  Was möchtest du trinken?


B.I.C.: Jetzt kommt es natürlich drauf an, wann unser Treffen stattfindet ;-) Von morgen früh bis Mittag wär’s ziemlich sicher ein großer Kaffee; am späteren Nachmittag darf es gern ein kühles Bier sein und wenn wir uns spät abends zum Interview treffen dann könntest du mir auch gern einen Gin-Tonic ausgeben! ;-)

VV: Du bist mit deinem Cover für das Horrormagazin Zwielicht 12 in der Endrunde für den Vincent Preis! Herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet dir das?



B.I.C.: Ganz ehrlich? Ich freu mich riesig. Man bekommt sonst ja nur spärlich Feedback auf das, was man kreiert. Klar, findet ein Austausch mit den Herausgebern statt. Michael und Achim sagen mir schon, was ihnen gefällt und was nicht; und man selbst kriegt auch ein Gefühl, ob das, was man macht, funktioniert oder eher nicht. Aber wenn man dann für den Vincent Preis nominiert ist, dann freut mich das umso mehr. Schließlich bedeutet dies ja auch, dass mein Cover ein paar mehr Menschen gefallen haben muss, als nur dem inneren Kreis.



 VV: Ich finde deine Arbeit mal wieder genial! Wie bist du auf das Motiv „Treppenhaus“ gekommen?  


B.I.C.: Danke für die Blumen. Seit ich für Zwielicht arbeite versuche ich immer das Phantastische im Alltäglichen zu finden. Also stelle ich immer alltägliche Situationen dar – nur halt immer monströs überhöht oder dämonisch überspitzt. Seien das übergroße Motten, die vom Leuchtturm angezogen werden oder ein Schattenwurf, der so gar nicht seinem Verursacher entspricht. Beim aktuellen Cover ließ ich mich von einem Treppenhaus-Foto inspirieren, bei deren erster Betrachtung meine Phantasie mir die Zähne in den Geländeelementen bereits vorgegaukelt hatte und ich erst bei einer zweiten, genaueren Betrachtung sah, dass diese gar nicht vorhanden waren. So war die geboren…

VV: Seit der dritten Ausgabe der Zwielicht bist du vor das Artwork verantwortlich und ich finde, du hast dem Magazin dadurch eine ganz eigene Note verpasst, die den Inhalt gut wiedergibt. Immer Grusel, immer etwas Beklemmung, mit viel Liebe zum Detail. Wie ist deine Herangehensweise und wie kam es zu der Zusammenarbeit?


B.I.C.: Als Michael gerade die dritte Ausgabe von Zwielicht vorbereitete kam er auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust hätte für sein Magazin die Cover zu entwerfen. Er kannte meine Arbeiten, da sie auch schon für den Vincent Preis nominiert wurden sind und ich ihn in dieser Kategorie auch bereits einmal gewinnen konnte. Auch für das Motiv der zweiten Vincent Preis-Urkunde hatte er mich schon angefragt. Und für Zwielicht 3 hatte ich auch bereits eine Skizze in Petto, die für meinen Geschmack perfekt zur Buchreihe zu passen schien (Motten mit Leuchtturm). Von diesem Moment an arbeite ich regelmäßig für die Reihe und habe auch schon ein paar schriftliche Beiträge und eine kleinere Übersetzung beigesteuert, da mir die Mischung aus Geschichten und Hintergrundberichten sehr ansprechen.





VV: Du zeichnest per Hand vor, ehe es an den Rechner geht, richtig? Warum?



B.I.C.: Gewisse Coverillustrationen beginnen mit einer Handskizze aber es ist nicht so, dass sie am Ende immer komplett handgezeichnet sind. Ich arbeite auch viel mit Texturen und eigenen oder lizenzfreien Fotografien. Was mir aber wichtig ist, ist die Idee. Die Bildidee steht bei mir IMMER an erster Stelle. Ohne sie setze ich mich gar nicht erst an den Schreibtisch oder an den Rechner; sie muss vorher schon existieren. Und diese Bildidee entsteht immer zuerst im Kopf, meistens dann, wenn ich gar nicht an das Projekt denke. Das kann während der Arbeit passieren, auf dem Nachhauseweg, während dem Einkauf etc. Plötzlich springt mich im wahrsten Sinne des Wortes so eine Idee an und beißt sich in meinen Hirnwindungen fest. Wenn sie was taugt, skizziere ich sie schnell auf bevor sie vergessen geht.


VV: Hast du schon einmal überlegt, zu schreiben? Weil dann zum Bild eine Geschichte kam?


B.I.C.:  Hab ich mal… in meiner Jugendzeit. Es existiert sogar ein ganzes Notizbuch voll mit Storyansätzen und -ideen aus dieser Zeit. Aber wirklich ausformuliert hab ich nur etwa eine Handvoll; und mehr wie zehn Seiten pro Geschichte hab ich auch nicht zusammenbekommen. Ich denke, meine Stärke liegt eindeutig im Visuellen und nicht im Textlichen. Obwohl es mich immer mal wieder überkommt, einen sekundärliterarischen Text zu verfassen, kombiniert mit einer ausgiebigen Recherche. So geschehen für Zwielicht 3, wo ich mich mit dem Schriftsteller Karl Edward Wagner auseinander gesetzt habe oder dann vier Ausgaben später, wo ich dem Phantastik-Interessierten die wunderbare englische Schriftstellerin Sheila Hodgson und ihre Geistergeschichten in M.R. James Manier versucht habe näherzubringen.


VV: Liefert dir eher immer der Alltag die Bilder, die Ideen dazu oder sind es die Inhalte, die du vorher liest?



B.I.C.: Bei Zwielicht sind es meist Situationen aus dem Alltag, die mir die Bildideen liefern. Für andere Arbeiten – etwa Kurzgeschichtenbände oder Anthologien beispielsweise von Markus. K. Korb (Phantasma Goriana) oder Malte S. Sembten (Dhormenghruul) – waren tatsächlich die Stories das Entscheidende, um das Cover zu kreieren. Bei diesen zwei Autoren hat auch immer ein äußerst reger Austausch stattgefunden, wo wir Ideen hin und her jongliert und so das Cover gewissermaßen zusammen entwickelt haben.


VV: Gibt es Bilder, die dich geprägt haben? Ich frage immer aus der Haltung eines Autors, da gibt es nämlich auch oft immer Bücher, die einen bewegt haben.

B.I.C.: Es gibt es eine Vielzahl an Kunstwerken, die mir gefallen. Ob sie mich auch geprägt haben, ist wohl schwierig zu sagen. Aber einen bleibenden Eindruck haben sie sehr wohl bei mir hinterlassen. H.R. Gigers Oevre hat mich schon als Jugendlicher stark beindruckt, aber auch klassische Künstler wie Edvard Munch, Max Ernst oder Hans Bellmer gefallen mir sehr. Und es gäbe so viele weitere zu nennen… Arnold Böcklin beispielsweise, dessen Toteninsel bei uns im Basler Kunstmuseum ausgestellt ist.



VV: Kannst du von deiner Kunst leben?


B.I.C.: Leider nicht. Die Buchcover, die ich kreiere, sehe ich als Ausgleich und auch als Ergänzung zu meiner Arbeit als Werbegrafiker, da ich hier vieles ausprobieren kann, was mir im Alltag verwehrt ist. Ich mache hierbei auch nur wenige Zugeständnisse und Kompromisse.

VV: Ich habe gelesen, dass du auch Giger-Museum warst. Ich fand das Museum auch einfach nur den Hammer. War Aliens dein Erstkontakt zum Horror, zur Sci-Fi? Oder wie fing das bei dir an?

B.I.C.: Ja, das ist allerdings auch schon ein paar Jahre her. Aber ich kann nur sagen: es ist der Wahnsinn – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Giger Museum in Gruyères ist wahrlich eine Reise wert. Das Faible zum Unheimlichen hatte ich schon von klein auf und die ersten Horrorfilme, mit denen in Kontakt gekommen bin waren zunächst die Klassiker des Genres, wie „Psycho“, „Der Weiße Hai“, „Poltergeist“. Dann kamen die Stephen King Verfilmungen „Es“ und „Brennen muss Salem“. Und dann stellte ein Privatsender in einer Horrorreihe die Werke John Carpenters vor. Egal ob „Halloween“, „Das Ding“ oder „Fürsten der Dunkelheit“… seine Filme finde ich bis heute genial und kann sie mir immer wieder anschauen.

VV: Warum dann Horror? Was macht da für dich die Faszination aus?


B.I.C.:  Keine Ahnung. Es ist aber wohl das Gefühl des Sich- Gruselns, das es für mich ausgemacht hat und nach wie vor ausmacht. Dabei bin ich auch eher der Anhänger des klassischen Grusels – huschende Schatten, merkwürdige Geräusche und natürlich eine Geschichte, die einen packt… Von Blutfontänen und reinem Splatter halte  ich mich fern. Das ist nicht mein Ding.


VV: Im Horror geht es ja immer irgendwie um das Böse … in welcher Gestalt auch immer? Was ist das Böse für dich? Was lässt dich gruseln?  

B.I.C.: Das Böse für mich ist das, was man nicht sieht, nur erahnen kann. Etwas nicht Greifbares, was der Verstand nicht zu fassen vermag, löst Ohnmacht und Furcht aus.


VV: Hattest du übersinnliche Erfahrungen gesammelt in deinem Leben?  


B.I.C.: Bis jetzt leider nicht… wobei halt, … doch,… sofern man das so nennen kann: In meiner Jugend ist mir ab und an ein Gefühl des Deja-Vus überkommen: Momente, in denen ich das Gefühl hatte genau diesen Augenblick schon mal erlebt zu haben. Aber damit hat es sich leider auch schon mit meinen übersinnlichen Erfahrungen.

VV:  Was sind deine Zukunftspläne?

B.I.C.: Ich würde gerne weiter unheimliche Visionen kreieren können und Büchern zu einer unnachahmlichen Erscheinung verhelfen. Leider ist das nicht immer so einfach. Der zeitliche Rahmen muss passen … schließlich mach ich diese Dinge in meiner spärlichen Freizeit. Aber nicht nur. Gerade auf diesem Gebiet ist es wichtig, dass mir der Auftrag auch Spaß macht.

VV: Björn, vielen Dank, dass du hier warst. Und ich wünsche Dir viel Erfolg bei der Abstimmung zum Vincent Preis! 

B.I.C.: Dankeschön. Hat Spaß gemacht, mit dir zu plaudern. Bin egal, wie die Abstimmung auch ausgehen wird, schon mega stolz darauf, überhaupt nominiert worden zu sein.





Und hier kommen die 11 ...
Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)


VV: Horror oder SciFi?

B.I.C.: Beides. Nur Fantasy schneidet bei mir schlecht ab.

VV: Ein Buch, das du gerne illustriert hättest?

B.I.C.: Michael Siefeners SCHÄCHTE.


VV: Worüber kannst du dich aufregen?

B.I.C.: Über mangelnde Kommunikation


VV: Wein oder Bier?

B.I.C.: Beides. Der Rahmen dafür ist entscheidend. Aber wenn ich mich tatsächlich für eines entscheiden müsste, dann: Bier.


VV: Vampir oder Werwolf?


B.I.C.: Vampir. Mit Werwölfen kann ich nur sehr wenig anfangen.



VV: Du kannst dir ein Horrorsetting zum Probeleben mit Überlebensgarantie aussuchen. Welches wäre das?




B.I.C.: Eine Nacht alleine in einem heimgesuchten Schloss verbringen.

VV: Lieblingsessen?

B.I.C.: Ein guter Cheese-Burger mit Bacon.




VV: Poe oder Lovecraft?

B.I.C.: Mhhh… schwierig. Aber ich denke, da muss ich Lovecraft den Zuschlag geben.




VV: Warum?

B.I.C.: Lovecraft begleitet mich einfach schon länger.




VV: Film oder Comic?

B.I.C.: Film




VV: Ich will unbedingt einmal …?

B.I.C.: …nach Island. Dieses Land fasziniert mich.


Samstag, 13. April 2019

Uwe Voehl - Totenmeer

Uwe Voehl steht dieses Jahr zur Wahl des Vincent Preis 2018. Sein gemeinsamer Roman mit Jörg Kleudgen ist nicht die erste Nominierung. Beim Vincent Preis 2009 erreichte Der Kuss der Medusa einen beachtlichen (und knappen) zweiten Platz. Beim Vincent Preis 2012 landete er beim Sonderpreis auf Platz 3.
Beim Vincent Preis 2017 wurde seine gemeinsame Arbeit mit Malte S. Sembten, Fischmond, auf Platz 5 gewählt.
Beim Vincent Preis 2008 erreichte sein  Kurzgeschichte Midnight Marschall (zusammen mit Cranker Driscoll) Platz 8 und landete bei der Wahl zum Besten Autor auf Platz 4. Midnight Marschall erschien in der Anthologie Creatures des Verlags Eloy Edictions, diese ist schwer zu bekommen. Interessierte können auch den Nachdruck in Zwielicht Classic 14 erwerben.

Uwe Voehls Roman Das Totenmeer landete beim Vincent Preis 2008 auf Platz 2. Trotz Limitierung von 99 Exemplaren. Der Roman ist natürlich nicht mehr erhältlich und wer ein Exemplar für einen erschwinglichen Preis ergattert darf sich freuen. Zuletzt wurde Totenmeer als E-Book angeboten, aber auch das ist nicht mehr erhältlich.
Aber es gibt erfreuliche Nachrichten. Die Neuauflage des Gespenster Krimi macht es möglich. Am 23.4 erscheint Totenmeer als Gespenster Krimi Band 14. Also einfach zum Kiosk und ran an den Band.


Donnerstag, 11. April 2019

Oliver Müller im Interview


Michael Schmidt: Lieber Oliver, herzlichen Glückwunsch zur Nominierung zum Vincent Preis 2018!

Oliver Müller: Vielen Dank. Als ich meinen Namen auf der Longlist gesehen habe, habe ich mich schon riesig gefreut. Jetzt in der Endrunde zu stehen fühlt sich fantastisch an.

Michael Schmidt: Ich weiß nicht ob dich die Vincent Preis Gemeinde kennt. Stell dich doch mal vor!

Dienstag, 9. April 2019

Interview mit Jana Oltersdorff


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie zum Inhalt. Im Hintergrund hören wir Cryo Chamber : https://www.youtube.com/watch?v=ppiGTLqfaWc





VV: Moin Jana, herzlich Willkommen hier beim Vincent Preis. Schön, dass du da bist. Was möchtest du trinken? 

JO: Moin, Vincent! Um die Uhrzeit? Da wäre ein Cuba Libre schön. Oder Sekt. Sekt geht immer.


VV: Deine Erzählungen aus „Dunkle Begegnungen haben es bis in die Endrunde des Vincent Preis´ für die beste Storysammlung geschafft.  Wie fühlt sich das an?


 JO: Verdammt geil! Seit ich von diesem Preis weiß, war es immer ein heimlicher Traum von mir, da auch mal auf die Shortlist zu kommen. Ich freue mich wahnsinnig über die Nominierung!


 VV: Dunkle Begegnungen ist ein Qindie-Buch. Was bedeutet das?

JO: Ich bin Mitglied bei Qindie fast seit dessen Gründung. Qindie ist ein Zusammenschluss von unabhängigen AutorInnen, die sich zum Ziel gesetzt haben, Büchern, die durch ihre handwerkliche Gestaltung und ihre sorgfältig ausgearbeiteten Texte von Verlagspublikationen quasi nicht zu unterscheiden sind, ein Gütesiegel zu verleihen – das Q. Wir haben mit Qindie also dem schlechten Ruf, den Selfpublishing leider immer noch in den Köpfen vieler hat, den Kampf angesagt. Das Q soll dem potenziellen Leser also zeigen: Hier hast du ein sorgfältig erstelltes Buch mit sauber lektorierten Geschichten und professioneller Innen- und Außengestaltung, ganz ohne Verlag. Ob es dem potenziellen Leser dann auch inhaltlich gefällt, steht freilich wieder auf einem anderen Blatt.

VV: Ah, Okay. Ich muss sagen, ich habe bei deinen Geschichten nie darauf geachtet, weil es nie etwas zu bemängeln gab … Deine Geschichten sind für mich eine sehr … krasse Mischung aus Alltag und Abseitigem. Treffe ich das einigermaßen oder liege ich da falsch?

 JO: Ich finde, das hast du sehr schön zusammengefasst. Hätte ich nicht besser ausdrücken können. Und echt? Du findest die Geschichten krass? Ich nehme das als Kompliment. Aber es stimmt: Ich finde meine Themen und Ideen häufig im ganz normalen Alltag. Da reichen manchmal völlig banale Situationen, um mein Kopfkino zum Rattern zu bringen. Immer nach dem Motto „Was wäre wenn“.

 VV: Ich sattel mal das Einhorn von hinten auf. Deine Geschichte „Die Sache mit dem Einhorn“ stürzt den Leser in ein echt fantastisches Setting, aber die Situation ist so glaubwürdig, dass man da gar nicht großartig nachdenken muss. Als Einhornhasser hat mir deine Geschichte unglaublich gut gefallen … Jetzt mag ich sie wieder! Wie kam dir die Idee dazu?

 JO: Auslöser war eine Ausschreibung für eine Anthologie, die nach einigem Hin und Her inzwischen eine Heimat im Redrum Verlag unter dem Titel „14 Shades of Unicorns“ gefunden hat. Gesucht wurden Geschichten über Einhörner fernab der Klischees. Nix mit Plüsch, Glitzer und Regenbogenpups. Stattdessen knallharter Horror, makabre Settings, je abgefahrener, desto besser. Mir ging es zu dem Zeitpunkt wie so vielen: Der Einhorn-Hype nervte mich nur noch. Man konnte sich kaum retten vor all den niedlichen, fetten Knuddeleinhörnern mit albernen Poesiealbumsprüchen. Einhorn war jetzt Mainstream und einfach überall. Da wusste ich, wie ich mich „rächen“ könnte. Ich würde ein Einhorn in das Zentrum meiner Geschichte stellen. Ein wunderschönes, majestätisches, prächtiges Einhorn, so wie ich die Wesen einst kennen und auch lieben gelernt habe: magisch, unnahbar, nicht von dieser Welt. Mit einem Haken: Mein Einhorn sollte richtig böse sein. Aber so richtig böse. Die Idee war geboren. Alles weitere ergab sich dann im Schreibprozess. Es freut mich, dass dir meine böse Einhornstory gefallen hat!

 VV: „Schwarzer Nebel“ hat mich, klar als Vater, der die Abläufe im Kindergarten kennt, auch sehr begeistert. Die erste Übernachtung der Kinder … und dann so etwas! Wie reagieren die Leute aus deinem Nahfeld, wenn du so etwas Gruseliges schreibst? Also ich meine, hast du Kinder, musst du die nicht auch in den Kindergarten bringen …

 JO: Tatsächlich enthält diese Geschichte einen autobiografischen Anteil. Als unsere Kinder (wir haben Zwillinge) zu ihrer Übernachtungsparty im Kindergarten gingen, hielt die Leiterin eine Ansprache und benutzte ziemlich genau die Worte, die auch Frau Kramer in „Schwarzer Nebel“ sagt: „Sehen Sie sich Ihre Kinder noch einmal genau an, denn morgen früh werden sie nicht mehr dieselben sein.“ Tja, und während andere heimlich Tränen der Rührung wegdrückten, fing bei mir das Kopfkino an zu rattern. Das war wieder so ein typischer Was-wäre-wenn-Moment. Allerdings hat es dann noch ein paar Jahre gedauert, bis ich diese Geschichte tatsächlich aufschrieb. Da waren meine Kids schon längst in der Schule. Vielleicht habe ich ja etwas Abstand gebraucht. Horrorgeschichten mit Kindern gehen mir auch immer ziemlich nahe, und so etwas hatte ich bis dato auch noch nie selbst verfasst. Meinen Kindern geht es übrigens gut – ihre Übernachtungsparty muss der Hammer gewesen sein, nur geschlafen wurde da wohl wenig. 😊

 VV: Rent a body Inc. könnte auch gut als Crossover SciFi-Horror-Geschichte durchgehen. Unglaublicher Twist und ohne Splatter echt hart, was da deinem Protagonisten wiederfährt. Quälst du deine Figuren gerne?

 JO: Naja, das macht schon ein bisschen Spaß, das gebe ich gerne zu. Der Reiz bei „Rent a Body, Inc.“ war für mich, den Kampf zwischen Protagonist und Antagonist zu beschreiben, der ja eigentlich nur im Kopf und gar nicht wirklich stattfindet und gleichzeitig vollkommen real ist. Moment mal, wo ich so drüber nachdenke: Eigentlich habe ich weniger meine Figuren als vielmehr mich selbst gequält, denn es war wirklich harte Arbeit, diese Story zu schreiben. Es hat mich auch einiges an Nerven gekostet, weil ich viel mit Perspektivenwechsel und Monologen gearbeitet habe. Ich war froh und erleichtert, dass am Ende eine Geschichte mit nachvollziehbarer Handlung und einem – wie ich finde – coolen Finale herausgekommen ist.





VV: Du schreibst, das ist mir in der Storysammlung aufgefallen, oft aus der Sicht männlicher Protagonisten? Woran liegt das? Nein, die Frage mit dem Quälen vorher hat gar keinen Bezug hierzu … ;) Aber steckt da vielleicht auch eine Art von Kritik hinter?

JO: Oh, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Gerade mal nachgezählt: Von den zehn Geschichten in „Dunkle Begegnungen“ erzähle ich genau die Hälfte aus einer männlichen Perspektive. Das ist … interessant. Was das über mich aussagt? Ich hoffe, nicht viel mehr als dass ich durchaus in der Lage bin, mich in das andere Geschlecht zu versetzen, um glaubwürdig aus seiner Sicht zu erzählen. Aber Absicht oder irgendeine Art von Kritik steckt nicht dahinter. Bei mir steht oft zuerst eine grobe Idee, dann folgt der Protagonist. Ich habe mich oft gar nicht bewusst für das eine oder andere Geschlecht entschieden, das ergab sich einfach aus der Idee und dem Plot. In manchen Fällen konnte die Story nur mit einer männlichen Hauptfigur funktionieren, in anderen musste es unbedingt eine Frau sein, wie zum Beispiel meine resolute Rita aus „Im Waschkeller“. Bei den Geschichten, wo es im Prinzip egal war, habe ich einfach das Geschlecht genommen, das mir als erstes in den Sinn kam oder anders ausgedrückt: Ich habe meinen inneren Blick auf die Leinwand meines Kopfkinos konzentriert und mir die Person angeschaut, die da als erste auftauchte.

 VV: Also intuitiv. Wie bist du denn eigentlich zum Schreiben gekommen?

 JO: Oh je, jetzt kommt erstmal ne Klischee-Antwort: Ich hab schon Geschichten geschrieben, als ich gerade zu schreiben gelernt hatte. Nein, vielleicht nicht ganz so. Aber Schulaufsätze im Sinne von Geschichtenschreiben fand ich immer toll. Als Teenager folgte dann die Phase des Schwermütige-Gedichte-Schreibens, aber da begann ich auch, inspiriert von Büchern und Comics, die ich zu der Zeit las, eine Fantasy-Geschichte aufzuschreiben, in der es um fremde Welten, Magie und Elfen ging. Wer weiß, was daraus geworden wäre, hätte ich damals schon die technischen Möglichkeiten wie heute gehabt. So aber blieben diese Ideen und Notizen in der berühmten Schublade, wo sie allerdings immer noch schlummern und durchaus Potential hätten, sich noch einmal aufwecken und neu entdecken zu lassen. Dann wurde ich erwachsen, es folgten Jahre des ganz normalen alltäglichen Wahnsinns mit Job, Liebe, Heirat, Familie gründen und so weiter. Ich las weiter jede Menge Bücher und verlagerte mein Interesse immer mehr zum Horror. Eigene Ideen blitzten zwar dann und wann auf, ich machte aber nie was daraus – bis ich 2009 einen Aufruf zu einem Wettbewerb entdeckte, bei dem fantastische Geschichten mit Bezug zum Rhein-Main-Gebiet gesucht wurden. Tatsächlich schaffte ich es auf den letzten Drücker, meine Geschichte zu schreiben und kurz vor Ende der Deadline einzureichen. Wenn daraus nichts geworden wäre, wäre mein Interesse am Schreiben vielleicht gleich wieder eingeschlafen. Aber meine Geschichte kam nicht nur ins Buch – ich gewann diesen Wettbewerb sogar. Da hatte ich endgültig Blut geleckt. Seitdem schreibe ich und hoffe, dass ich diese großartige Beschäftigung nie wieder an den Nagel hänge.



VV: Und jetzt? Feste Schreibzeiten oder eher, wenn dich die Geschichte treibt?

 JO: Feste Schreibzeiten wären schön, kriege ich aber derzeit mit meinem Leben nicht vereinbart. Ich schreibe nicht täglich, manchmal sogar wochenlang gar nicht. Wenn aber eine Deadline näher rückt (ja, ich bin eine schreckliche Prokrastinateurin), dann verzichte ich durchaus auch mal auf Schlaf und schreibe bis weit nach Mitternacht. Überhaupt sind die späten Abendstunden meine liebste Schreibzeit.



VV: Wird es mal einen Horror-Roman von dir geben?

 JO: Sagen wir so: Ideen, die Potential für einen ganzen Roman haben, sind vorhanden. Mir fehlt bisher die Zeit und eher noch die Ruhe, das mal vernünftig zu sortieren, durchzuspielen und zu plotten. Ich schließe es also nicht aus, aber wann es soweit ist, weiß ich selbst nicht. Sollte ich es jemals fertigbringen, wirst du der erste sein, der das Manuskript lesen darf, versprochen!


VV: Du schreibst regelmäßig im Genre Horror. Was fasziniert dich daran? 

JO: Ich grusele mich einfach gerne, aber eben nur mit Horrorgeschichten und Horrorfilmen. Ansonsten bin ich ein ziemlich angstfreier Mensch, zumindest was die typischen Ängste vor Krabbeltieren, der Dunkelheit oder der Situation, nachts allein zu Hause zu sein, angeht. Guter Horror, der mir Gänsehaut bereitet, löst etwas in mir aus, ein Gefühl des Lebendigseins, wenn man das so nennen möchte. Und wenn ich es schaffe, ein wenig dieses Gefühls auch bei denen auszulösen, die meine Geschichten lesen, dann macht mich das wirklich glücklich.

VV: Finde ich spannend mit dem „Lebendigsein“. Wie bist du eigentlich mit „Horror“ sozialisiert worden?


 JO: Meine Eltern und Stephen King. Hahaha. Nein, im Ernst: Meine Eltern lieben Horror auch. Vor allem schauen sie sich gerne Horrorfilme an, und ich durfte schon mit zwölf Jahren mitgucken. Meinen ersten richtigen Horrorfilm vergesse ich nie. Das war „Gate – Die Unterirdischen“. Ich habe ihn zusammen mit meinen Eltern geschaut, Gott, was habe ich mich gegruselt. Ich habe die Hälfte des Films nur zwischen den Fingern meiner vors Gesicht gepressten Hände gesehen, aber das hat einfach Spaß gemacht! Und Stephen King? Nun, ich las meinen ersten King auch ungefähr in diesem Alter. Das war „Friedhof der Kuscheltiere“. Ich hatte das Buch mit einer Kurzbeschreibung in einem dieser Kataloge entdeckt, wie sie früher immer von den Buchhandlungen verteilt wurden. Das hatte mich total fasziniert, ich wollte das Buch unbedingt lesen. Tja, und danach war es um mich geschehen. King lese ich heute noch gerne, habe aber seitdem noch ganz viele andere großartige Horrorautoren entdeckt.

 VV: Braucht es das Übersinnliche für dich? Ich finde deine Art, Geschichten zu erzählen, ziemlich faszinierend, weil du das Abseitige einfach sehr glaubwürdig ohne langatmige Erklärungen voraussetzen kannst. Ich meine, ich glaube dir eben einfach, dass das genauso passieren kann. Wie machst du das?

  JO: Das ist toll, wenn du das so wahrnimmst. Tatsächlich spielt das Übernatürliche in den meisten meiner Geschichten eine Rolle. Es bricht in den Alltag meiner Figuren ein, es bedroht sie und die, die sie lieben. Vielleicht kommt es deshalb so glaubwürdig rüber, weil ich für meine handelnden Figuren auch immer ganz normale Leute auswähle, wie sie jedem von uns tagtäglich begegnen. Die wissen oft selbst nicht, was da gerade mit ihnen passiert. Oft können sie gar nichts dafür – klassischer Fall von „Falsche Zeit, falscher Ort“ – sie stolpern in diese Situationen und müssen versuchen, da lebend und unversehrt wieder rauszukommen.


VV: Was war denn das Gruseligste, das dir selbst passiert ist?

JO: Es passierte nicht mir direkt, sondern meinem amerikanischen Cousin, als ich 1994 die Sommerferien bei meinen US-Verwandten verbrachte. Wir machten einen Roadtrip quer durch den Westen der USA, rauf bis Montana und wieder zurück bis San Francisco. Irgendwo unterwegs besuchten wir abends eine Veranstaltung, wo ein alter Indianer mit Hut, so richtig klischeehaft wie aus einem Film, einen Vortrag über die Geschichte seines Volkes hielt und auch Lieder sang und so weiter. Meine Tante ist Biologielehrerin und Archäologin und war schon immer zutiefst fasziniert von Indianern (Jahre später heiratete sie sogar mal einen), deshalb waren wir da überhaupt hingegangen. Jedenfalls saß ich neben meinem Cousin, der auch ganz andächtig lauschte, und dieser Indianer schaute immer wieder zu ihm. Nach dem Vortrag kam er zu meinem Cousin, schaute ihm in die Augen und sagte: „Ich kenne dich.“ Mein Cousin reagierte unsicher und meinte nur „Nee, kann nicht sein, wir sind zum ersten Mal hier.“ Aber er antwortete: „Ich spreche auch nicht von dir, wie du jetzt bist. Ich kenne deine Seele. Sie ist alt und gehörte einst zu uns.“ Alter. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.


VV: Glaubst du, es gibt so etwas? So … komische Dinge??

JO: Ja, ich befürchte, diese „komischen“ Dinge gibt’s tatsächlich. Ich meine damit nicht, dass ich an Monster, Vampire und Zombies glaube, auch nicht unbedingt an Poltergeister und dergleichen. Aber solche Dinge wie die Story mit dem alten Indianer, die fühlen sich ziemlich echt an. Da wird wohl wirklich mehr zwischen Himmel und Erde sein, als wir Menschen wahrnehmen können. Aber es jagt mir keine Angst ein, es hinterlässt bei mir eher ein ehrfürchtiges Gefühl.

VV: Okay, ich kriege langsam Gänsehaut … Jana, kannst du etwas über kommende Projekte verraten?



 JO: Aktuell arbeite ich an einer neuen Geschichtensammlung, bei der ich mich noch kürzer fassen werde. Ein paar Werke habe ich schon bei Lesungen zum Besten gegeben. Ich nenne diese Kürzestgeschichten liebevoll „Gänsehautpralinen“ und habe vor, auch das Buch so zu nennen, wenn es endlich erscheint. Der Plan ist, jede dieser Geschichten zu illustrieren, so dass am Ende ein kleiner Schmuckband herauskommt. Eine Illustratorin habe ich bereits gefunden und wohl auch einen Verlag. Es existieren schon 15 Geschichten, 24 sollen es werden. Als Inspiration nutze ich den Mikrofiction-Wettbewerb auf der Schreibplattform Sweek. Dort wird jeden Monat ein neues Stichwort vorgegeben, zu dem eine Geschichte mit maximal 250 Wörtern geschrieben werden soll. Durch diese bunt gemischten Stichworte wird auch meine Storysammlung schön bunt gemischt. Ansonsten will ich mich an der einen oder anderen Ausschreibung versuchen. Wenn alles klappt, wird es auf jeden Fall etwas mit Zombies geben. Ich plotte bereits mit großem Spaß.

VV: Vielen Dank, Jana, dass du da warst. Viel Erfolg für die Endrunde!

 JO: Ich habe zu danken. Mir hat es viel Spaß gemacht! Den Erfolg wünsche ich auch allen Mitnominierten.




Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)

VV: Gruseligstes Märchen?

JO: Das kalte Herz

VV: Warum?

 JO: Hast du mal die alte Schwarz-Weiß-Verfilmung von 1950 gesehen? Der Holländermichel greift dem Kohlenmunk-Peter bei lebendigem Leib in die Brust, reißt ihm das Herz raus und ersetzt es durch einen Stein. Ich war traumatisiert! Noch Fragen?


VV: Käse mit Weintrauben oder Pflaumen mit Speck?

JO: Muss ich mich entscheiden? Na gut: Käse mit Weintrauben.

VV: Würdest du lieber in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen?

JO: Die Zukunft.

VV: Frühling oder Herbst? 

JO: Frühling. Trotz Heuschnupfen.

VV: Guter Horror ist für mich … ?

JO: Eine Geschichte, die lange nachwirkt, die mich nachdenken lässt, mich innerlich durchschüttelt. Als filmische Beispiele nenne ich mal „Dark Water“ mit Jennifer Connelly und „Get Out“ von Jordan Peele.

VV: The Ring oder Freitag, der 13te?

JO: The Ring.

VV: Deine Lieblingshorrorfigur ist …?

JO: Freddy Krueger. Scheiße, der Typ taucht in deinem Traum auf, und wenn er dich da tötet, stirbst du wirklich. Der war für mich immer der Endgegner, gegen den man nur verlieren kann.

VV: Du darfst dir einen Ort für eine Lesung aussuchen. Welcher wäre das?

JO: Ich habe meinen Lieblingsort für Lesungen schon gefunden: Das „Theater Schöne Aussichten“ in meinem Wohnort Dietzenbach. Das ist wie ein gemütliches großes Wohnzimmer, nicht zu groß, und der Theaterchef ist ein herzensguter, lustiger Kerl und Freund von uns.

VV: Hund oder Katze?

JO: Katze.

VV: Deine magische Waffe gegen das Böse wäre ein/e …?


 JO: Ein Magier, der mir die Dämonen vom Leib hält und dabei teuflisch gut aussieht? Wie war doch gleich die Frage?



Montag, 8. April 2019

Ralf Kor im Interview


Michael Schmidt: Lieber Ralf, herzlichen Glückwunsch zur Nominierung zum Vincent Preis!

Ralf Kor: Vielen Dank! Ich war selbst überrascht. Zwar wusste ich, dass die Geschichte dem einen oder anderen gefallen hat, aber dass sie bei der riesigen Konkurrenz in der Endrunde landen würde, hat mich echt umgehauen!

Michael Schmidt: Ich weiß nicht ob dich die Vincent Preis Gemeinde kennt. Stell dich doch mal vor!

Die Endrunde läuft weiter!

Die Endrunde des Vincent Preis 2018 läuft wie geplant weiter. Zur Abstimmung geht es hier.
Die Regeln, die definieren, ob man abstimmungsberechtigt ist, finden sich hier.

Zitat:
4. Wahlberechtigt sind alle Mitglieder des Forum www.horror-forum.com und eine ausgewählte Jury aus Autoren, Grafikern, Verlegern und Journalisten. Wer sich berufen fühlt, dem Vincent Preis seine Expertise zur Verfügung zu stellen, kann einfach bei uns nachfragen. Von uns kontaktierte Personen sind natürlich ebenfalls stimmberechtigt. Die auf den Listen vertretenen Künstler (Autoren, Grafiker, Herausgeber, Verleger, etc.) sind natürlich ebenfalls wahlberechtigt. Zusätzlich dürfen auch Mitglieder der Foren Horrorundthriller.de und gruselroman-forum.de und www.scifinet.org abstimmen.


5. Stimmabgabe erfolgt per Email an vincent@defms.de oder per E-Mail/PN des Horror-Forum an  Mammut.


Das Horror-Forum ist leider kurzfristig abgeschaltet worden. Daher bitte per Email abstimmen oder in den anderen Forum per PN, bei Unklarheiten einfach direkt bei mir nachfragen.

Sonntag, 7. April 2019

Interview mit Thomas Finn


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie zum Inhalt. Im Hintergrund hören wir Vivaldi: https://www.youtube.com/watch?v=odYiFYaq6pk



VV: Moin Tom, herzlich Willkommen hier beim Vincent Preis. Schön, dass du da bist. Was ist denn dein Getränk deiner Wahl?

TF: Tee. Speziell grüner Tee. Den trinke ich literweise.


VV: Dein Roman „Lost Souls“ hat es in die Endrunde zum besten deutschsprachigen Horror-Roman geschafft. Und auch meines Erachtens ist es lupenreiner Horror. Warum? Warum Horror?

TF: Zunächst: Ich freue mich wirklich sehr über den Platz in der Shortlist! In Lost Souls steckt auch viel Herzblut. Warum nun Horror? Naja, da hätten wir zunächst einmal unzählige beißwütige Ratten. Viele Ratten … Und das Schicksal von 130 verschwundenen Kindern … und mit dem ‚Rattenfänger von Hameln‘ eine alte deutsche Volkssage, die praktisch jeder kennt und die bei genauerer Betrachtung ziemlich verstörend ist. Ich denke, es sind zunächst einmal diese Zutaten, die den Roman grundsätzlich für einen guten Horrorstoff prädestinieren. Außerdem habe ich mich beim Schreiben von der Devise leiten lassen, was ich gruselig finde. Und das war im konkreten Fall eine Mischung aus Mystery und Monsterhorror. Am glücklichsten bin ich jedoch nach wie vor über die eigentliche Idee hinter dem Stoff.


VV: Dein Roman strotzt ziemlich vor guter Recherchearbeit.


TF: Danke. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich immer stark darum bemühe, die Realität so dicht wie möglich mit der Fiktion zu verschmelzen – bis beides möglichst kaum noch voneinander zu unterscheiden ist. Zu meiner Zeit beim Phantastik-Magazin Nautilus sprachen wir dabei gern vom Effekt der „fiktiven Authentizität“. Also dem Gefühl, dass die Geschichte trotz aller übernatürlichen Elemente tatsächlich wahr sein könnte. Bühnen, Hintergrunde, überraschende Details, all das muss zwangsläufig so präzise wie möglich recherchiert sein, um diesen Effekt zu erzeugen. Ein Freund meinte mal, dass das im Zweifel doch „Perlen vor die Säue“ geworfen wäre, da der Gelegenheitsleser gerade Kleinigkeiten kaum erkennen würde. Aber das stimmt nur zu Teilen. Es gibt auch jene Leser, die – wie bei Lost Souls tatsächlich geschehen - dann sogar eine Fahrradtour zu den Schauplätzen des Romans unternehmen, und sich darüber freuen, dass selbst die Farbe einer beschriebenen Tür stimmt.


VV: Bilde ich mir das nur ein oder warst du tatsächlich vor Ort?


TF: Nein, leider nicht. Das war zwar geplant, inklusive einer Wanderung durch das Ith-Gebirge. Aber während der Schreibarbeit starb mein Vater und dann waren plötzlich andere Dinge wichtiger. Aber dank meiner gut sortierten Hausbibliothek, Freunden aus dem Hamelner Umland, der Allmacht heutiger Suchmaschinen und so formidabler Recherchehilfen wie Google-Streetview war es zum Glück auch so möglich, all jene Dinge in Erfahrung zu bringen, auf die ich während des Schreibens den Fokus legte.


VV: Passiert dann bei der Recherche auch etwas, was den Roman beeinflusst?


TF: Oh ja. Unbedingt und immer wieder. Und manchmal ist das auch etwas gruselig, etwa, wenn sich plötzlich Elemente in die Handlung drängen, die du als Schöpfer der Geschichte niemals erahnt hättest. Du erinnerst dich an die seltsame Statue, die meine Protagonistin findet? Die Idee dazu entstand zunächst beim Schreiben und zielte rein auf den Effekt. Dann erst begann ich zu recherchieren, ob es im Hamelner Umland nicht etwas Reales gäbe, an das ich die Idee andocken könnte. So erst erfuhr ich überhaupt von der wundertätigen mittelalterlichen Marienstatue, die im Umland des Iths über Jahrhunderte kultische Verehrung genoss. Das hat der Handlung noch einmal einen richtigen Drive verliehen. Nur finde ich das im Nachhinein noch immer unheimlich. Fast so, als wäre all das tatsächlich Teil eines großen und verwobenen Ganzen …
Cover gerne mal wenden. Da steckt eine Überraschung drin ...


VV: Oh ja, das glaube ich dir gerne. Und wie stehst du zu Ratten? Übrigens bei deinem Nachwort musste ich schallend lachen. Schön, dass du noch hier bist!


TF: *lacht* Ich persönlich mag Ratten. Für mich sind das durchaus possierliche Tiere. Aber natürlich war mir von vornherein klar, dass Ratten einen gewissen Ruf genießen, weswegen sie für den Aspekt des „Monster-Horrors“ überaus geeignet sind. In diesem Roman, und angesichts des aufgegriffenen Themas, mussten sie natürlich als Sendboten des Schreckens stehen.


VV. Solltest du den VP gewinnen, was würdest dann machen?


TF: Mich zunächst einmal sehr freuen. Und dann würde ich die Urkunde neben jene aus 2010 hängen, denn damals war es mir vergönnt, den 2. Platz beim Vincent Preis mit „Weißer Schrecken“ zu ergattern. Die Urkunde dient mir heute noch als Ansporn. Aber ich gestehe, ein 1. Platz wäre mir natürlich noch lieber.


VV: So, jetzt wird es mal langsam persönlich. Du hast ja gesagt, ich darf alles mit mir dir machen, solange die Hosen an bleiben.


TF: Na toll. Hier, an diesem Tisch sieht man das gar nicht …


Kannst du dich erinnern, wann und warum du dich das erste Mal gegruselt hast?

TF: Hm, ich schätze, als mich meine Eltern erstmals als Kind allein in den Keller schickten, um dort etwas zu holen. Klar, es gibt natürlich keine Monster, die in Kellern leben. Andererseits behaupten das auch nur die, die unversehrt wieder zurückgekommen sind …


VV: Wie stehst du zum Übersinnlichen? Sind dir in deinem Leben Dinge wiederfahren, die spooky waren? Die du dir nicht erklären kannst?

TF: Als Atheist glaube ich nicht an das Übernatürliche – was aber nicht heißt, dass es nicht doch über“sinnliche“ Dinge gäbe, die mich heute noch rätseln lassen. Ich bin mal als Kind auf einem Spielplatz rücklings von einem hölzernen Rutschturm gefallen, als ich das dortige Dach erklimmen wollte – und war dann einige Stunden bewusstlos. Erwacht bin ich erst zuhause. Aber ich erinnere mich recht genau, wie eine Spielkameradin von ihrer Schaukel aufsprang und zu mir lief. Nur sehe ich diese Szene immer leicht von oben … ich muss da aber längst bewusstlos am Boden gelegen haben. Eine außerkörperliche Erfahrung? Wer weiß.


VV: Du schreibst regelmäßig im Genre Horror. Was fasziniert dich daran?

TF: Horror, Schrecken und Grusel sind die stärksten Empfindungen, die man als Leser empfinden und als Autor heraufbeschwören kann. Ich schätze, das ist es, was mich an diesem Genre am meisten begeistert.

VV: Vor allem in deinen Romanen „Weißer Schrecken“, „Aquarius“ und jetzt auch „Lost Souls“ geht es um das vergangene Böse, dass sich in der Gegenwart manifestiert, bzw. manifestieren will. Was fasziniert dich an Geschichte? Und wie weit, kannst du dir vorstellen, dass da etwas im Verborgenen lauert? 

 
TF: Dass wirklich etwas im Verborgenen lauert, glaube ich zwar weniger. Aber zumindest mich haben immer Storys fasziniert, die dem Vergangenen eine unheimliche Komponente zuschreiben. Der Gedanke „Was wäre, wenn unsere Altvorderen doch nicht ganz unrecht hatten?“ ist ja auch immens spannend.


VV: Bei Dark Wood lauert das Böse ja nicht nur im Außen, sondern viel stärker im Innen. Wie auch in deinen anderen Romanen, nur nicht so stark, wie ich finde. Glaubst du, es gibt böse Menschen?

TF: Ja, davon bin ich überzeugt. Ich selbst bin wissentlich noch keinem solchen Menschen begegnet – zumindest noch keinem wirklich Bösen -, aber die, die es taten, berichten unisono von Atembeklemmung und mehr durch deren schiere Präsenz. Mir reicht es, die Nachrichten zu verfolgen. Das Ausmaß an völliger Empathielosigkeit und Verrohung, das manche Zeitgenossen zeigen, lässt da wenig Interpretationsspielraum.


VV: Gibt es das Böse an sich?

TF: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube ja auch nicht daran, dass es das Gute an sich gäbe. Auch wenn ich das Konzept der Dualität theoretisch durchaus spannend finde. Aber was böse und gut ist, ist letztlich abhängig von unserer Biologie, unserer Psychologie und unserer Sozialisation. Ich glaube daran, dass wir als intelligente Primaten reflektierte Entscheidungen treffen – und dass uns die Folgen unserer Entscheidungen absolut bewusst sind. Wer Gutes tut, tut das ebenso reflektiert, wie jene, die Böses tun. Jene, die Böses tun, wissen ja auch, dass sie Böses tun – nur wägen sie den individuellen Nutzen ihrer Taten höher, als mögliche Folgen oder Sanktionen. Das „Böse an sich“ als Ausrede zu bemühen, ist genau das: eine billige Ausrede.


VV: War das Böse früher einfacher gestrickt als heute? Meinst du, deshalb sehnen wir uns vielleicht nach klassischen Gut-Böse Gegenüberstellungen?


TF: Da Böse und Gut Teil des philosophischen Denkens sind, zu dessen Verständnis aber auch ein gerüttelt Maß Bildung und Aufklärung gehört, war die Vorstellung darum früher vermutlich tatsächlich einfacher. Darstellungen von Engeln und Dämonen sind natürlich als Metaphern zu verstehen, aber selbst heute gibt es Zeitgenossen, die diese Metaphern sehr sehr wörtlich nehmen. Und Letzteres war in den alten Zeiten natürlich deutlich verbreiteter. Aber auch damals gab es Individuen, die diese Zusammenhänge sehr viel reflektiert betrachtet haben. Ob wir uns nun auch heute noch nach einer solchen Vereinfachung sehnen? Schwierig. Betrachtet man die Reaktionen einiger Zeitgenossen zu anderen komplexen Themen wie Flüchtlinge, Klimaschutz, Globalisierung etc. müsste man die Frage vermutlich mit Ja beantworten. Komplexität ist anstrengend und überfordert viele Menschen. Als reflektiert denkender Mensch ist mir das aber zu einfach. Denn auch ich fühle mich ja von Horrorfilmen und -literatur angesprochen. Und ich empfinde den empfundenen Schauer als letztlich aufregend und angenehm. Ich denke, das liegt an den uns innewohnenden Urinstinkten, die dadurch wachgerufen werden. Und ja, sicher auch an der jedem von uns innewohnenden Infantilität. Geschichten unterhalten uns aber nicht bloß, wir versuchen aus Geschichten immer auch zu lernen. Im Rahmen einer Erzählung hilft es daher, die Komplexität der Realität auf einfache Stereotypen und Grundmuster zu reduzieren. Was im Umkehrschluss jedoch nicht bedeutet, dass man die Komplexität der Realität darüber vergisst. Ganz im Gegenteil.

VV: Zum Schreiben an sich … feste Rituale, feste Zeiten, oder schreibst du nur, wenn dich die Muse küsst?


TF: Ich werde vor allem dann aktiv, wenn mich ein Abgabedatum plagt. Michael Ende meinte mal in einem Interview, dass er zu den Autoren gehöre, die immer lieber ‚geschrieben haben‘ als ‚zu schreiben‘. Ich musste damals sehr über diese Äußerung lachen, denn ich erkenne mich darin wieder. Schreiben ist manchmal überaus anstrengend und quälend. Ich brauche immer wieder erneut einen Impuls, um loszulegen. Wenn ich dann aber einmal angefangen habe, überkommt es mich wie ein Rausch. Dann muss ich die Geschichte zu Ende bringen – wobei ich dann zwischen drei und vier Monaten für einen Roman von ca. 450 Seiten benötige. Feste Arbeitszeiten habe ich nicht, aber ich schreibe dann jeden Tag viele Stunden bis gern tief in die Nacht hinein, wenn es schön ruhig ist, kein Telefon bimmelt und auch kein Postbote vorbeikommt. Nur ich, mein Kaffee oder Tee und meine Zigaretten. Und wahnsinnig Bock drauf, andere möglichst gut zu unterhalten.


VV: Ich kenne dich noch aus deiner aktiven DSA-Zeit (Das schwarze Auge/Pen&Paper Rollenspiel) und habe deine geschriebenen Abenteuer gespielt. Spielst du noch?


TF: Ja. Regelmäßig jeden Donnerstag – und auch darüber hinaus so häufig ich kann. Fantasy-Rollenspiele sind ein wunderbares Mittel, um in beliebige fremde Welten abzutauchen, und das meiste, was ich über Dramaturgie und Erzählkunst gelernt habe, entstammt dieser Leidenschaft. Meine Romane „Weißer Schrecken“ und „Dark Wood“ waren übrigens ursprünglich Rollenspielszenarien, die ich dann aufgebohrt und massentauglich gemacht habe.


VV: Du bietest mit Kollegen und Kolleginnen auch Schreibworkshops an. Übrigens sehr, sehr gute, kann ich aus eigener Erfahrung sagen und wenn du in Fahrt kommst, „performst“ du deine Ideen immer sehr beeindruckend. Hast du ein paar goldene Schreibregeln?

TF: Danke, danke. Die Lust aufs Performen entstammt natürlich ebenfalls dem Rollenspiel. Mir als

Teilnehmer macht das Zusehen und -hören ja auch mehr Spaß, wenn der Dozent etwas Show bietet. Schreibregeln? Puh. Schreiben lernt man letztlich nur durchs Schreiben. Egal was, alles beflügelt sich gegenseitig. Regel 1 wäre da vielleicht: Finde deinen eigenen Stil und verschwende deine Zeit nicht damit, andere nachzuahmen. Regel 2: Plotte deine Geschichte vorher, nicht erst während des Schreibens. Da hast du noch genug anderes zu tun. Regel 3: Rede dich nicht mit Schreibblockaden heraus, wenn es mal nicht flutscht. Geschichten fallen nicht vom Himmel und Musen gibt es nicht. Erinnere dich an Regel 2, denn offenbar hast du es dir vorher zu einfach gemacht.


VV: Was steht bei dir in Zukunft an? Wird es weiterhin Horror von dir geben?


TF: Aber ja. Nächstes Mal geht es mehr in internationale Gewässer … was du wortwörtlich verstehen darfst J


VV: Vielen Dank, Tom. Ich drücke dir die Daumen bei der Verleihung!


TF: Dank euch für euer Interesse.


Und hier wieder die …

Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)


VV: Bester Horrorfilm?

TF: Gleich zwei: „Bis das Blut gefriert“ und „The Ring“


VV: Bier oder Wein?


TF: Wein


VV: Guter Horror ist für mich wie …

TF: … Joggen. Anstrengend aber immer wieder sehr befriedigend.


VV: Berge oder Meer?

TF: Meer.

VV: Lovecraft oder King?

TF: Lovecraft


VV: Haunted House oder Backwoodslasher?

TF: Haunted House


VV: Deutschsprachiger Horror in der Literatur ist …?

TF: … wie das Salz in der Suppe, immer besser geworden, reich an tollen Einfällen, die Krönung der Erzählkunst
J


VV: Krassester Horrorfilm?

TF: Ebenfalls „The Ring“.


VV: Frauen haben Angst vor … ? Männer haben Angst vor …?

TF: … schlechten Spielrunden. Sorry, ich bin durch und durch Rollenspieler
J


VV: Wer inspiriert dich?

TF: Literarisch: Barbara Hambly, Tim Powers, Helmut Rellergerd (alias Jason Dark). Politisch: Angela Merkel, Robert Habeck, Barack Obama &
Sahle-Work Zewde. Gesellschaftlich: Greta Thunberg, Sophie & Hans Scholl, Greenpeace. Shit … ich befürchte, mit mindestens einer der Nennungen habe ich mich soeben aus dem Rennen katapultiert.

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VV: Du bist eine Horrorfigur. Wer wärst du dann?


TF: Ein fieser Harlekin …

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