Montag, 29. April 2019

Die Schauerliste Mai 2019

An dieser Stelle wollen wir regelmäßig beachtenswerte Werke des Genres Horror und unheimliche Phantastik präsentieren. Diese Schauerliste hat keine Vorgaben, es werden Neuerscheinungen ebenso wie Klassiker, aber auch Youngtimer, also Geschichten, die weder alt noch neu sind, berücksichtigt. Auch ist es völlig egal, ob es sich um lange oder kurze Romane oder Geschichtensammlungen handelt. Renommierte Verlage, Autoren und Kritiker nennen uns ihre Favoriten, und wir geben ihnen hier eine Plattform. 
Unsere Liste Mai 2019 präsentiert fünf herausragende Werke, und wir wünschen Ihnen eine gruselige Lektüre.

Vernon Lee - Amour dure - Unheimliche Erzählungen (1887)
Wer gern tiefer in die klassische unheimliche Phantastik einsteigen würde, aber einen antiquierten Sprachton fürchtet, ist mit diesem Erzählungsband sehr gut bedient, da sich die einzelnen Geschichten meist erstaunlich modern lesen. Alle diese Geschichten der begnadeten Kunstkennerin, Reiseschriftstellerin und Autorin unterschiedlichster Fiktionen wachsen langsam,
stimmungsvoll und atmosphärisch aus der Vergangenheit heraus und erblühen am Ende zu makellosen schwarzen Rosen, die uns echtes Unwohlsein bescheren.
Einige der beeindruckendsten Geschichten Vernon Lees habe ich ausführlich auf dandelion besprochen. Frank Duwald, Literaturkritiker.


Mittwoch, 24. April 2019

Interview mit Mario H. Steinmetz


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie zum Inhalt. Im Hintergrund hören wir Shub Niggurath : https://www.youtube.com/watch?v=KipDpynENv4






VV: Moin Mario, herzlich Willkommen hier beim Vincent Preis. Schön, dass du da bist. Durstig? Was möchtest du denn trinken? 


Mario H. Steinmetz: Herzlichen Dank für die Einladung. Es ist mir eine große Ehre. Einen Whiskey mit viel Eis würde ich gerne nehmen, danke.

Sehr schön hier, übrigens. Ich liebe schwarze Dahlien und rote Kanapees. Und Shub Niggurath ist eine hervorragende Wahl.




VV: Dein Roman „Dreizehn“ hat es beim Vincent Preis in die Endrunde zum bestendeutschsprachigen Horror-Roman geschafft. Was sagst du dazu? 

M.H.S.: Ich bin sehr glücklich darüber. Vor allem, weil der Vincent Preis für mich sehr viel bedeutet. Es ist nun mal „der“ Preis des deutschen Horror Genres.

 VV: Ich habe nach dem Lesen des Romans noch mehrmals den Klappentext gelesen. Sehr kritisch. Aber der ist verdammt gut. Es steckt so viel mehr in dem Roman, aber … er deutet viel an, aber verrät auch nicht zu viel. Hast du den geschrieben? War das schwer?

 M.H.S.: Der Klappentext stammt von mir, ja. Ich muss zugeben, dass ich Klappentexte hasse. In einem Roman steckt, wie du schon sagst, so viel mehr, als man in wenigen Sätzen beschreiben kann. Mir fällt es super schwer, das alles auf einen Punkt zu bringen, ohne zu viel zu verraten.  Da spielen auch Herz und Seele eine entscheidende Rolle. Aber wie es scheint, hat alles geklappt.

VV: Ich finde „Dreizehn“ ist ein sehr innovativer Roman mit klassischen Horror- und Figurenelementen. Fangen wir mal mit einem Hauptschauplatz an. Eine ehemalige Nervenanstalt auf Foulness-Island … hat der Ort die Idee geboren? Warst du dort?

 M.H.S.: Tatsächlich ist Dreizehn der einzige Roman von mir, dessen Handlungsorte ich nicht besucht habe. Und das mit Absicht. Ich wollte mir für Dreizehn eine eigene, passend stimmige Umgebung ausdenken. Da ich im Vorfeld viel über die Halbinsel gelesen habe, empfand ich diese als mysteriöses Sperrgebiet gepaart mit Flutgebieten und sturmumtoster Torflandschaft für eine Psychiatrie im klassischen Sinne perfekt.

VV: Was war die Vorlage für die Nervenheilanstalt? Ich fand sie übrigens atmosphärisch, auch und gerade mit Dr. Botkin als Leiter, sehr gelungen.

M.H.S.: Danke dir. Ich liebe Filme und Geschichten, die in Nervenheilanstalten spielen. Für mich müssen diese düster und altmodisch sein, mit vielen verschlossenen Türen, wo man nur ahnen kann, was dahinter vorgeht. Haunted Hill hat da sicher Einfluss genommen, oder die AHS Staffel Asylum, die ich regelrecht verschlungen habe. Dann war da meine Reise nach Rumänien, wo ich diese alte, brach liegende Anstalt besuchte. Das war der Moment, wo es Klick machte …

Doktor Botkin ist für mich das Sinnbild eines Arztes, der sich über das Wohl des Patienten erhebt, um seinen Visionen nachzukommen. Für ihn heiligt der Zweck alle Mittel, ganz unabhängig davon, dass es sich um eine historische Persönlichkeit handelt.

VV. Ah, Okay. In deiner Geschichte „Wicked Game“ war sehr viel Sex im Spiel und auch in deinem Roman spielt Sex eine Rolle. Mittel zum Zweck oder Salz in der Suppe?

 M.H.S.: Sex und Horror, Sex und Gewalt, Sex und Macht, sind sehr eng miteinander verbunden. Angst geht oft mit sexueller Erregung einher. Es werden Reize stimuliert, die dem Menschen die Fassade vom Gesicht reißen, ihn zu einer willenlosen, triebgesteuerten Puppe machen. Ich liebe es einfach, mit diesen Reizen zu spielen und Grenzen zu überschreiten.

Wicked Game geht in eine ganz andere Richtung als Dreizehn, offenbart uns unsere Nichtigkeit gegenüber bestimmten sexuellen Reizen. Reduziert uns zum Spielzeug unserer Sinnlichkeit.


VV: Deine Figuren Horvart und Ward haben ihre Macken und Liebenswürdigkeiten. Hattest du sie so angelegt oder haben sie sich ihre Eigenarten selbst … zugeschrieben?


M.H.S.: Sowohl als auch. Wenn ich Charaktere für einen Roman erstelle, lege ich anfangs nur einen Rahmen fest. Eckdaten, wie Lebenslauf, Aussehen, Vorlieben, etc.

Der Charakter prägt sich dann im Laufe der Story, wächst, entwickelt eigene Züge. Wenn ich schreibe, bin ich in der Szene, die sich vor meinem geistigen Auge abspielt. Und die kann ich nur noch vage steuern. Horvat war ursprünglich nur als Nebenfigur gedacht, doch die Frau ist einfach umwerfend, hat sich wie eine Schauspielerin am Set entwickelt. Man kann daher durchaus sagen, dass meine Figuren ein Eigenleben besitzen.

 VV: Du verknüpfst verschiedene Mythologien miteinander, wobei der Schwerpunkt auf der ägyptischen liegt. Dazu kommt noch die Geschichte eines alten Adelsgeschlechts. Und ich muss sagen … gewagt, aber gelungen. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

 M.H.S.: Zum einen fasziniert mich die ägyptische Mythologie schon sehr lange Zeit. Der Run auf die Grabungsstätte war in der Zeit um den ersten Weltkrieg am größten. Ein Wettlauf zwischen den Großmächten um Ruhm und Ehre, bei dem leider auch sehr viel zerstört wurde. Und besagtes Adelsgeschlecht war da vorne mit dabei. Hinzu kommt, dass ich deren Geschichte und Untergang immer sehr aufregend fand. Und so kam eins zum anderen …

VV: Okay. Mal was Handwerkliches. Wie weit ging deine Recherche? Oder ist die ägyptische Mythologie eine Passion von dir?

M.H.S.: Wir schon gesagt, fasziniert mich das Ägyptische. Vor Jahren habe ich das Totenbuch gelesen, auf das ich mich in Dreizehn beziehe. Meine Recherche ging natürlich tief in die Götterwelt hinein, gerade und vor allem, was den Übergang vom Leben zum Tod betrifft. Unglaublich sind hier auch die parallelen zum babylonisch sumerischen …

Recherche ist für mich ein Rausch, der mich in seinen Bann zieht. Die Kunst ist, sich nicht darin zu verstricken (lach).

VV: Wie viel Ethan Ward steckt in dir? Ich meine, wie lange würdest du versuchen, etwas Übernatürliches rational zu erklären? Und wieviel Probleme würde es dir bereiten es zuzulassen?




M.H.S.: Ich glaube an das Übernatürliche und hab da in meiner Vergangenheit ganz eigene Erfahrungen gemacht, bei denen ich mir die Finger verbrannt habe. Von daher würde ich das Übernatürliche sogar recht schnell zulassen. Viel schneller, als es Ethan tun würde. Mit ihm wollte ich eine Figur schaffen, die wohl Kontakt zum Übernatürlichen hatte, aber dennoch zu leugnen sucht. Sich letztendlich selbst mit vorgeschobener Rationalität belügt.

 VV: Du schreibst regelmäßig im Genre Horror. Was fasziniert dich daran?

M.H.S.: Mit Horror bin ich schon immer eng verbunden. Mich faszinierten die sogenannten Bösen immer mehr, als die siegreichen Helden. Die dunkle Seite ist tragisch, leidend, oft auch verzweifelt und zumeist missverstanden.

Horror ist für mich aber auch der Blick hinter die Masken, die wir tragen. Das Offenlegen des puren, hässlichen Selbst.

Dreizehn ist als Figur ohne Frage abgrundtief böse, aber auch tragisch und bemitleidenswert leidend. Mein Ziel ist, die Leser zum Überdenken des Bösen zu bringen, vielleicht sogar Verständnis dafür zu erwecken.

 VV: Wie bist du denn mit „Horror“ sozialisiert worden?

 M.H.S.: Als kleiner Junge. Allein zuhause. Im Fernsehen lief die schwarz weiß Fassung von Doktor Mabuse. Gerade, als er mit einem schrecklichen weißen Augen an einem Fahrzeug hing und irre lachte, schlug draußen ein Blitz ein und der Strom fiel aus. Das war jetzt als Szene nicht besonders schlimm, aber für mich prägend. Ich habe diese Szene noch heute im Kopf, sehe sie hinter meinen geschlossenen Augen. Eher ein Trauma also?

 VV: Muss man selbst Angst erlebt haben, um gut darüber schreiben zu können? Also, gruselt es dich auch selbst manchmal, wenn du schreibst?


M.H.S.: Oh ja, manchmal schreibe ich eine Szene, gehe dann mitten in der Nacht mit dem Hund raus in den Wald, und denke, fuck … da habe ich dann schon ein mulmiges Gefühl.

Ich habe Angst am eigenen Leib erlebt, Todesangst sogar. Das kerbt sich ein, krallt sich ein Leben lang fest. Irgendwann habe ich damit begonnen, meinen Nutzen daraus zu ziehen.

Wenn man über Ängste schreibt, die man selbst erlebt hat, schmeckt das nun mal anders ...


VV:  Und wie und wann schreibst du?


M.H.S.: Zuhause in aller Regel nachts ab 22:00 an meinem wunderschönen alten Schreibtisch. Zumeist mit passender Musik.

Unterwegs sehr gerne auf Flughäfen, während langer Flüge und an allen möglichen Orten. Da darf es sehr gerne laut und hektisch sein. Das ist dann meine Glocke.

Dead Man‘s Hand habe ich zum Beispiel fast komplett an den Handlungsorten geschrieben. Das war ein echter Flash.

Grundsätzlich schreibe ich jeden Tag, jedoch ohne besondere Zielsetzung.

 VV: Wie gehst du mit Deadlines um? Brauchst du sie oder schreibst du erst vor und wendest dich dann an deinen Verlag?

 M.H.S.: Am Anfang steht immer der Plot. Dann die Charaktere in der Story. Steht beides, wende ich mich an den entsprechenden Verlag, der daran Interesse haben könnte. Kommt es zum Vertrag, kommt es leider auch zur Deadline. Die hasse ich wie die Pest, konnte sie aber bisher immer einhalten.

Zumeist schreibe ich den Roman erst, wenn ich die Zusage einer Veröffentlichung habe. Das ist unglaublich motivierend.

 VV: Deine Ideen … wie ist das bei dir? Musst du erst etwas erleben, um auf Ideen zu kommen? Gibt es gute Phasen, wo du sie bekommst oder gehst du da eher technisch ran?

 M.H.S.: Ich habe das Glück, berufsbedingt viel zu reisen. Zumeist in die USA, aber auch innerhalb Europas oder dann wieder Südafrika. Bin ich im Ausland, nehme ich so viel wie möglich mit, nutze die Zeit. Das ist Inspiration pur. Dazu lese ich viel, schaue mir unglaublich gerne Filme an, und lasse mich auch durch Musik inspirieren. Bisher kamen die Ideen dann immer von selbst, formten sich zu Geschichten.

Ich meine, an was denkst du, wenn du in Deadwood stehst?

Oder das Buschland Südafrikas mit einem abgefuckten Landrover durchquerst?

 VV: Kannst du schon verraten, was gerade in Planung ist? 

 M.H.S.: Dead Man‘s Hand 2 schreibe ich gerade. Das soll dann zur LBM 2020 kommen. Dann überarbeite ich das Spielbuch Totes Land – Death Asylum, das wohl noch dieses Jahr veröffentlicht wird. Parallel dazu Totes Land 4 – Ravage, das in der Endphase des Lektorates steckt. Zusätzlich sind wieder einige Kurzgeschichten in der Pipeline.

Und, ganz frisch, habe ich endlich meinen Südafrika-Plot fertig, Arbeitstitel Böses Blut.

Ich brauche das Arbeiten an verschiedenen Projekten gleichzeitig. Stockt das eine, kann ich mich auf‘s andere stürzen (lacht).

 VV: Solltest du den Vincent Preis gewinnen … was würdest du dann machen?

M.H.S.: Ich war zwar schon auf einigen Shortlists, habe aber bisher nie gewonnen. Vermutlich würde ich Schnappatmung bekommen, wie Rumpelstilzchen im Kreis hüpfen, und mir nen supergroßen Whiskey mit Eis gönnen. Das wäre für mich einfach unglaublich, ein absoluter Meilenstein. Die Erfüllung eines Traumes … etwas ganz Besonderes.

Gemeinsam mit den anderen, großartigen Büchern ins Rennen zu gehen, ist für mich ziemlich aufregend, denn ich würde es jedem gönnen.

VV: Schön, dass du da warst, Mario. Und auf jeden Fall wünsche ich dir, dass möglichst viele LeserInnen für dich abstimmen werden.



M.H.S.: Herzlichen Dank für die tollen Fragen. Es war mir eine Ehre. Und wie gesagt, Träume können sich erfüllen … oder auf ewig ein Traum bleiben.




Und dann noch …


 Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)



VV: Drei Bands oder Musiker, die dich geprägt haben?

M.H.S.: Sisters of Mercy, Diamanda Galas, Cash

 VV: Woran erkennt man einen Rheinländer?

 M.H.S.: Ich komme aus Rheinland Pfalz. Punkt.


 VV: Splatter oder schwarz-Weiß-Horrorfilme?


M.H.S.: Beides



VV: Frankenstein oder Dracula?

M.H.S.: Frankenstein



VV: Warum?


M.H.S.: Weil tragisch, traurig, und voller Sehnsucht


VV: Drei Horrorfilme, die dich geprägt haben?


M.H.S.: Hellraiser (1), Shining, Nosferatu


VV: „Dreizehn“ wird mit ungeahntem Budget verfilmt. Du wählst die Schauspieler … Ethan Ward ist …? Natascha Horvat ist …? Dr. Botkin ist …?


M.H.S.: Ethan Ward = Christian Bale, Natascha Horvat = Emma Watson, Doktor Botkin = Christoph Waltz


VV: Der Film ist ein mega Erfolg, alles ist möglich. Welchen Traum würdest du dir verwirklichen?


M.H.S.: Ich liebe Amerika. Vermutlich würde ich auswandern, den Winter in Texas oder Arizona verbringen, und den Sommer in Alaska oder South Dakota. Und ich würde schreiben, bis mir die Finger bluten.



VV: Fußball oder Tennis?

M.H.S.: Reiten, schießen und fechten




VV: Ein guter Spruch auf einem Grabstein?

M.H.S.: Aus meinen leeren, toten Augenhöhlen werden keine Skorpione kriechen




VV: Eine Frage, die man dir nicht stellen sollte?



M.H.S.: ...



Marburg-Con 2019

Das Programm steht fest:
Marburg-Con 2019 - Programm 11. Mai 2019
Zeitliche Einteilung unter Vorbehalt!!

"Programmbühne" (Konferenzraum)
11.00 Uhr: P. C. Thomas, Lesung
12.00 Uhr: Tia und Alfred Berger/Spiegelberg Projekt, Lesung
13.00 Uhr: Verlagslesung von Blitz-Verlag, Whitetrain und Goblin Press
14.00 Uhr: Geisterspiegel mit Autoren von "Dark Islands" , Lesung
15.00 Uhr: Verlagslesung Leseratten Verlag
16.00 Uhr: Verlagslesung Verlag Torsten Low
17.00 Uhr: Uwe Voehl/Professor Zamorra-Team, Vortrag/Lesung
18.00 Uhr: (Horror-)Autorengruppe WRITTEN IN BLOOD, Lesung
19.00 Uhr: Vincent Voss, Lesung

"Kegelbahn" (Raum der Bürgerhausgaststätte)
12.00 Uhr: Alexander Bach, Lesung
13.00 Uhr / 13.30 Uhr: Ju Honisch, Lesung / Lucian Caligo, Lesung
14.00 Uhr: Jaqueline Eckert/Ulf Fildebrandt (Lysandra Books), Lesung
15.00 Uhr: Axel Kruse, Lesung
16.00 Uhr / 16.30 Uhr: Eva von Kalm, Lesung / Monika Loerchner, Lesung
18.00 Uhr: Sören Prescher, Lesung

"Hauptsaal" (Börsenbereich)
10.00 bis 20.00 Uhr: Phantastik-Börse
20.00 Uhr: Verleihung des Vincent Preis, anschl. Verleihung des Marburg-Award

Wir freuen uns, dass auf dem Marburg-Con 2019 die folgenden Autoren, Gruppen, Künstler und Verlage mit Ständen vertreten sind:
BLITZ-Verlag, Lucian Caligo, Rudolf Eizenhöfer, Eridanus-Verlag, Geisterspiegel.de, Goblin-Press/Jörg Kleudgen, Petra Hartmann, Leseratten-Verlag, Verlag Torsten Low, Lysandra-Verlag, Napolde FairyPearls, Gerd-Michael Rose, Verlag Saphir im Stahl, Spiegelberg-Projekt, Verlag der Schatten, VSS-Verlag, Whitetrain-Verlag, Zwielicht/Michael Schmidt.
Für die Comicfreunde stehen Hans-Erich Dingel und Hans-Peter Engelhardt bereit.

Mittwoch, 17. April 2019

Interview mit Björn Ian Craig


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie. Im Hintergrund hören wir Javiere Navarrete:









VV: Moin Björn, schön, dass du den langen Weg aus der Schweiz zu uns gefunden hast.  Was möchtest du trinken?


B.I.C.: Jetzt kommt es natürlich drauf an, wann unser Treffen stattfindet ;-) Von morgen früh bis Mittag wär’s ziemlich sicher ein großer Kaffee; am späteren Nachmittag darf es gern ein kühles Bier sein und wenn wir uns spät abends zum Interview treffen dann könntest du mir auch gern einen Gin-Tonic ausgeben! ;-)

VV: Du bist mit deinem Cover für das Horrormagazin Zwielicht 12 in der Endrunde für den Vincent Preis! Herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet dir das?



B.I.C.: Ganz ehrlich? Ich freu mich riesig. Man bekommt sonst ja nur spärlich Feedback auf das, was man kreiert. Klar, findet ein Austausch mit den Herausgebern statt. Michael und Achim sagen mir schon, was ihnen gefällt und was nicht; und man selbst kriegt auch ein Gefühl, ob das, was man macht, funktioniert oder eher nicht. Aber wenn man dann für den Vincent Preis nominiert ist, dann freut mich das umso mehr. Schließlich bedeutet dies ja auch, dass mein Cover ein paar mehr Menschen gefallen haben muss, als nur dem inneren Kreis.



 VV: Ich finde deine Arbeit mal wieder genial! Wie bist du auf das Motiv „Treppenhaus“ gekommen?  


B.I.C.: Danke für die Blumen. Seit ich für Zwielicht arbeite versuche ich immer das Phantastische im Alltäglichen zu finden. Also stelle ich immer alltägliche Situationen dar – nur halt immer monströs überhöht oder dämonisch überspitzt. Seien das übergroße Motten, die vom Leuchtturm angezogen werden oder ein Schattenwurf, der so gar nicht seinem Verursacher entspricht. Beim aktuellen Cover ließ ich mich von einem Treppenhaus-Foto inspirieren, bei deren erster Betrachtung meine Phantasie mir die Zähne in den Geländeelementen bereits vorgegaukelt hatte und ich erst bei einer zweiten, genaueren Betrachtung sah, dass diese gar nicht vorhanden waren. So war die geboren…

VV: Seit der dritten Ausgabe der Zwielicht bist du vor das Artwork verantwortlich und ich finde, du hast dem Magazin dadurch eine ganz eigene Note verpasst, die den Inhalt gut wiedergibt. Immer Grusel, immer etwas Beklemmung, mit viel Liebe zum Detail. Wie ist deine Herangehensweise und wie kam es zu der Zusammenarbeit?


B.I.C.: Als Michael gerade die dritte Ausgabe von Zwielicht vorbereitete kam er auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust hätte für sein Magazin die Cover zu entwerfen. Er kannte meine Arbeiten, da sie auch schon für den Vincent Preis nominiert wurden sind und ich ihn in dieser Kategorie auch bereits einmal gewinnen konnte. Auch für das Motiv der zweiten Vincent Preis-Urkunde hatte er mich schon angefragt. Und für Zwielicht 3 hatte ich auch bereits eine Skizze in Petto, die für meinen Geschmack perfekt zur Buchreihe zu passen schien (Motten mit Leuchtturm). Von diesem Moment an arbeite ich regelmäßig für die Reihe und habe auch schon ein paar schriftliche Beiträge und eine kleinere Übersetzung beigesteuert, da mir die Mischung aus Geschichten und Hintergrundberichten sehr ansprechen.





VV: Du zeichnest per Hand vor, ehe es an den Rechner geht, richtig? Warum?



B.I.C.: Gewisse Coverillustrationen beginnen mit einer Handskizze aber es ist nicht so, dass sie am Ende immer komplett handgezeichnet sind. Ich arbeite auch viel mit Texturen und eigenen oder lizenzfreien Fotografien. Was mir aber wichtig ist, ist die Idee. Die Bildidee steht bei mir IMMER an erster Stelle. Ohne sie setze ich mich gar nicht erst an den Schreibtisch oder an den Rechner; sie muss vorher schon existieren. Und diese Bildidee entsteht immer zuerst im Kopf, meistens dann, wenn ich gar nicht an das Projekt denke. Das kann während der Arbeit passieren, auf dem Nachhauseweg, während dem Einkauf etc. Plötzlich springt mich im wahrsten Sinne des Wortes so eine Idee an und beißt sich in meinen Hirnwindungen fest. Wenn sie was taugt, skizziere ich sie schnell auf bevor sie vergessen geht.


VV: Hast du schon einmal überlegt, zu schreiben? Weil dann zum Bild eine Geschichte kam?


B.I.C.:  Hab ich mal… in meiner Jugendzeit. Es existiert sogar ein ganzes Notizbuch voll mit Storyansätzen und -ideen aus dieser Zeit. Aber wirklich ausformuliert hab ich nur etwa eine Handvoll; und mehr wie zehn Seiten pro Geschichte hab ich auch nicht zusammenbekommen. Ich denke, meine Stärke liegt eindeutig im Visuellen und nicht im Textlichen. Obwohl es mich immer mal wieder überkommt, einen sekundärliterarischen Text zu verfassen, kombiniert mit einer ausgiebigen Recherche. So geschehen für Zwielicht 3, wo ich mich mit dem Schriftsteller Karl Edward Wagner auseinander gesetzt habe oder dann vier Ausgaben später, wo ich dem Phantastik-Interessierten die wunderbare englische Schriftstellerin Sheila Hodgson und ihre Geistergeschichten in M.R. James Manier versucht habe näherzubringen.


VV: Liefert dir eher immer der Alltag die Bilder, die Ideen dazu oder sind es die Inhalte, die du vorher liest?



B.I.C.: Bei Zwielicht sind es meist Situationen aus dem Alltag, die mir die Bildideen liefern. Für andere Arbeiten – etwa Kurzgeschichtenbände oder Anthologien beispielsweise von Markus. K. Korb (Phantasma Goriana) oder Malte S. Sembten (Dhormenghruul) – waren tatsächlich die Stories das Entscheidende, um das Cover zu kreieren. Bei diesen zwei Autoren hat auch immer ein äußerst reger Austausch stattgefunden, wo wir Ideen hin und her jongliert und so das Cover gewissermaßen zusammen entwickelt haben.


VV: Gibt es Bilder, die dich geprägt haben? Ich frage immer aus der Haltung eines Autors, da gibt es nämlich auch oft immer Bücher, die einen bewegt haben.

B.I.C.: Es gibt es eine Vielzahl an Kunstwerken, die mir gefallen. Ob sie mich auch geprägt haben, ist wohl schwierig zu sagen. Aber einen bleibenden Eindruck haben sie sehr wohl bei mir hinterlassen. H.R. Gigers Oevre hat mich schon als Jugendlicher stark beindruckt, aber auch klassische Künstler wie Edvard Munch, Max Ernst oder Hans Bellmer gefallen mir sehr. Und es gäbe so viele weitere zu nennen… Arnold Böcklin beispielsweise, dessen Toteninsel bei uns im Basler Kunstmuseum ausgestellt ist.



VV: Kannst du von deiner Kunst leben?


B.I.C.: Leider nicht. Die Buchcover, die ich kreiere, sehe ich als Ausgleich und auch als Ergänzung zu meiner Arbeit als Werbegrafiker, da ich hier vieles ausprobieren kann, was mir im Alltag verwehrt ist. Ich mache hierbei auch nur wenige Zugeständnisse und Kompromisse.

VV: Ich habe gelesen, dass du auch Giger-Museum warst. Ich fand das Museum auch einfach nur den Hammer. War Aliens dein Erstkontakt zum Horror, zur Sci-Fi? Oder wie fing das bei dir an?

B.I.C.: Ja, das ist allerdings auch schon ein paar Jahre her. Aber ich kann nur sagen: es ist der Wahnsinn – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Giger Museum in Gruyères ist wahrlich eine Reise wert. Das Faible zum Unheimlichen hatte ich schon von klein auf und die ersten Horrorfilme, mit denen in Kontakt gekommen bin waren zunächst die Klassiker des Genres, wie „Psycho“, „Der Weiße Hai“, „Poltergeist“. Dann kamen die Stephen King Verfilmungen „Es“ und „Brennen muss Salem“. Und dann stellte ein Privatsender in einer Horrorreihe die Werke John Carpenters vor. Egal ob „Halloween“, „Das Ding“ oder „Fürsten der Dunkelheit“… seine Filme finde ich bis heute genial und kann sie mir immer wieder anschauen.

VV: Warum dann Horror? Was macht da für dich die Faszination aus?


B.I.C.:  Keine Ahnung. Es ist aber wohl das Gefühl des Sich- Gruselns, das es für mich ausgemacht hat und nach wie vor ausmacht. Dabei bin ich auch eher der Anhänger des klassischen Grusels – huschende Schatten, merkwürdige Geräusche und natürlich eine Geschichte, die einen packt… Von Blutfontänen und reinem Splatter halte  ich mich fern. Das ist nicht mein Ding.


VV: Im Horror geht es ja immer irgendwie um das Böse … in welcher Gestalt auch immer? Was ist das Böse für dich? Was lässt dich gruseln?  

B.I.C.: Das Böse für mich ist das, was man nicht sieht, nur erahnen kann. Etwas nicht Greifbares, was der Verstand nicht zu fassen vermag, löst Ohnmacht und Furcht aus.


VV: Hattest du übersinnliche Erfahrungen gesammelt in deinem Leben?  


B.I.C.: Bis jetzt leider nicht… wobei halt, … doch,… sofern man das so nennen kann: In meiner Jugend ist mir ab und an ein Gefühl des Deja-Vus überkommen: Momente, in denen ich das Gefühl hatte genau diesen Augenblick schon mal erlebt zu haben. Aber damit hat es sich leider auch schon mit meinen übersinnlichen Erfahrungen.

VV:  Was sind deine Zukunftspläne?

B.I.C.: Ich würde gerne weiter unheimliche Visionen kreieren können und Büchern zu einer unnachahmlichen Erscheinung verhelfen. Leider ist das nicht immer so einfach. Der zeitliche Rahmen muss passen … schließlich mach ich diese Dinge in meiner spärlichen Freizeit. Aber nicht nur. Gerade auf diesem Gebiet ist es wichtig, dass mir der Auftrag auch Spaß macht.

VV: Björn, vielen Dank, dass du hier warst. Und ich wünsche Dir viel Erfolg bei der Abstimmung zum Vincent Preis! 

B.I.C.: Dankeschön. Hat Spaß gemacht, mit dir zu plaudern. Bin egal, wie die Abstimmung auch ausgehen wird, schon mega stolz darauf, überhaupt nominiert worden zu sein.





Und hier kommen die 11 ...
Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)


VV: Horror oder SciFi?

B.I.C.: Beides. Nur Fantasy schneidet bei mir schlecht ab.

VV: Ein Buch, das du gerne illustriert hättest?

B.I.C.: Michael Siefeners SCHÄCHTE.


VV: Worüber kannst du dich aufregen?

B.I.C.: Über mangelnde Kommunikation


VV: Wein oder Bier?

B.I.C.: Beides. Der Rahmen dafür ist entscheidend. Aber wenn ich mich tatsächlich für eines entscheiden müsste, dann: Bier.


VV: Vampir oder Werwolf?


B.I.C.: Vampir. Mit Werwölfen kann ich nur sehr wenig anfangen.



VV: Du kannst dir ein Horrorsetting zum Probeleben mit Überlebensgarantie aussuchen. Welches wäre das?




B.I.C.: Eine Nacht alleine in einem heimgesuchten Schloss verbringen.

VV: Lieblingsessen?

B.I.C.: Ein guter Cheese-Burger mit Bacon.




VV: Poe oder Lovecraft?

B.I.C.: Mhhh… schwierig. Aber ich denke, da muss ich Lovecraft den Zuschlag geben.




VV: Warum?

B.I.C.: Lovecraft begleitet mich einfach schon länger.




VV: Film oder Comic?

B.I.C.: Film




VV: Ich will unbedingt einmal …?

B.I.C.: …nach Island. Dieses Land fasziniert mich.


Samstag, 13. April 2019

Uwe Voehl - Totenmeer

Uwe Voehl steht dieses Jahr zur Wahl des Vincent Preis 2018. Sein gemeinsamer Roman mit Jörg Kleudgen ist nicht die erste Nominierung. Beim Vincent Preis 2009 erreichte Der Kuss der Medusa einen beachtlichen (und knappen) zweiten Platz. Beim Vincent Preis 2012 landete er beim Sonderpreis auf Platz 3.
Beim Vincent Preis 2017 wurde seine gemeinsame Arbeit mit Malte S. Sembten, Fischmond, auf Platz 5 gewählt.
Beim Vincent Preis 2008 erreichte sein  Kurzgeschichte Midnight Marschall (zusammen mit Cranker Driscoll) Platz 8 und landete bei der Wahl zum Besten Autor auf Platz 4. Midnight Marschall erschien in der Anthologie Creatures des Verlags Eloy Edictions, diese ist schwer zu bekommen. Interessierte können auch den Nachdruck in Zwielicht Classic 14 erwerben.

Uwe Voehls Roman Das Totenmeer landete beim Vincent Preis 2008 auf Platz 2. Trotz Limitierung von 99 Exemplaren. Der Roman ist natürlich nicht mehr erhältlich und wer ein Exemplar für einen erschwinglichen Preis ergattert darf sich freuen. Zuletzt wurde Totenmeer als E-Book angeboten, aber auch das ist nicht mehr erhältlich.
Aber es gibt erfreuliche Nachrichten. Die Neuauflage des Gespenster Krimi macht es möglich. Am 23.4 erscheint Totenmeer als Gespenster Krimi Band 14. Also einfach zum Kiosk und ran an den Band.


Donnerstag, 11. April 2019

Oliver Müller im Interview


Michael Schmidt: Lieber Oliver, herzlichen Glückwunsch zur Nominierung zum Vincent Preis 2018!

Oliver Müller: Vielen Dank. Als ich meinen Namen auf der Longlist gesehen habe, habe ich mich schon riesig gefreut. Jetzt in der Endrunde zu stehen fühlt sich fantastisch an.

Michael Schmidt: Ich weiß nicht ob dich die Vincent Preis Gemeinde kennt. Stell dich doch mal vor!

Dienstag, 9. April 2019

Interview mit Jana Oltersdorff


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie zum Inhalt. Im Hintergrund hören wir Cryo Chamber : https://www.youtube.com/watch?v=ppiGTLqfaWc





VV: Moin Jana, herzlich Willkommen hier beim Vincent Preis. Schön, dass du da bist. Was möchtest du trinken? 

JO: Moin, Vincent! Um die Uhrzeit? Da wäre ein Cuba Libre schön. Oder Sekt. Sekt geht immer.


VV: Deine Erzählungen aus „Dunkle Begegnungen haben es bis in die Endrunde des Vincent Preis´ für die beste Storysammlung geschafft.  Wie fühlt sich das an?


 JO: Verdammt geil! Seit ich von diesem Preis weiß, war es immer ein heimlicher Traum von mir, da auch mal auf die Shortlist zu kommen. Ich freue mich wahnsinnig über die Nominierung!


 VV: Dunkle Begegnungen ist ein Qindie-Buch. Was bedeutet das?

JO: Ich bin Mitglied bei Qindie fast seit dessen Gründung. Qindie ist ein Zusammenschluss von unabhängigen AutorInnen, die sich zum Ziel gesetzt haben, Büchern, die durch ihre handwerkliche Gestaltung und ihre sorgfältig ausgearbeiteten Texte von Verlagspublikationen quasi nicht zu unterscheiden sind, ein Gütesiegel zu verleihen – das Q. Wir haben mit Qindie also dem schlechten Ruf, den Selfpublishing leider immer noch in den Köpfen vieler hat, den Kampf angesagt. Das Q soll dem potenziellen Leser also zeigen: Hier hast du ein sorgfältig erstelltes Buch mit sauber lektorierten Geschichten und professioneller Innen- und Außengestaltung, ganz ohne Verlag. Ob es dem potenziellen Leser dann auch inhaltlich gefällt, steht freilich wieder auf einem anderen Blatt.

VV: Ah, Okay. Ich muss sagen, ich habe bei deinen Geschichten nie darauf geachtet, weil es nie etwas zu bemängeln gab … Deine Geschichten sind für mich eine sehr … krasse Mischung aus Alltag und Abseitigem. Treffe ich das einigermaßen oder liege ich da falsch?

 JO: Ich finde, das hast du sehr schön zusammengefasst. Hätte ich nicht besser ausdrücken können. Und echt? Du findest die Geschichten krass? Ich nehme das als Kompliment. Aber es stimmt: Ich finde meine Themen und Ideen häufig im ganz normalen Alltag. Da reichen manchmal völlig banale Situationen, um mein Kopfkino zum Rattern zu bringen. Immer nach dem Motto „Was wäre wenn“.

 VV: Ich sattel mal das Einhorn von hinten auf. Deine Geschichte „Die Sache mit dem Einhorn“ stürzt den Leser in ein echt fantastisches Setting, aber die Situation ist so glaubwürdig, dass man da gar nicht großartig nachdenken muss. Als Einhornhasser hat mir deine Geschichte unglaublich gut gefallen … Jetzt mag ich sie wieder! Wie kam dir die Idee dazu?

 JO: Auslöser war eine Ausschreibung für eine Anthologie, die nach einigem Hin und Her inzwischen eine Heimat im Redrum Verlag unter dem Titel „14 Shades of Unicorns“ gefunden hat. Gesucht wurden Geschichten über Einhörner fernab der Klischees. Nix mit Plüsch, Glitzer und Regenbogenpups. Stattdessen knallharter Horror, makabre Settings, je abgefahrener, desto besser. Mir ging es zu dem Zeitpunkt wie so vielen: Der Einhorn-Hype nervte mich nur noch. Man konnte sich kaum retten vor all den niedlichen, fetten Knuddeleinhörnern mit albernen Poesiealbumsprüchen. Einhorn war jetzt Mainstream und einfach überall. Da wusste ich, wie ich mich „rächen“ könnte. Ich würde ein Einhorn in das Zentrum meiner Geschichte stellen. Ein wunderschönes, majestätisches, prächtiges Einhorn, so wie ich die Wesen einst kennen und auch lieben gelernt habe: magisch, unnahbar, nicht von dieser Welt. Mit einem Haken: Mein Einhorn sollte richtig böse sein. Aber so richtig böse. Die Idee war geboren. Alles weitere ergab sich dann im Schreibprozess. Es freut mich, dass dir meine böse Einhornstory gefallen hat!

 VV: „Schwarzer Nebel“ hat mich, klar als Vater, der die Abläufe im Kindergarten kennt, auch sehr begeistert. Die erste Übernachtung der Kinder … und dann so etwas! Wie reagieren die Leute aus deinem Nahfeld, wenn du so etwas Gruseliges schreibst? Also ich meine, hast du Kinder, musst du die nicht auch in den Kindergarten bringen …

 JO: Tatsächlich enthält diese Geschichte einen autobiografischen Anteil. Als unsere Kinder (wir haben Zwillinge) zu ihrer Übernachtungsparty im Kindergarten gingen, hielt die Leiterin eine Ansprache und benutzte ziemlich genau die Worte, die auch Frau Kramer in „Schwarzer Nebel“ sagt: „Sehen Sie sich Ihre Kinder noch einmal genau an, denn morgen früh werden sie nicht mehr dieselben sein.“ Tja, und während andere heimlich Tränen der Rührung wegdrückten, fing bei mir das Kopfkino an zu rattern. Das war wieder so ein typischer Was-wäre-wenn-Moment. Allerdings hat es dann noch ein paar Jahre gedauert, bis ich diese Geschichte tatsächlich aufschrieb. Da waren meine Kids schon längst in der Schule. Vielleicht habe ich ja etwas Abstand gebraucht. Horrorgeschichten mit Kindern gehen mir auch immer ziemlich nahe, und so etwas hatte ich bis dato auch noch nie selbst verfasst. Meinen Kindern geht es übrigens gut – ihre Übernachtungsparty muss der Hammer gewesen sein, nur geschlafen wurde da wohl wenig. 😊

 VV: Rent a body Inc. könnte auch gut als Crossover SciFi-Horror-Geschichte durchgehen. Unglaublicher Twist und ohne Splatter echt hart, was da deinem Protagonisten wiederfährt. Quälst du deine Figuren gerne?

 JO: Naja, das macht schon ein bisschen Spaß, das gebe ich gerne zu. Der Reiz bei „Rent a Body, Inc.“ war für mich, den Kampf zwischen Protagonist und Antagonist zu beschreiben, der ja eigentlich nur im Kopf und gar nicht wirklich stattfindet und gleichzeitig vollkommen real ist. Moment mal, wo ich so drüber nachdenke: Eigentlich habe ich weniger meine Figuren als vielmehr mich selbst gequält, denn es war wirklich harte Arbeit, diese Story zu schreiben. Es hat mich auch einiges an Nerven gekostet, weil ich viel mit Perspektivenwechsel und Monologen gearbeitet habe. Ich war froh und erleichtert, dass am Ende eine Geschichte mit nachvollziehbarer Handlung und einem – wie ich finde – coolen Finale herausgekommen ist.





VV: Du schreibst, das ist mir in der Storysammlung aufgefallen, oft aus der Sicht männlicher Protagonisten? Woran liegt das? Nein, die Frage mit dem Quälen vorher hat gar keinen Bezug hierzu … ;) Aber steckt da vielleicht auch eine Art von Kritik hinter?

JO: Oh, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Gerade mal nachgezählt: Von den zehn Geschichten in „Dunkle Begegnungen“ erzähle ich genau die Hälfte aus einer männlichen Perspektive. Das ist … interessant. Was das über mich aussagt? Ich hoffe, nicht viel mehr als dass ich durchaus in der Lage bin, mich in das andere Geschlecht zu versetzen, um glaubwürdig aus seiner Sicht zu erzählen. Aber Absicht oder irgendeine Art von Kritik steckt nicht dahinter. Bei mir steht oft zuerst eine grobe Idee, dann folgt der Protagonist. Ich habe mich oft gar nicht bewusst für das eine oder andere Geschlecht entschieden, das ergab sich einfach aus der Idee und dem Plot. In manchen Fällen konnte die Story nur mit einer männlichen Hauptfigur funktionieren, in anderen musste es unbedingt eine Frau sein, wie zum Beispiel meine resolute Rita aus „Im Waschkeller“. Bei den Geschichten, wo es im Prinzip egal war, habe ich einfach das Geschlecht genommen, das mir als erstes in den Sinn kam oder anders ausgedrückt: Ich habe meinen inneren Blick auf die Leinwand meines Kopfkinos konzentriert und mir die Person angeschaut, die da als erste auftauchte.

 VV: Also intuitiv. Wie bist du denn eigentlich zum Schreiben gekommen?

 JO: Oh je, jetzt kommt erstmal ne Klischee-Antwort: Ich hab schon Geschichten geschrieben, als ich gerade zu schreiben gelernt hatte. Nein, vielleicht nicht ganz so. Aber Schulaufsätze im Sinne von Geschichtenschreiben fand ich immer toll. Als Teenager folgte dann die Phase des Schwermütige-Gedichte-Schreibens, aber da begann ich auch, inspiriert von Büchern und Comics, die ich zu der Zeit las, eine Fantasy-Geschichte aufzuschreiben, in der es um fremde Welten, Magie und Elfen ging. Wer weiß, was daraus geworden wäre, hätte ich damals schon die technischen Möglichkeiten wie heute gehabt. So aber blieben diese Ideen und Notizen in der berühmten Schublade, wo sie allerdings immer noch schlummern und durchaus Potential hätten, sich noch einmal aufwecken und neu entdecken zu lassen. Dann wurde ich erwachsen, es folgten Jahre des ganz normalen alltäglichen Wahnsinns mit Job, Liebe, Heirat, Familie gründen und so weiter. Ich las weiter jede Menge Bücher und verlagerte mein Interesse immer mehr zum Horror. Eigene Ideen blitzten zwar dann und wann auf, ich machte aber nie was daraus – bis ich 2009 einen Aufruf zu einem Wettbewerb entdeckte, bei dem fantastische Geschichten mit Bezug zum Rhein-Main-Gebiet gesucht wurden. Tatsächlich schaffte ich es auf den letzten Drücker, meine Geschichte zu schreiben und kurz vor Ende der Deadline einzureichen. Wenn daraus nichts geworden wäre, wäre mein Interesse am Schreiben vielleicht gleich wieder eingeschlafen. Aber meine Geschichte kam nicht nur ins Buch – ich gewann diesen Wettbewerb sogar. Da hatte ich endgültig Blut geleckt. Seitdem schreibe ich und hoffe, dass ich diese großartige Beschäftigung nie wieder an den Nagel hänge.



VV: Und jetzt? Feste Schreibzeiten oder eher, wenn dich die Geschichte treibt?

 JO: Feste Schreibzeiten wären schön, kriege ich aber derzeit mit meinem Leben nicht vereinbart. Ich schreibe nicht täglich, manchmal sogar wochenlang gar nicht. Wenn aber eine Deadline näher rückt (ja, ich bin eine schreckliche Prokrastinateurin), dann verzichte ich durchaus auch mal auf Schlaf und schreibe bis weit nach Mitternacht. Überhaupt sind die späten Abendstunden meine liebste Schreibzeit.



VV: Wird es mal einen Horror-Roman von dir geben?

 JO: Sagen wir so: Ideen, die Potential für einen ganzen Roman haben, sind vorhanden. Mir fehlt bisher die Zeit und eher noch die Ruhe, das mal vernünftig zu sortieren, durchzuspielen und zu plotten. Ich schließe es also nicht aus, aber wann es soweit ist, weiß ich selbst nicht. Sollte ich es jemals fertigbringen, wirst du der erste sein, der das Manuskript lesen darf, versprochen!


VV: Du schreibst regelmäßig im Genre Horror. Was fasziniert dich daran? 

JO: Ich grusele mich einfach gerne, aber eben nur mit Horrorgeschichten und Horrorfilmen. Ansonsten bin ich ein ziemlich angstfreier Mensch, zumindest was die typischen Ängste vor Krabbeltieren, der Dunkelheit oder der Situation, nachts allein zu Hause zu sein, angeht. Guter Horror, der mir Gänsehaut bereitet, löst etwas in mir aus, ein Gefühl des Lebendigseins, wenn man das so nennen möchte. Und wenn ich es schaffe, ein wenig dieses Gefühls auch bei denen auszulösen, die meine Geschichten lesen, dann macht mich das wirklich glücklich.

VV: Finde ich spannend mit dem „Lebendigsein“. Wie bist du eigentlich mit „Horror“ sozialisiert worden?


 JO: Meine Eltern und Stephen King. Hahaha. Nein, im Ernst: Meine Eltern lieben Horror auch. Vor allem schauen sie sich gerne Horrorfilme an, und ich durfte schon mit zwölf Jahren mitgucken. Meinen ersten richtigen Horrorfilm vergesse ich nie. Das war „Gate – Die Unterirdischen“. Ich habe ihn zusammen mit meinen Eltern geschaut, Gott, was habe ich mich gegruselt. Ich habe die Hälfte des Films nur zwischen den Fingern meiner vors Gesicht gepressten Hände gesehen, aber das hat einfach Spaß gemacht! Und Stephen King? Nun, ich las meinen ersten King auch ungefähr in diesem Alter. Das war „Friedhof der Kuscheltiere“. Ich hatte das Buch mit einer Kurzbeschreibung in einem dieser Kataloge entdeckt, wie sie früher immer von den Buchhandlungen verteilt wurden. Das hatte mich total fasziniert, ich wollte das Buch unbedingt lesen. Tja, und danach war es um mich geschehen. King lese ich heute noch gerne, habe aber seitdem noch ganz viele andere großartige Horrorautoren entdeckt.

 VV: Braucht es das Übersinnliche für dich? Ich finde deine Art, Geschichten zu erzählen, ziemlich faszinierend, weil du das Abseitige einfach sehr glaubwürdig ohne langatmige Erklärungen voraussetzen kannst. Ich meine, ich glaube dir eben einfach, dass das genauso passieren kann. Wie machst du das?

  JO: Das ist toll, wenn du das so wahrnimmst. Tatsächlich spielt das Übernatürliche in den meisten meiner Geschichten eine Rolle. Es bricht in den Alltag meiner Figuren ein, es bedroht sie und die, die sie lieben. Vielleicht kommt es deshalb so glaubwürdig rüber, weil ich für meine handelnden Figuren auch immer ganz normale Leute auswähle, wie sie jedem von uns tagtäglich begegnen. Die wissen oft selbst nicht, was da gerade mit ihnen passiert. Oft können sie gar nichts dafür – klassischer Fall von „Falsche Zeit, falscher Ort“ – sie stolpern in diese Situationen und müssen versuchen, da lebend und unversehrt wieder rauszukommen.


VV: Was war denn das Gruseligste, das dir selbst passiert ist?

JO: Es passierte nicht mir direkt, sondern meinem amerikanischen Cousin, als ich 1994 die Sommerferien bei meinen US-Verwandten verbrachte. Wir machten einen Roadtrip quer durch den Westen der USA, rauf bis Montana und wieder zurück bis San Francisco. Irgendwo unterwegs besuchten wir abends eine Veranstaltung, wo ein alter Indianer mit Hut, so richtig klischeehaft wie aus einem Film, einen Vortrag über die Geschichte seines Volkes hielt und auch Lieder sang und so weiter. Meine Tante ist Biologielehrerin und Archäologin und war schon immer zutiefst fasziniert von Indianern (Jahre später heiratete sie sogar mal einen), deshalb waren wir da überhaupt hingegangen. Jedenfalls saß ich neben meinem Cousin, der auch ganz andächtig lauschte, und dieser Indianer schaute immer wieder zu ihm. Nach dem Vortrag kam er zu meinem Cousin, schaute ihm in die Augen und sagte: „Ich kenne dich.“ Mein Cousin reagierte unsicher und meinte nur „Nee, kann nicht sein, wir sind zum ersten Mal hier.“ Aber er antwortete: „Ich spreche auch nicht von dir, wie du jetzt bist. Ich kenne deine Seele. Sie ist alt und gehörte einst zu uns.“ Alter. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.


VV: Glaubst du, es gibt so etwas? So … komische Dinge??

JO: Ja, ich befürchte, diese „komischen“ Dinge gibt’s tatsächlich. Ich meine damit nicht, dass ich an Monster, Vampire und Zombies glaube, auch nicht unbedingt an Poltergeister und dergleichen. Aber solche Dinge wie die Story mit dem alten Indianer, die fühlen sich ziemlich echt an. Da wird wohl wirklich mehr zwischen Himmel und Erde sein, als wir Menschen wahrnehmen können. Aber es jagt mir keine Angst ein, es hinterlässt bei mir eher ein ehrfürchtiges Gefühl.

VV: Okay, ich kriege langsam Gänsehaut … Jana, kannst du etwas über kommende Projekte verraten?



 JO: Aktuell arbeite ich an einer neuen Geschichtensammlung, bei der ich mich noch kürzer fassen werde. Ein paar Werke habe ich schon bei Lesungen zum Besten gegeben. Ich nenne diese Kürzestgeschichten liebevoll „Gänsehautpralinen“ und habe vor, auch das Buch so zu nennen, wenn es endlich erscheint. Der Plan ist, jede dieser Geschichten zu illustrieren, so dass am Ende ein kleiner Schmuckband herauskommt. Eine Illustratorin habe ich bereits gefunden und wohl auch einen Verlag. Es existieren schon 15 Geschichten, 24 sollen es werden. Als Inspiration nutze ich den Mikrofiction-Wettbewerb auf der Schreibplattform Sweek. Dort wird jeden Monat ein neues Stichwort vorgegeben, zu dem eine Geschichte mit maximal 250 Wörtern geschrieben werden soll. Durch diese bunt gemischten Stichworte wird auch meine Storysammlung schön bunt gemischt. Ansonsten will ich mich an der einen oder anderen Ausschreibung versuchen. Wenn alles klappt, wird es auf jeden Fall etwas mit Zombies geben. Ich plotte bereits mit großem Spaß.

VV: Vielen Dank, Jana, dass du da warst. Viel Erfolg für die Endrunde!

 JO: Ich habe zu danken. Mir hat es viel Spaß gemacht! Den Erfolg wünsche ich auch allen Mitnominierten.




Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)

VV: Gruseligstes Märchen?

JO: Das kalte Herz

VV: Warum?

 JO: Hast du mal die alte Schwarz-Weiß-Verfilmung von 1950 gesehen? Der Holländermichel greift dem Kohlenmunk-Peter bei lebendigem Leib in die Brust, reißt ihm das Herz raus und ersetzt es durch einen Stein. Ich war traumatisiert! Noch Fragen?


VV: Käse mit Weintrauben oder Pflaumen mit Speck?

JO: Muss ich mich entscheiden? Na gut: Käse mit Weintrauben.

VV: Würdest du lieber in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen?

JO: Die Zukunft.

VV: Frühling oder Herbst? 

JO: Frühling. Trotz Heuschnupfen.

VV: Guter Horror ist für mich … ?

JO: Eine Geschichte, die lange nachwirkt, die mich nachdenken lässt, mich innerlich durchschüttelt. Als filmische Beispiele nenne ich mal „Dark Water“ mit Jennifer Connelly und „Get Out“ von Jordan Peele.

VV: The Ring oder Freitag, der 13te?

JO: The Ring.

VV: Deine Lieblingshorrorfigur ist …?

JO: Freddy Krueger. Scheiße, der Typ taucht in deinem Traum auf, und wenn er dich da tötet, stirbst du wirklich. Der war für mich immer der Endgegner, gegen den man nur verlieren kann.

VV: Du darfst dir einen Ort für eine Lesung aussuchen. Welcher wäre das?

JO: Ich habe meinen Lieblingsort für Lesungen schon gefunden: Das „Theater Schöne Aussichten“ in meinem Wohnort Dietzenbach. Das ist wie ein gemütliches großes Wohnzimmer, nicht zu groß, und der Theaterchef ist ein herzensguter, lustiger Kerl und Freund von uns.

VV: Hund oder Katze?

JO: Katze.

VV: Deine magische Waffe gegen das Böse wäre ein/e …?


 JO: Ein Magier, der mir die Dämonen vom Leib hält und dabei teuflisch gut aussieht? Wie war doch gleich die Frage?



Der Vincent Preis sucht Mitarbeiter

Wer dem Genre Horror und unheimliche Phantastik zugeneigt ist und den Vincent Preis tatkräftig unterstützen möchte, melde sich einfach bei V...