Mittwoch, 24. April 2019

Interview mit Mario H. Steinmetz


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie zum Inhalt. Im Hintergrund hören wir Shub Niggurath : https://www.youtube.com/watch?v=KipDpynENv4






VV: Moin Mario, herzlich Willkommen hier beim Vincent Preis. Schön, dass du da bist. Durstig? Was möchtest du denn trinken? 


Mario H. Steinmetz: Herzlichen Dank für die Einladung. Es ist mir eine große Ehre. Einen Whiskey mit viel Eis würde ich gerne nehmen, danke.

Sehr schön hier, übrigens. Ich liebe schwarze Dahlien und rote Kanapees. Und Shub Niggurath ist eine hervorragende Wahl.




VV: Dein Roman „Dreizehn“ hat es beim Vincent Preis in die Endrunde zum bestendeutschsprachigen Horror-Roman geschafft. Was sagst du dazu? 

M.H.S.: Ich bin sehr glücklich darüber. Vor allem, weil der Vincent Preis für mich sehr viel bedeutet. Es ist nun mal „der“ Preis des deutschen Horror Genres.

 VV: Ich habe nach dem Lesen des Romans noch mehrmals den Klappentext gelesen. Sehr kritisch. Aber der ist verdammt gut. Es steckt so viel mehr in dem Roman, aber … er deutet viel an, aber verrät auch nicht zu viel. Hast du den geschrieben? War das schwer?

 M.H.S.: Der Klappentext stammt von mir, ja. Ich muss zugeben, dass ich Klappentexte hasse. In einem Roman steckt, wie du schon sagst, so viel mehr, als man in wenigen Sätzen beschreiben kann. Mir fällt es super schwer, das alles auf einen Punkt zu bringen, ohne zu viel zu verraten.  Da spielen auch Herz und Seele eine entscheidende Rolle. Aber wie es scheint, hat alles geklappt.

VV: Ich finde „Dreizehn“ ist ein sehr innovativer Roman mit klassischen Horror- und Figurenelementen. Fangen wir mal mit einem Hauptschauplatz an. Eine ehemalige Nervenanstalt auf Foulness-Island … hat der Ort die Idee geboren? Warst du dort?

 M.H.S.: Tatsächlich ist Dreizehn der einzige Roman von mir, dessen Handlungsorte ich nicht besucht habe. Und das mit Absicht. Ich wollte mir für Dreizehn eine eigene, passend stimmige Umgebung ausdenken. Da ich im Vorfeld viel über die Halbinsel gelesen habe, empfand ich diese als mysteriöses Sperrgebiet gepaart mit Flutgebieten und sturmumtoster Torflandschaft für eine Psychiatrie im klassischen Sinne perfekt.

VV: Was war die Vorlage für die Nervenheilanstalt? Ich fand sie übrigens atmosphärisch, auch und gerade mit Dr. Botkin als Leiter, sehr gelungen.

M.H.S.: Danke dir. Ich liebe Filme und Geschichten, die in Nervenheilanstalten spielen. Für mich müssen diese düster und altmodisch sein, mit vielen verschlossenen Türen, wo man nur ahnen kann, was dahinter vorgeht. Haunted Hill hat da sicher Einfluss genommen, oder die AHS Staffel Asylum, die ich regelrecht verschlungen habe. Dann war da meine Reise nach Rumänien, wo ich diese alte, brach liegende Anstalt besuchte. Das war der Moment, wo es Klick machte …

Doktor Botkin ist für mich das Sinnbild eines Arztes, der sich über das Wohl des Patienten erhebt, um seinen Visionen nachzukommen. Für ihn heiligt der Zweck alle Mittel, ganz unabhängig davon, dass es sich um eine historische Persönlichkeit handelt.

VV. Ah, Okay. In deiner Geschichte „Wicked Game“ war sehr viel Sex im Spiel und auch in deinem Roman spielt Sex eine Rolle. Mittel zum Zweck oder Salz in der Suppe?

 M.H.S.: Sex und Horror, Sex und Gewalt, Sex und Macht, sind sehr eng miteinander verbunden. Angst geht oft mit sexueller Erregung einher. Es werden Reize stimuliert, die dem Menschen die Fassade vom Gesicht reißen, ihn zu einer willenlosen, triebgesteuerten Puppe machen. Ich liebe es einfach, mit diesen Reizen zu spielen und Grenzen zu überschreiten.

Wicked Game geht in eine ganz andere Richtung als Dreizehn, offenbart uns unsere Nichtigkeit gegenüber bestimmten sexuellen Reizen. Reduziert uns zum Spielzeug unserer Sinnlichkeit.


VV: Deine Figuren Horvart und Ward haben ihre Macken und Liebenswürdigkeiten. Hattest du sie so angelegt oder haben sie sich ihre Eigenarten selbst … zugeschrieben?


M.H.S.: Sowohl als auch. Wenn ich Charaktere für einen Roman erstelle, lege ich anfangs nur einen Rahmen fest. Eckdaten, wie Lebenslauf, Aussehen, Vorlieben, etc.

Der Charakter prägt sich dann im Laufe der Story, wächst, entwickelt eigene Züge. Wenn ich schreibe, bin ich in der Szene, die sich vor meinem geistigen Auge abspielt. Und die kann ich nur noch vage steuern. Horvat war ursprünglich nur als Nebenfigur gedacht, doch die Frau ist einfach umwerfend, hat sich wie eine Schauspielerin am Set entwickelt. Man kann daher durchaus sagen, dass meine Figuren ein Eigenleben besitzen.

 VV: Du verknüpfst verschiedene Mythologien miteinander, wobei der Schwerpunkt auf der ägyptischen liegt. Dazu kommt noch die Geschichte eines alten Adelsgeschlechts. Und ich muss sagen … gewagt, aber gelungen. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

 M.H.S.: Zum einen fasziniert mich die ägyptische Mythologie schon sehr lange Zeit. Der Run auf die Grabungsstätte war in der Zeit um den ersten Weltkrieg am größten. Ein Wettlauf zwischen den Großmächten um Ruhm und Ehre, bei dem leider auch sehr viel zerstört wurde. Und besagtes Adelsgeschlecht war da vorne mit dabei. Hinzu kommt, dass ich deren Geschichte und Untergang immer sehr aufregend fand. Und so kam eins zum anderen …

VV: Okay. Mal was Handwerkliches. Wie weit ging deine Recherche? Oder ist die ägyptische Mythologie eine Passion von dir?

M.H.S.: Wir schon gesagt, fasziniert mich das Ägyptische. Vor Jahren habe ich das Totenbuch gelesen, auf das ich mich in Dreizehn beziehe. Meine Recherche ging natürlich tief in die Götterwelt hinein, gerade und vor allem, was den Übergang vom Leben zum Tod betrifft. Unglaublich sind hier auch die parallelen zum babylonisch sumerischen …

Recherche ist für mich ein Rausch, der mich in seinen Bann zieht. Die Kunst ist, sich nicht darin zu verstricken (lach).

VV: Wie viel Ethan Ward steckt in dir? Ich meine, wie lange würdest du versuchen, etwas Übernatürliches rational zu erklären? Und wieviel Probleme würde es dir bereiten es zuzulassen?




M.H.S.: Ich glaube an das Übernatürliche und hab da in meiner Vergangenheit ganz eigene Erfahrungen gemacht, bei denen ich mir die Finger verbrannt habe. Von daher würde ich das Übernatürliche sogar recht schnell zulassen. Viel schneller, als es Ethan tun würde. Mit ihm wollte ich eine Figur schaffen, die wohl Kontakt zum Übernatürlichen hatte, aber dennoch zu leugnen sucht. Sich letztendlich selbst mit vorgeschobener Rationalität belügt.

 VV: Du schreibst regelmäßig im Genre Horror. Was fasziniert dich daran?

M.H.S.: Mit Horror bin ich schon immer eng verbunden. Mich faszinierten die sogenannten Bösen immer mehr, als die siegreichen Helden. Die dunkle Seite ist tragisch, leidend, oft auch verzweifelt und zumeist missverstanden.

Horror ist für mich aber auch der Blick hinter die Masken, die wir tragen. Das Offenlegen des puren, hässlichen Selbst.

Dreizehn ist als Figur ohne Frage abgrundtief böse, aber auch tragisch und bemitleidenswert leidend. Mein Ziel ist, die Leser zum Überdenken des Bösen zu bringen, vielleicht sogar Verständnis dafür zu erwecken.

 VV: Wie bist du denn mit „Horror“ sozialisiert worden?

 M.H.S.: Als kleiner Junge. Allein zuhause. Im Fernsehen lief die schwarz weiß Fassung von Doktor Mabuse. Gerade, als er mit einem schrecklichen weißen Augen an einem Fahrzeug hing und irre lachte, schlug draußen ein Blitz ein und der Strom fiel aus. Das war jetzt als Szene nicht besonders schlimm, aber für mich prägend. Ich habe diese Szene noch heute im Kopf, sehe sie hinter meinen geschlossenen Augen. Eher ein Trauma also?

 VV: Muss man selbst Angst erlebt haben, um gut darüber schreiben zu können? Also, gruselt es dich auch selbst manchmal, wenn du schreibst?


M.H.S.: Oh ja, manchmal schreibe ich eine Szene, gehe dann mitten in der Nacht mit dem Hund raus in den Wald, und denke, fuck … da habe ich dann schon ein mulmiges Gefühl.

Ich habe Angst am eigenen Leib erlebt, Todesangst sogar. Das kerbt sich ein, krallt sich ein Leben lang fest. Irgendwann habe ich damit begonnen, meinen Nutzen daraus zu ziehen.

Wenn man über Ängste schreibt, die man selbst erlebt hat, schmeckt das nun mal anders ...


VV:  Und wie und wann schreibst du?


M.H.S.: Zuhause in aller Regel nachts ab 22:00 an meinem wunderschönen alten Schreibtisch. Zumeist mit passender Musik.

Unterwegs sehr gerne auf Flughäfen, während langer Flüge und an allen möglichen Orten. Da darf es sehr gerne laut und hektisch sein. Das ist dann meine Glocke.

Dead Man‘s Hand habe ich zum Beispiel fast komplett an den Handlungsorten geschrieben. Das war ein echter Flash.

Grundsätzlich schreibe ich jeden Tag, jedoch ohne besondere Zielsetzung.

 VV: Wie gehst du mit Deadlines um? Brauchst du sie oder schreibst du erst vor und wendest dich dann an deinen Verlag?

 M.H.S.: Am Anfang steht immer der Plot. Dann die Charaktere in der Story. Steht beides, wende ich mich an den entsprechenden Verlag, der daran Interesse haben könnte. Kommt es zum Vertrag, kommt es leider auch zur Deadline. Die hasse ich wie die Pest, konnte sie aber bisher immer einhalten.

Zumeist schreibe ich den Roman erst, wenn ich die Zusage einer Veröffentlichung habe. Das ist unglaublich motivierend.

 VV: Deine Ideen … wie ist das bei dir? Musst du erst etwas erleben, um auf Ideen zu kommen? Gibt es gute Phasen, wo du sie bekommst oder gehst du da eher technisch ran?

 M.H.S.: Ich habe das Glück, berufsbedingt viel zu reisen. Zumeist in die USA, aber auch innerhalb Europas oder dann wieder Südafrika. Bin ich im Ausland, nehme ich so viel wie möglich mit, nutze die Zeit. Das ist Inspiration pur. Dazu lese ich viel, schaue mir unglaublich gerne Filme an, und lasse mich auch durch Musik inspirieren. Bisher kamen die Ideen dann immer von selbst, formten sich zu Geschichten.

Ich meine, an was denkst du, wenn du in Deadwood stehst?

Oder das Buschland Südafrikas mit einem abgefuckten Landrover durchquerst?

 VV: Kannst du schon verraten, was gerade in Planung ist? 

 M.H.S.: Dead Man‘s Hand 2 schreibe ich gerade. Das soll dann zur LBM 2020 kommen. Dann überarbeite ich das Spielbuch Totes Land – Death Asylum, das wohl noch dieses Jahr veröffentlicht wird. Parallel dazu Totes Land 4 – Ravage, das in der Endphase des Lektorates steckt. Zusätzlich sind wieder einige Kurzgeschichten in der Pipeline.

Und, ganz frisch, habe ich endlich meinen Südafrika-Plot fertig, Arbeitstitel Böses Blut.

Ich brauche das Arbeiten an verschiedenen Projekten gleichzeitig. Stockt das eine, kann ich mich auf‘s andere stürzen (lacht).

 VV: Solltest du den Vincent Preis gewinnen … was würdest du dann machen?

M.H.S.: Ich war zwar schon auf einigen Shortlists, habe aber bisher nie gewonnen. Vermutlich würde ich Schnappatmung bekommen, wie Rumpelstilzchen im Kreis hüpfen, und mir nen supergroßen Whiskey mit Eis gönnen. Das wäre für mich einfach unglaublich, ein absoluter Meilenstein. Die Erfüllung eines Traumes … etwas ganz Besonderes.

Gemeinsam mit den anderen, großartigen Büchern ins Rennen zu gehen, ist für mich ziemlich aufregend, denn ich würde es jedem gönnen.

VV: Schön, dass du da warst, Mario. Und auf jeden Fall wünsche ich dir, dass möglichst viele LeserInnen für dich abstimmen werden.



M.H.S.: Herzlichen Dank für die tollen Fragen. Es war mir eine Ehre. Und wie gesagt, Träume können sich erfüllen … oder auf ewig ein Traum bleiben.




Und dann noch …


 Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)



VV: Drei Bands oder Musiker, die dich geprägt haben?

M.H.S.: Sisters of Mercy, Diamanda Galas, Cash

 VV: Woran erkennt man einen Rheinländer?

 M.H.S.: Ich komme aus Rheinland Pfalz. Punkt.


 VV: Splatter oder schwarz-Weiß-Horrorfilme?


M.H.S.: Beides



VV: Frankenstein oder Dracula?

M.H.S.: Frankenstein



VV: Warum?


M.H.S.: Weil tragisch, traurig, und voller Sehnsucht


VV: Drei Horrorfilme, die dich geprägt haben?


M.H.S.: Hellraiser (1), Shining, Nosferatu


VV: „Dreizehn“ wird mit ungeahntem Budget verfilmt. Du wählst die Schauspieler … Ethan Ward ist …? Natascha Horvat ist …? Dr. Botkin ist …?


M.H.S.: Ethan Ward = Christian Bale, Natascha Horvat = Emma Watson, Doktor Botkin = Christoph Waltz


VV: Der Film ist ein mega Erfolg, alles ist möglich. Welchen Traum würdest du dir verwirklichen?


M.H.S.: Ich liebe Amerika. Vermutlich würde ich auswandern, den Winter in Texas oder Arizona verbringen, und den Sommer in Alaska oder South Dakota. Und ich würde schreiben, bis mir die Finger bluten.



VV: Fußball oder Tennis?

M.H.S.: Reiten, schießen und fechten




VV: Ein guter Spruch auf einem Grabstein?

M.H.S.: Aus meinen leeren, toten Augenhöhlen werden keine Skorpione kriechen




VV: Eine Frage, die man dir nicht stellen sollte?



M.H.S.: ...



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