Donnerstag, 21. April 2011

Der skandinavische Horrorfilm

CFP: Sammelband zum skandinavischen Horrorfilm

Ein Sammelbandprojekt wird sich eingehend mit dem skandinavischen Horrorfilm beschäftigen.
Deadline: 31. Mai 2011

Sammelband zum skandinavischen Horrorfilm
Mit Julia Kristevas Begriff des Abjekten lassen sich an der Oberfläche des Phänomens „Horror“ tief verwurzelte soziale Befindlichkeiten ablesen. Das gleichermaßen individuell wie kollektiv Verdrängte tritt im Horrorfilm in Form des „Anderen“, „Fremden“ und „Bösen“ in Erscheinung und erzwingt eine Auseinandersetzung mit dem Verdrängten und Bedrohlichen. Dabei kann die Verdrängung zugleich politisch und psychologisch motiviert sein wie sich auch Angst ebenso psychisch wie physisch darstellt. Die abjekt gesetzten Gegenstände der Angst und des Ekels fungieren als kulturelle Codes, die bei sensibler Analyse mehr über eine Gesellschaft aussagen als es den Geängstigten bewusst oder auch lieb sein mag.
Die skandinavischen Länder haben anscheinend weniger Angst gehabt als andere filmproduzierende Industrienationen, wie der historische Rückblick über gut einhundert Jahre vermuten lässt. Doch das hat sich in den letzten eineinhalb Dekaden, also im Zuge gravierender Umstrukturierungen des schwedischen Wohlfahrtsstaates etwa, in auffälliger Weise geändert.
Mit der Fritt Vilt-Trilogie (dt. Cold Prey, 2006-2010), Tomas Alfredsons Låt den rätte komma in (Schweden 2008, dt. So finster die Nacht) und Tommy Wirkolas Død Snø (Norwegen 2009, deutscher Titel Dead Snow) haben in jüngster Vergangenheit vermehrt skandinavische Horrorfilme internationale Aufmerksamkeit erfahren. Von „typisch skandinavischen“ Filmen war dabei jeweils die Rede. Doch worin die spezifischen Elemente bestehen, die eine solche Zuschreibung ermöglichen können, bleibt meist undeutlich. Ob in der Fortsetzung bestimmter filmästhetischer Traditionen, technischen Eigenarten, die diese Filme bewusst von Hollywood-Formaten abgrenzen, oder den über landestypische Schauplätze aufgerufenen Topoi oder vielleicht doch vor allem in der medialen Präsentation (sprich: Werbung)?
Über diese Fragestellungen hinaus, ist eine monographische Arbeit zum Horrorfilm aus – und in – Skandinavien ein Desiderat in gleich zweifacher Hinsicht: In den historischen Überblicken zum skandinavischen Film (etwa Michael Lachmann: Film in Skandinavien 1945-1993) taucht der Terminus „Horror“ kaum einmal auf, geschweige denn werden Filme dieses Genres behandelt. Ähnlich verhält es sich mit der international ausgerichteten Horrorfilmgeschichte, in der skandinavische Filme und Regisseure zumeist nur randständig sind (etwa in Ursula Vossen (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart 2004). Diesem Mangel soll dahingehend Abhilfe geschaffen werden, dass der Sammelband möglichst viele Ansätze und Themen kultur-, medien-, ästhetik- und diskursgeschichtlich abzudecken versucht.
Der Band soll, in drei Sektionen gegliedert, den allgemeinen kulturellen und ästhetischen Zusammenhängen sowie deren jeweiliger Historizität nachgehen, die landesspezifischen Märkte und ihre Produktionsverhältnisse in den Blick nehmen sowie abschließend in Einzelanalysen exemplarische Beispiele vorführen. Genese, Entwicklung und Ausdifferenzierungen des skandinavischen Horrorfilms sollen dabei samt ihrer ökonomischen und diskursiven Rahmenbedingungen vor dem Hintergrund allgemeiner ästhetik- und mentalitätsgeschichtlicher Zusammenhänge reflektiert und dargestellt werden.
Dafür werden Beiträge gesucht, die sich mit einem oder mehreren der folgenden Themen und Fragestellungen beschäftigen (von diesen ausgehend aber auch hier unberücksichtigte Bereiche behandeln können):
- Die Anfänge des Horrorfilms in Skandinavien (Verhältnis zum literarischen Horror, im Traditionszusammenhang der Gothic Novel)
- Die (spezifische?) Entwicklung von Grusel- und Horrorfilm in den skandinavischen Ländern – Erscheinungsformen des Horrors (und damit des Abjekten) im Wandel
- „Horror“-Diskurs(e) im Kontext von Kino- und Mediengeschichte(n) (Was wird zu welcher Zeit als „Horror“ verstanden und wie wird es umgesetzt)
- Genre-Filme im Kontext von Literaturverfilmung allgemein (Horror-Stoffe im internationalen Vergleich)
- Topoi, Motive & Figuren (allgemein und kontrastiv: „typisch“ skandinavisch vs. international – etwa Wald, Meer, Schnee, Eis)
- Den Märkten und ihren internationalen Beziehungen (Europa, USA – Import und Export – welche Filme kommen wohin, und warum)
- Dem immensen Produktionsanstieg in den letzten 10-20 Jahren nach einem eher überschaubaren Jahrhundert seit den Anfängen des Films
- Horror(film)-Rezeption in Skandinavien (z.B. Dracula, Frankenstein u.ä. – und die ausbleibende Adaption klassischer Horror-Stoffe & -figuren)
- Rezeption skandinavischer Filme im Ausland
- Remakes ursprünglich skandinavischer Filme (z.B. Nattevagten/Nightwatch, Låt den Rätte Komma In/Let Me In)
- gesellschaftliche Diskurse & Diskussionen: Mentalitäts- und Ästhetikgeschichtliches (z.B. vor dem Hintergrund von Pädagogik & Zensur)
- Genre-Mischungen: Thriller, Horrorparodie und Intertextualität
- Ikonographie des Horrors in Metal-Videos / darüberhinaus Black Metal im (Horror-)Film (Z.B. Kjersti Steinsbøs Forlat os vår skyld, N 2007)
- „Horror“ in den Kinder- und Jugendmedien
Die Deadline für die Einreichung von Themenvorschlägen ist der 31. Mai 2011.
Interessierte sind herzlich eingeladen, ein Abstract (~ 300 Wörter) und einige bio-bibliographische Angaben als Word-Dokument an npenke@gwdg.de zu schicken.
Niels Penke, Skandinavisches Seminar, Georg-August-Universität Göttingen

Quelle

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen