Sonntag, 1. Juni 2014

Raphael Vercott: Der Weg zu den jungfräulichen Blumen

Niemand kann vergangene Entscheidungen korrigieren. Was wäre aber, wenn die Frage, welche Veränderungen in unserer Vergangenheit was für Auswirkungen gehabt hätten, eine Antwort bekäme? Was würden wir tun, wenn wir plötzlich Zeichen einer parallelen Vergangenheit entdecken würden? Wenn wir sogar die Möglichkeit hätten, hineinzublicken und zu erleben, wie sich diese parallele Vergangenheit der Gegenwart nähert. Würden wir nach weiteren Indizien suchen um zu erfahren, was wir endgültig verloren haben, und was nicht? Würde die Angst des Ungewissen uns davor zurückschrecken lassen, oder könnte bereits eine einzige, fremdartige doch irgendwie vertraute Sehnsucht uns dorthin führen? ...So nahe, bis wir unsere eigene Stimme hören. Worte, die wir nie ausgesprochen haben. Bis unser eigenes, gespenstisches Abbild klare Spuren hinterlässt. Wo würden sie hinführen? Und falls wir die Möglichkeit hätten, diesen Platz einzunehmen? 

Sie sind zur Beerdigung eingetroffen. Sie kennen sich nicht persönlich, müssen aber feststellen, wegen eines Missverständnisses einen Tag zu früh angekommen zu sein. Jeder von ihnen hatte eine wichtige Rolle im Leben des Verstorbenen. Schon bald werden sie die Zusammenhänge entdecken, nicht aber die Todesursache, und schon gar nicht, wo sich eigentlich der Leichnam befindet. Einige der Gäste sind den anderen allerdings nicht weniger rätselhaft, denn die Vergangenheit einiger Anwesenden scheint mehr Fragen aufzuwerfen, als die des Verstorbenen. 

Doch der Ort entschleiert nicht nur alte, teils unerwartete Erinnerungen, sondern gleichzeitig auch solche, die offenbar keiner Vergangenheit angehören. Das im Jugendstil gemalte Porträt einer mysteriösen rothaarigen Lady findet vorerst keine Beachtung, sehr wohl aber die junge Dame unter den Gästen. 

Währenddessen tauchen Briefe auf, von denen die Verfasser behaupten, sie nie geschrieben zu haben, sowie Fotos, die offenbar nie geschehene Ereignisse darstellen. Während einige der Gäste die Vergangenheit anderer infrage stellen, beginnen diese, ihre eigenen Erinnerungen anzuzweifeln. Nebenbei scheinen einige Gemälde wandelbarer zu sein, als Gemälde es üblicherweise sind. 

Die Leser begleiten die Protagonisten auf der Suche nach einer verlorenen Zeit: ihrer eigenen. Im Nebel der Vergangenheit finden einige von ihnen unerwartete, unbekannte doch teils vertraute Wege. Manche führen zu den jungfräulichen Blumen, aus anderen treten finstere Gestalten hervor, die zuvor noch keine waren.

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