Freitag, 25. März 2022

Geschichten aus dem Keller (Interview)

 


Michael Schmidt: Liebes Herausgeberteam! Stellt euch doch mal vor!

Werner Graf: Hallo, mein Name ist Werner Graf und ich lebe mit meiner Familie derzeit in Wien. Ich schreibe gerne in verschiedensten Ausprägungen der Phantastik, seit 2013 bin ich publizierender Autor.

Jacqueline Mayerhofer: Hallo! Mein Name ist Jacqueline Mayerhofer, ich komme aus Wien, bin seit 2008 Autorin und seit etlichen Jahren auch Lektorin. Aktuell befinde ich mich kurz vor dem Ende meines Germanistik-Masterstudiums. „Geschichten aus dem Keller“ war meine erste Herausgeberschaft und die nächste Anthologie, die ich mitherausgeben werde, steht bereits in den Startlöchern. Am liebsten schreibe ich im Science-Fiction- und Horrorgenre. Für alle, die neugierig geworden sind, empfehle ich gern meine Website: www.jacquelinemayerhofer.at

Melanie Vogltanz: Hi, ich bin Melanie Vogltanz und ich habe ein Buchproblem *lacht* Ich schreibe überwiegend in einem Genre, das ich breit als „Dunkle Phantastik“ umfassen würde, das reicht von dystopischen Near Future Zukunftsvisionen und psychologischem Horror über historische Fantasy bis hin zu Urban Fantasy. 2021 habe ich vom Lehrerberuf in die Selbstständigkeit gewechselt und arbeite seitdem als freie Lektorin, Korrektorin und Schreibcoach für unabhängige Phantastik-Verlage und Selfpublisher, bin also auch für diverse Schreibbedürfnisse buchbar. Ich bin ebenfalls aus Wien und lebe dort mit Katzen und Partnerin.



Michael Schmidt: Herzlichen Glückwunsch. Eure Anthologie Geschichten aus dem Keller ist als Beste Anthologie beim Vincent Preis 2020/21 nominiert, ebenso die enthaltene Geschichte Erneuerung. Habt ihr im Vorfeld damit gerechnet?

Werner Graf: Nicht wirklich. Wir haben viel Energie und Arbeit in das Projekt investiert, um am Ende eine gute Anthologie herauszugeben. Dass wir damit aber auf der Shortlist des Vincent-Preises landen ehrt uns natürlich. Wir freuen uns sehr!

Jacqueline Mayerhofer: Vielen Dank! Man hofft als Herausgeber:in ja doch, dass unsere Anthologie gut ankommt, dass sie dann jedoch nominiert wird – gleich zweimal –, das übertrifft jede Erwartung und zeigt schön, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Vor allem freuen wir uns auch für unsere Autor:innen, das haben sie wirklich verdient!

Melanie Vogltanz: Tatsächlich überhaupt nicht! Der Vincent Preis fiel ja letztes Jahr aus, ich hatte ihn daher dieses Jahr nicht mehr wirklich auf dem Radar und war total perplex, als mich die Nachricht dann erreicht hat. Die Anthologie hatte leider, wie so viele andere Veröffentlichungen der letzten zwei Jahre auch, das Pech, in eine Zeit zu fallen, in der es doppelt schwer ist, auf sich aufmerksam zu machen. Umso schöner ist es, dass die Geschichten nun auf diese Weise gewürdigt werden, denn wie Jacqueline ganz richtig sagt, das haben sie verdient! Unabhängig vom Platz, den wir am Ende erreichen, ist die Shortlist eine sehr große Ehre für uns alle und ich bin sehr happy darüber.


Michael Schmidt: Was erwartet den Leser bei Geschichten aus dem Keller?

Werner Graf: Eine breite Palette an Horror- und Gruselmomenten. Bei der Auswahl haben wir aber nicht nur Wert auf Vielfalt gelegt, sondern auch auf Originalität. Plumpen Splatter oder allzu Klischeehaftes wollten wir vermeiden.

Jacqueline Mayerhofer: Eine düstere und teilweise auch blutige Anthologie, die Abgründe der menschlichen Seele offenbart. Die Leichen im Keller sind nicht immer nur metaphorisch gemeint, das können wir versichern. Diese dunklen Abgründe tun sich nämlich auch in der Psyche auf.

Melanie Vogltanz: Ich bin besonders stolz auf die Bandbreite, die wir in der Antho präsentieren konnten. Menschen fürchten Unterschiedliches, und ich denke, in diesen Kellern findet wirklich jede*r sein persönliches Abteil. Gleichzeitig sind die Geschichten auch zutiefst menschlich –Schockeffekte und purer Splatter hatten hier keinen Platz.

Michael Schmidt: Ist das eure erste Herausgeberschaft?

Werner Graf: Vor vielen Jahren gabs mal ein Self-Publishing-Projekt über das Thema „Sterben“, bei dem ich Mitherausgeber war. Es war zugleich die erste Zusammenarbeit mit Jacqueline, die damals mit einer großartigen Geschichte vertreten war.

Jacqueline Mayerhofer: Für mich war es die erste Herausgeberschaft, ja. Eine Anthologie herauszugeben erfordert eine Menge Arbeit und teilweise (wie hier bei guten 200 Einsendungen) auch oftmals schlaflose Nächte, macht gleichzeitig jedoch auch großen Spaß. Vor allem, wenn alle Beteiligten von dem Thema begeistert sind! Das motiviert dann gleich umso mehr.  


Melanie Vogltanz:
Ich hatte fast zeitgleich noch ein anderes Anthologie-Projekt, das relativ parallel lief, nämlich „Tod des Verlegers“, gemeinsam herausgegeben mit Veronika Lackerbauer, das beim Amrûn Verlag erschienen ist. Die Arbeiten an den beiden Anthologien waren sehr unterschiedlich, da die Konzepte sehr unterschiedlich waren. Bei den Kellern hatten wir eine offene Ausschreibung (die, wie Jacqueline schon erzählt hat, grandios angenommen und mit vielen Einsendungen honoriert wurde), bei der anderen Anthologie standen die Teilnehmenden vorab fest. Beides brachte eigene Herausforderungen mit sich, und in beiden Fällen hat sich die Arbeit sehr gelohnt!



Michael Schmidt: Als Verlag habt ihr ohneohren gewählt. Eurer Stammverlag oder hattet ihr bestimmte Gründe, das Buch genau dort herauszugeben?



Jacqueline Mayerhofer: Für mich ist der Verlag ohneohren mein Heimathafen, kann man sagen. Tatsächlich war das aber nicht der einzige Grund, wieso wir uns für diesen Verlag entschieden, denn die Idee für „Geschichten aus dem Keller“ entstand bei einer unserer langen Autofahrten nach Deutschland – zusammen mit Verlegerin Ingrid Pointecker. Ihr gefiel unser Konzept und schon begann die Planung.



Melanie Vogltanz: Bei ohneohren weiß ich, dass alle Projekte bei Verlegerin Ingrid Pointecker gut aufgehoben sind. Wir arbeiten seit der Gründung des Verlags zusammen und ich komme immer wieder gern mit Projekten zu ihr (tatsächlich steht auch demnächst wieder ein Roman von mir in ihrem Haus an, aber dazu darf ich noch nicht allzu viel verraten – außer dass es ebenfalls in die Horrorrichtung gehen wird). Auch wenn einem kleinem Ein-Personen-Verlag die Mittel eines großen Publikumsverlags fehlen mögen, kann man sich bei Ingrid sicher sein, dass sie mit vollem Engagement hinter all ihren Projekten steht und dass sie ihre Schreibenden mit allem versorgt, was sie brauchen – seien es frisch gefangene Debütant*innen oder altgediegene Genremenschen mit Veröffentlichungen in großen Publikumsverlagen. Und bevor jemand fragt: Nein, ich werde für diese Werbung nicht bezahlt, ich bin wirklich so begeistert!



Werner Graf: Da kann ich mich den anderen nur anschließen. Der ohneohren Verlag hat für mich ebenfalls eine besondere Bedeutung, da dort mein erster Roman (gemeinsam geschrieben mit Claudia Kolla) eine gute Heimat bekommen hat. Wir haben seither auch regelmäßig zusammengearbeitet. Da weiß man immer, dass die Qualität stimmt.

Michael Schmidt: Habt ihr weitere Anthologien geplant?

Jacqueline Mayerhofer: In dieser Konstellation aktuell nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden! Ansonsten wird es von mir in absehbarer Zeit eine besondere Cyberpunk-Anthologie mit „Geschichten aus dem Keller“-Autor Mario Steinmetz als Mitherausgeber geben.

Melanie Vogltanz: Nein, gegenwärtig stehen bei mir keine neuen Anthologien mehr an, was keinem Mangel an Ideen geschuldet ist. Das lässt sich aktuell zeitlich mit meinen anderen Projekten leider nicht mehr vereinbaren.

Werner Graf: Derzeit nicht, aber wie Jacqueline schon meinte: was nicht ist, kann ja wieder werden. Ausschließen will ich da für die Zukunft nichts.

Michael Schmidt: Ihr schreibt alle selbst und wenn ja was?

Werner Graf: Wie schon erwähnt, liebe ich die Phantastik, möchte mich künftig aber auch anderen Genres widmen. Derzeit steckt meine Energie aber vor allem in der Entwicklung eines PC-Spiels, das sich um Musik und Festivals dreht. Da sind neben der Programmierung auch die Dialoge von mir.

Jacqueline Mayerhofer: Früher habe ich viel Fantasy, Thriller und vermehrt Horror geschrieben. Bis ich schließlich das Science-Fiction-Genre als mein Herzblutgenre für mich entdeckt habe. Noch immer schreibe ich zwar in verschiedenen Bereichen, doch in der SF fühle ich mich neben dem Horror einfach am wohlsten. Kürzlich erschienen erst meine dystopische Cyberpunk-Novelle „Our Mechanical Hearts“ und das Finale meiner SF-Novellenreihe „Hunting Hope“, wenn wir schon bei Lieblingsgenres sind.


Melanie Vogltanz: Im Moment werde ich am häufigsten für Science Fiction und Dystopien angefragt, was vermutlich damit zusammenhängt, dass meine Dystopie „Shape Me“ (ebenfalls bei ohneohren) auf ein paar Shortlists in Genrepreisen klettern konnte. Aktuell schreibe ich an einem Science Fiction-Roman in Zusammenarbeit mit Stefan Cernohuby, für den wir auch bereits unter Vertrag sind – das wird spacey und sehr cool. Am meisten Zeit verbringe ich gerade mit dem Kemet-Universum im Art Skript Phantastik-Verlag, gemeinsam mit Partner in Crime Jenny Wood. Dabei geht es um ägyptische Gottheiten, die in der Moderne gestrandet sind. Einige Bücher sind bereits erschienen, darunter meine Novelle „Road to Ombos“ und Jennys Roman „Totenfluch“. Noch deutlich mehr sind geplant, so … stay tuned!

Michael Schmidt: Wie würdet ihr die deutschsprachige Phantastikszene charakterisieren?

Werner Graf: Das ist bei so einer vielschichtigen Szene natürlich schwierig zu sagen, aber um ein paar Schlagworte zu nennen. Familiär, kreativ, fleißig und unterhaltsam. Das kann man bei jedem Event, bei jeder Messe aufs Neue erleben.

Jacqueline Mayerhofer: Ich würde sie als familiär bezeichnen. Vor allem in Zeiten, als Messen noch üblicher waren, waren Buchmessen immer wie große Familientreffen. Ich fühle mich in der Phantastikszene sehr wohl, denn sie bietet ein angenehmes Umfeld mit so vielen tollen Autorenkolleg:innen, die ich nicht mehr missen möchte!

Melanie Vogltanz: Das finde ich pauschal schwer zu beantworten, denn die Phantastikszene ist nicht homogen und lebt von vielen unterschiedlichen Spielarten und ebenso unterschiedlichen Menschen. Gerade in den letzten Jahren gab es da auch viel, teilweise fruchtbaren, Austausch und Bemühungen, gemeinsam größere Netzwerke aufzubauen. Ich hoffe, dass die nächsten Jahre da Erfolge bringen werden – denn zahlenmäßig ist die Szene, trotz ihrer Pluralität, im Vergleich mit anderen Genres wie Krimi oder Romance im deutschsprachigen Raum relativ klein. Phantastik besetzt auf dem hiesigen Buchmarkt eine Nische, und das spürt man in vielen Bereichen. Ich bin überzeugt, wir können alle voneinander und der gegenseitigen Unterstützung profitieren. Mein Ausblick für die nächsten Jahre, oder vielmehr eine Hoffnung von mir, wäre ein „bigger table“.

Michael Schmidt: Ein Wort noch an die Meute dort draußen!

Werner Graf: Bleibt gesund und viel Spaß beim Lesen!

Jacqueline Mayerhofer: Danke an alle, die unsere Geschichten lesen und unsere Bücher kaufen, ihr seid toll! Außerdem wünsche ich auch allen viel Freude, die „Geschichten aus dem Keller“ noch nicht gelesen haben. Die Anthologie sorgt definitiv für ein paar schauerliche Stunden.

Melanie Vogltanz: Bleibt gesund, passt auf euch selbst und andere auf und bleibt flauschig!

 

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