Dienstag, 8. Mai 2012

Interview mit Nina Horvath

Vincent Preis: Liebe Nina. Gratulation zur (erneuten) Nominierung, diesmal für DIE SCHATTENUHR (Anm. VP: Nina Horvath war mit ihren Co-Herausgebern bereits für METAMORPHOSEN beim Vincent Preis 2009 nominiert). Du bist den Horrorlesern keine Unbekannte. Würdest du dich trotzdem bitte kurz vorstellen?

Nina Horvath: Zunächst einmal danke ich allen, auch im Namen „meiner“ Autoren, für die Stimmen! Ich habe das Ganze natürlich mit Spannung mitverfolgt und war auch bei dem Chat des Horrorforums, bei dem die Entscheidung der Nominierungsrunde verlautbart wurde, live dabei. Dass ich nun tatsächlich gewonnen habe, ist für mich fast unvorstellbar! –  Dass ich was kann, weiß ich zwar zum Glück inzwischen, sonst hätte ich schon längst alles hingeschmissen, aber leider hat sich das bisher vor allem in undankbaren Viertplatzierungen ausgedrückt. Endlich mal einen ersten Platz belegt zu haben, ist ein unglaublich gutes Gefühl!

Sich selbst vorzustellen, finde ich immer etwas seltsam. Aber gut, ich schreibe nun seit etwa zwölf Jahren halbwegs ernsthaft, aber ich glaube, mich kennen die Leute aus der Szene weniger, weil sie tatsächlich was von mir gelesen haben, sondern weil ich mal hier, mal da, mal dort mitmische. Mal bei Online-Magazinen, mal in einem Verein, in Foren (ja, die Person mit dem Usernamen „Nina“ bin in fast allen Genre- und Autorenforum tatsächlich ich!), ich fahre auch jährlich auf mindestens eine Convention, meistens werden es mehr.
Mit dem Veröffentlichen habe ich in Online-Magazinen angefangen, dann bin ich über Fanzines zu den Anthologien gekommen. Ich war auch sehr früh organisatorisch in die Planung von Sammelbänden eingebunden, ohne groß namentlich aufzuscheinen. Aber es war dennoch wichtig für mich, da ich da das Rüstzeug für weitere Projekte bekommen habe. Inzwischen war ich offiziell Mitherausgeberin von zwei Anthologien und alleinige Herausgeberin einer. Am liebsten schreibe ich Geschichten, die irgendwo zwischen Horror und Science-Fiction beheimatet sind.

VP: Vor 2 Jahren Lovecraft, nun also Edgar Allan Poe, der für DIE SCHATTENUHR Pate stand. Wie ist das Konzept entstanden? War das deine Idee?

NH: Ich muss gestehen: So seltsam es klingt, ich bin eigentlich nie die Person gewesen, die das angeleiert hat. Ich bin halt so ein Nerd, der mit seinen Interessen im Internet, da mir im „richtigen Leben“ die Möglichkeit dazu fehlt, quasi hausieren geht. Beim Cthulhu-Projekt haben mich die beiden anderen Herausgeber mit ins Boot geholt. Für die Poe-Anthologie hat mich der Verleger gefragt, ob ich das nicht machen möchte. Wie gesagt, nicht aus heiterem Himmel, man muss schon ziemlich viel gemacht haben, dass einem jemand anderer was zutraut. Und es dauert natürlich von der ersten Idee ziemlich lange mit vielen internen Diskussionen, bis da so ein richtiges Konzept steht. Also nur weil einer „Man müsste mal!“ meint, setzt man sich noch lange nicht ins gemachte Nest!
Ich glaube, meine größte Stärke liegt darin, dass ich einerseits Idealistin bin und dadurch gute Projekte unterstützen will – allerdings niemals mit Geld, ich würde nie beispielsweise einen Teil einer Buchauflage selbst finanzieren! –  aber vor allem bin ich sehr pragmatisch. Viele Pläne finde ich toll – aber solange es an der praktischen Umsetzung hapert, taugt das alles nichts. Ich suche nach einfachen Lösungen jenseits der Theorie. Und ich kann diese auch finden. Nicht immer, aber eben immer öfter.   

VP: Kannst du dich noch daran erinnern, welches die erste Poe-Geschichte war, die du gelesen hast und wie sie auf dich gewirkt hat?

NH: Ja, das weiß das noch genau, ich bin damals nach der Schule immer mal gerne in einer Ladenkette die preisreduzierten Bücher durchstöbern gegangen. Ich war ja eines der Kinder, die immer direkt nach Hause kommen sollten, aber diese Viertelstunde war gerade noch drin. Ich  habe zwei stoffgebundene Bücher entdeckt, die eben deshalb in der Wühlkiste gelandet waren, weil der Schutzumschlag fehlte. Ich weiß gar nicht, was da meine Aufmerksamkeit tatsächlich erregt hat, aber ich wollte diese in schlichten schwarzen Stoff gebundenen Bücher einfach. Vielleicht war ja so, dass nicht ich die Bücher, sondern die Bücher mich gefunden haben?
Als erstes habe ich jedenfalls die Geschichte "Der Untergang des Hauses Usher" gelesen. Nachdem das eine der Titelgeschichten war, war das auch naheliegend. Gerade, wenn man bedenkt, was ich vorher geschrieben habe, kann man sich natürlich vorstellen, dass ich mich in jemandem, der recht abgeschieden wohnt – ich war da immer recht zurückgezogen, was auch daran lag, dass die Kinder aus der Nachbarschaft allesamt um ein Vielfaches älter als ich waren, außerdem hatte ich auch so nie Probleme, mich alleine zu beschäftigen –  durchaus identifizieren konnte. Die düstere Atmosphäre hat mich sofort gefesselt und das dürfte auch die erste Begegnung für mich mit Horror überhaupt gewesen sein. Zuvor kannte ich nur Gruselgeschichten für Kinder, aber die haben mich nicht sonderlich fesseln können, zumal die meistens einen recht standardisierten Aufbau hatten und letztendlich war dann der Spuk immer vorüber, sobald die alten Knochen in geweihter Erde waren. Das war ein für mich ermüdendes und auch nicht nachvollziehbares Konzept.
Poe war halt was anderes, klarerweise alt, aber eben für mich neu und ich mochte schon immer Bücher, die sprachlich schön geschrieben sind. Für minimalistischen Satzbau und derbe Ausdrücke hatte ich hingegen nie was über.

VP: Wie wurden die Geschichten für DIE SCHATTENUHR ausgewählt? Soweit ich weiß, gab es dazu keine Ausschreibung.

NH: Die gab es tatsächlich nicht. Der Verleger und ich wollten zwar eine Ausschreibung machen, bei denen Beiträge von Hausautoren mit denen von neuen Talenten gemischt erscheinen sollten. Nachdem ich das Material der Hausautoren gesichtet habe, habe ich mich mit dem Verleger kurzgeschlossen, denn ich war der Ansicht, dass bereits ausreichend herausragendes Material vorlag und es dementsprechend sinnlos gewesen wäre, noch weitere Geschichten zu suchen. Ausschreibungen werden ja nicht als Selbstzweck gestartet oder weil es so lustig ist, sondern um gute Beiträge zu finden. Und eventuell auch neue Autoren für Projekte, wo man die Leute, mit denen man zusammenarbeitet, schon kennen muss. BLITZ macht ja viele Serienbücher, da bestünde tatsächlich Bedarf an guten Autoren – aber eben nicht an Blindbewerbungen, die einfach nur ein enormer Zeitfresser sind und dazu kann man keinem Fremden einfach größeres Projekt anvertrauen. Doch aufschoben ist nicht aufgehoben: Ende letzten Jahres gab es dann für den zweiten, noch namenlosen Band der von „Die Schattenuhr“ eröffneten Reihe mit dem Titel „Die bizarre Welt des Edgar Allan Poe“ eben diese öffentliche Ausschreibung.

Nina Horvath zusammen mit Schattenuhr-Autor Olaf Kemmler, BLITZ-Kollege Frank G. Gerigk und Verlagsleiter Jörg Kägelmann (vlnr)
VP: DIE BIZARRE WELT DES E. A. POE 2 ist in Arbeit. Die Ausschreibung dafür endete am 15. April. Wie viele Geschichten hast du erhalten und bereits gesichtet?

NH: Ich habe insgesamt trotz des recht speziellen Themas 499 gültige Einsendungen erhalten. Aber insgesamt noch einige mehr, die jedoch gleich abgelehnt wurden. Beispielsweise wenn die Datei sich einfach nicht öffnen ließ, was daran lag, dass die Autoren absurde Dateiformate oder schlichtweg „Datenmüll“ gesendet haben – oder bei Einsendung nach der Deadline, die einen gewissen Toleranzrahmen deutlich überschritten hatten.
Ich habe bislang in etwa 150 Beiträge gesichtet. Ansonsten wird das sicher noch dauern.

VP: Wie muss sich eine „Poe“-Geschichte anfühlen, um die Kriterien für DIE BIZARRE WELT DES E. A. POE zu erfüllen?

NH: Zunächst einmal ist es so, dass bei sehr, sehr vielen Geschichten gleich etwas drinsteht, das die Grundstimmung, die ich mir von so einer Geschichte erwarte, vollkommen zerstört. Ich möchte die konkreten Ausdrücke, die da in Gebrauch sind, gar nicht in den Mund nehmen, aber absolute Ausschlusskriterien sind schon mal: Die Charaktere belegen einander mit niveaulosesten Kraftausdrücken, fluchen derb oder der Ich-Erzähler muss eben mal urinieren (was dann immer auch recht volkstümlich ausgedrückt wird) oder frönt seltsamen sexuellen Praktiken. Alles schon gehabt – wobei die Darstellung von Sexualität allein kein Ausschlusskriterium ist, in der genialen Geschichte „Die Schattenuhr“, die ja auch den ersten Platz beim Vincent Preis als „Beste Kurzgeschichte“ abgeräumt hat, des leider viel zu früh verstorbenen Autors Michael Knoke, kommt es bekanntermaßen ebenfalls dazu. Es ist weniger das was, sondern das wie, dieser schmale Grat zwischen einer niveauvollen erotischen Darstellung die sich in die Handlung und die düstere Atmosphäre ganz natürlich einfügt und expliziter Pornographie als Selbstzweck.

Für mich ist Poes Werk gleichbedeutend mit einer düsteren Geschichte mit ästhetischer Erzählweise. Und ja, auch mit Handlung, denn gerade das missverstehen ebenfalls viele Autoren: Ein gemächlicher Spannungsaufbau wie bei Poe bedeutet nicht, einen zusammenhanglosen Absatz abzuliefern, in dem eine Person dasitzt (ob nun in einem Zimmer mit „arabesken Mustern“ an der Wand oder sonstwo, ist da auch schon egal), nichts tut und lediglich denkt. So etwas ist als Schreibübung sinnvoll, aber so beinhart das klingt, der Autor will uns das verkaufen – und der Verlag an die Leser. Da genügt „nett formuliert“ halt nicht. Ich will Texte, die mich gefangen nehmen und in eine düstere Welt entführen. Es gibt viele Geschichten, die passabel daherkommen, aber ich will beim Lesen brennen, die Begeisterung fühlen. Alles andere wäre ein Kompromiss, den ich auch meinen Lesern nicht zumuten möchte.

VP: Nicht unbeträchtlichen Beitrag an der Wirkung des Buches hat die Titelillustration von Zdzisław Beksiński, die von Mark Freier nochmals für das letztendliche Buchcover bearbeitet wurde. Wie entdeckt man an solche Bilder?

NH: Das darf man nicht mich fragen, sondern BLITZ-Verleger Jörg Kaegelmann. Ich weiß nur, dass es sehr aufwendig war, die Bildrechte dafür angesichts der Sprachbarrieren aus Polen zu besorgen. Da war aber dann auch der Ehrgeiz dahinter, einfach genau das zu bekommen und keinen Kompromiss. Ich selbst habe das Bild präsentiert bekommen und war gleich begeistert! Das ist es einfach!!!

Allerdings ist das Bild an sich nur düster mit sehr viel Schwarz im Hintergrund. Für das Buchcover wäre das zu viel gewesen – dieses düstere Motiv und dann noch so viel von dieser Nicht-Farbe dazu! Nicht jedes geniale Bild ist schließlich ein geeignetes Cover und hier schien es auch so zu sein. Mark Freier hatte da mit mehreren Vorschlägen, die ich auch vorab gesehen habe, die ideale Lösung mit der geänderten Farbgestaltung, dem Rahmen und dem Einpassen des Schriftzugs.
Besser hätte es gar nicht laufen können, ganz im Gegenteil schmerzt es mich fast, wenn ich in die Foren schaue und die meisten Kommentare nur das Cover preisen, zu dem ich im Grunde genommen nichts beigetragen habe. Doch im Endeffekt will man als Herausgeber das bestmöglichste Buch und das Cover ist da ein wesentlicher Bestandteil.
Nina Horvath gemeinsam mit Grafiker Mark Freier
VP: Haupttätig solltest du eigentlich studieren. Wie geht das akademische lernen, das schreiben und das Herausgeberdasein bei dir zusammen?

NH: Ehrlich gesagt nicht so gut. Man fängt gerade beim Schreiben und den Szeneaktivitäten sehr leicht an, sich zu verzetteln. Ich bin auch schon mehrfach mit Autorenkollegen aneinander geraten, die gerade im Bezug auf Eventorganisation von „Versuchen kann man es ja!“ sprachen, wenn ich Bedenken bezüglich der Erfolgsaussichten angemeldet haben. Aber ich kann einfach nicht alles mit ungewissem Ausgang ausprobieren, die Aktivitäten, von deren Wichtigkeit ich restlos überzeugt bin, nehmen mich bereits viel zu viel in Anspruch.

VP: Wissen deine Kommilitonen und Professoren von deinem Hobby und welche Reaktionen erbtest du an der Uni?

NH: Einige wissen es, aber bei weitem nicht alle. Ich bin aber auch keine Autorin, die mit ihrem „Musterköfferchen“ auf Verkaufstour unterwegs ist. Verkäufe gehören meiner Ansicht nach in den Buchhandel und zu Lesungen und nicht in andere Bereiche des Alltags. So weit hat sich auch meines Wissens nach noch niemand aus dem Dunstkreis einfach so über Amazon ein Buch mit einer Geschichte von mir besorgt, obwohl das durchaus möglich wäre.
Gelegenheiten zu erzählen gibt es immer wieder. Mal hat man irgendein Shirt angezogen, das den Schriftzug einer Autorengruppe trägt, dann sagt man einen Termin ab, weil Lesung ist. Einmal haben mich auch einige Leute auf der Uni, als mir der Ärmel hochgerutscht ist, mit den Worten: „Was ist denn dir passiert?“ angesprochen und musste dann erklären, dass ein Hennatatoo ist, das ich mir selbst für einen Bühnenauftritt verpasst habe – ich konnte ja nicht wissen, dass das gleich dunkelbraun und trotz Schrubbens erst nach zwei Wochen langsam blasser wird!
Einmal bin ich auch in einem Seminar gesessen, wo wir in der vorigen Stunde unsere Mailadressen angeben sollten – und ich habe ohne nachzudenken die aufgeschrieben, die am Ende @ninahorvath.at trägt, also einen direkten Hinweis auf meine Homepage liefert. Da wurde ich dann vor allen drauf angesprochen! –  War allerdings ein amerikanischer Gastprofessor, ich glaube, die Österreicher gehen zwar bei so etwas auch gerne mal nachschauen, aber das tun sie halt heimlich und sprechen nicht darüber – es sei denn, es will sich jemand tatsächlich darüber lustig machen. Das ist einfach eine andere Art, die wir da haben.
Doch grundsätzlich hatte ich da noch nie Probleme, wenn dann wird es halt als Kuriosum behandelt, was mich jedoch keineswegs stört.


VP: Lieben Dank, Nina, für das Interview und viel Erfolg beim VINCENT 2011.

NH: Ich habe zu danken! Ich hoffe übrigens sehr, dass wir uns nächstes Jahr wieder bei einem solchen Gespräch zusammen einfinden.

1 Kommentar:

  1. Dieses Interview gibt es übrigens inzwischen auch in rumänischer Sprache: http://revistanautilus.ro/interviuri/un-interviu-cu-scriitoarea-austriaca-nina-horvath-laureata-a-premiului-vincent-si-a-premiului-german-pentru-literatura-fantastica/

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