Mittwoch, 26. Mai 2010

Interview mit Marc Gruppe von Titania Medien

Vincent Preis: Zunächst einmal Glückwünsche zur Nominierung zum Vincent-Preis 2009.


Marc Gruppe: Danke sehr. Dass unser GRUSELKABINETT-Hörspiel DER TEMPEL (basierend auf der Erzählung von H. P. Lovecraft) nominiert wurde, hat uns sehr gefreut.


VP: Hörspielmacher arbeiten zwangsläufig weitestgehend im Verborgenen und machen ihren Job dann am besten, wenn der Hörer beim Genuss eines Hörspiels keinen Gedanken an sie verschwendet. Darum ... wer verbirgt sich hinter dem Namen Marc Gruppe?


MG: 1974 geboren, hat sich im Alter von 3 Jahren mit dem Theater-Fieber angesteckt, studierte Theaterwissenschaft, Neuere deutsche Literatur- und Musikwissenschaft bis zum Magister, seit 2003 Hörspiel-Autor und -regisseur bei TITANIA MEDIEN, daneben hat er viele Theaterstücke für einen renommierten Theaterverlag geschrieben (dies auch weiterhin) und ist auch nach wie vor selbst Theater-inszenierend tätig.


VP: Die Planung der GRUSELKABINETT-Hörspiele ist bei Nr. 49 angelangt. Hat Sie der Erfolg und die Langlebigkeit der Reihe überrascht?


MG: Überrascht nicht, denn es wird von unserer Seite ja hart und mit viel Zeit, Geld und Liebe zu jedwedem Detail am Erfolg der Reihe gearbeitet. Aber gefreut und auch bestätigt hat uns diese hohe Zahl von Folgen! Eine Hörspielreihe im Programm zu haben, die 2011 dann über 50 Folgen verfügen wird, macht uns unglaublich stolz, denn dies ist auf dem Markt, so wie er sich heute leider darstellt, nicht die Regel. Es ist schön, dass aus unserer Vision, schauer-romantische Gruselunterhaltung abseits der Groschenheft-Roman-Vertonung zu bieten, etwas so Langlebiges gewachsen ist.


VP:: Welche weiteren Gruselklassiker haben Sie im Auge, die Sie für GRUSELKABINETT adaptieren möchten?


MG: Wir sind mittlerweile schon mit der Planung bis jenseits von Folge 70 gekommen. Da darf man sich also noch auf so manches Schmankerl freuen. Voraussichtlich werden in 2011 ebenfalls 10 Folgen erscheinen, wie in diesem Jahr. Darin kommen natürlich allerlei teils berühmte Geister zum Zuge, ebenso wird es mal wieder etwas aus dem Bereich Mumien geben, natürlich auch Vampire, unheimliche Begegnungen auf hoher See und endlich einmal etwas zum Thema Zombies/Voodoo. Darauf freuen wir uns besonders, weil es etwas Neues in der Reihe ist. Damit ist dann aber das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Stephan Bosenius und ich haben noch einiges vor in der Reihe.


VP: Was macht ein gutes (Grusel-)Hörspiel aus?


MG: Bei einem guten (Grusel-)Hörspiel muss es mir möglich sein, mich mit einer der handelnden Personen zu identifizieren, um als Hörer emotional möglichst nah an das Geschehen heran zu kommen. Das ist jedoch leichter gesagt als gemacht. Mit lauten Schockeffekten eine kurzzeitige Gänsehaut beim Hörer zu erzeugen ist ja nun wirklich keine Kunst, aber den Hörer in eine Geschichte reinzuziehen, ihm die Atmosphäre des Geschehens durch Worte, Geräusche und Musik so nah wie möglich zu bringen und somit einen Schauer zu erzeugen, der weitaus tiefer geht, das war immer unser erklärtes Ziel. Es ist gar nicht so leicht, eine gut funktionierende Figuren-Exposition zu schreiben, die dem genügt. Zumal im GRUSELKABINETT ja immer von Null angefangen werden muss, da die Geschichten in der Regel in sich abgeschlossen sind.


VP: Die Bandbreite der adaptierten Werke reicht von Klassikern wie DRACULA und FRANKENSTEIN bis zu eher unbekannten Werken, wie DIE GESPENSTER-RIKSCHA. Unter welchen Gesichtspunkten wählen Sie die Vorlagen für die GRUSELKABINETT-Hörspiele aus?


MG: Wir möchten den Hörern in jedem Jahr ein möglichst buntes Programm bieten, das die verschiedenen Spielarten des Schauerns widerspiegelt. Thematische Abwechslung heißt daher die Devise. Natürlich sollten die gewählten Stoffe von ihrer Struktur her als Hörspiel umsetzbar sein und unserer Reihen-Definition „Die Meisterwerke der Schauer-Romantik als atmosphärische Hörspiele“ genügen. Sprich: der romantische Aspekt sollte nicht zu kurz kommen, Nostalgie steht im Vordergrund und eine gute Geschichte. Man muss es auch heute, sechs Jahre nach dem Start der Reihe, immer wieder sagen: das GRUSELKABINETT ist keine Horror-Hörspiel-Reihe.


VP: DER TEMPEL spielt durchgehend in der Enge des deutschen U-Boots U29. War es Fluch oder Segen, einen solch begrenzten Schauplatz überzeugend im Hörspiel darstellen zu müssen?

MG: Das war ein Glücksfall! Da konnte ich im Dialogbuch schon zaubern und tontechnisch ist so etwas Ausgefallenes immer eine feine Sache, da solche Örtlichkeiten sicher die Ausnahme in der Reihe bleiben. So viele Gruselgeschichten spielen ja nicht an Bord eines U-Boots. Außerdem lieben wir die Herausforderung und stellen uns gerne immer wieder neuen.


VP: Für die Hörspiel-Umsetzung haben Sie einige Änderungen gegenüber der Vorlage vorgenommen, z.B. dass bis zum Ende noch zwei Personen auf dem U-Boot sind. Sind solche Änderungen notwendig, damit ein Hörspiel funktioniert?


MG: Unbedingt! Die vielgepriesene Vorgängerfolge DIE SPINNE (nach einer Erzählung von Hanns Heinz Ewers) war schon sehr monologisch. Dort konnte man das aber dramaturgisch gar nicht anders lösen. Nur sollte man diesen Kniff nicht zu oft einsetzen. Daher hat in DER TEMPEL Leutnant Klenze einfach etwas länger gelebt und konnte vieles mit dem Kaleun zusammen erleben und vor allem darüber sprechen. Zudem habe ich aus der Geschichte auch etwas die Brutalität heraus genommen und die Klischees über deutsche Marine-Soldaten aus Sicht eines amerikanischen Autors. Das hätte heute sicher penetrant bis unfreiwillig komisch gewirkt. Das wichtigste Anliegen bei meiner Bearbeitung war es jedoch, dass die Hauptfigur nicht derart unsympathisch rüber kommt, wie bei Lovecraft. Das Geschehen hätte den Hörer sonst leider vollkommen kalt gelassen. Lovecraft zu dramatisieren ist übrigens immer eine große Herausforderung, da es in seinen Werken so gut wie gar keine Dialoge gibt. Das muss man alles erst noch „stricken“. Zudem ist aus heutiger Sicht auch viel Phantasie des Autors dabei, beispielsweise beschreibt er, dass das U-Boot Fensterfronten hat - wie auf der Nautilus. Das kann man heute natürlich niemandem mehr erzählen, denn viele Hörer werden ja sicher DAS BOOT gesehen haben und wissen daher ziemlich genau, wie ein reales U-Boot von Innen aussieht. Die Möglichkeit hatte Lovecraft natürlich nicht. Daher habe ich viel recherchiert und etliches an logischen Brüchen und Unrichtigkeiten in der Erzählung geglättet und korrigiert. So stellt eben jede Bearbeitung den Bearbeiter wieder vor neue zu lösende Probleme. Das macht meine Arbeit abwechslungsreich und interessant. Ich habe den Ausflug in den Themenbereich deutsche U-Boote in den beiden Weltkriegen aber durchaus genossen und viel Neues dabei gelernt.


VP: Für den Vincent-Preis 2009 sind insgesamt 6 Werke nominiert, die zumindest Lovecrafts Einfluss erkennen lassen. Was macht die Faszination seiner Geschichten heute noch aus?


MG: Lovecraft ist in seinem Ansatz einerseits sehr modern, andererseits berühren seine Erzählungen immer Urängste, die in uns allen schlummern. Diese Mischung macht den Reiz seiner Werke aus. DER TEMPEL wird sicher nicht der letzte Lovecraft-Eintrag im GRUSELKABINETT bleiben, das kann ich schon versprechen.


VP: Sind Sie selbst ein Horror-Fan?


MG: Ich mag auch privat eher den gemäßigten, literarischen Grusel. Mit Schlachterorgien, herausgerissenen Herzen und spritzendem Blut macht man mir keine Freude. Jedoch zieht mich eine gut geschriebene Geistergeschichte, oder ein toller Geister- oder Vampir-Film sicher schnell in seinen Bann.


VP: Herzlichen Dank für das Interview.


MG: Sehr gerne!

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