Donnerstag, 13. Mai 2010

Interview mit Jakob Schmidt

Vincent Preis: Hallo Jakob, stelle dich doch den Vincent Preis Lesern einmal kurz vor. Welche Person steckt hinter dem Namen Jakob Schmidt.

Jakob Schmidt: Anfang 30, WG-Bewohner, Wahlberliner, Teilzeit-Buchhändler, Fantasy-Rollenspieler, Seriengucker, Redakteur ... das sind so die Attribute, die mir spontan zu meiner Person einfallen. Ich hätte gerne auch noch „Antifaschismus“ hinzugeschrieben, aber da sind die Zeiten meines ernsthaften Engagements vorbei – heute arbeite ich noch im Redaktionskollektiv einer linken Zeitschrift, der PHASE 2, mit, wo vor allem ein bisschen Gesellschaftstheorie in der Tradition des westlichen Marxismus ausgetauscht wird.

Und natürlich gehöre ich auch noch zum Redaktionsteam des von Hannes Riffel herausgegebenen Phantastik-Magazins PANDORA, das aber derzeit im Winterschlaf liegt. Ach ja, der traurigen Notwendigkeit, Geld zu verdienen, gehe ich frohgemut als Literaturübersetzer nach.

Vincent Preis: Deine Kurzgeschichte „Eine andere Wildnis“ wurde als Beste Kurzgeschichte für den Vincent Preis nominiert. Was bedeutet dir diese Nominierung und wie siehst du deine Chancen?

Jakob Schmidt: Der Vincent Preis ist die erste Nominierung überhaupt, die ich für eine meiner Kurzgeschichten erhalte, deshalb bin ich natürlich hin und weg! Auf die Nominierung habe ich mir durchaus konkrete Hoffnungen gemacht, weil die Geschichte im Horror-Forum ja recht gut angekommen ist. Über meine Chancen bei der Endrunde spekuliere ich lieber nicht – nicht zuletzt, weil ich noch nicht alle anderen nominierten Stories gelesen habe. Es sieht aber ganz danach aus, als sollte ich mir die Anthologie METAMORPHOSEN dringend zulegen.

Vincent Preis: Eigentlich kommst du aus der Science Fiction. Aber es gibt einige Kurzgeschichten aus deiner Feder, die man dem Horrorgenre zurechnen muss. Gib uns doch mal einen Überblick.

Jakob Schmidt: Das mit der SF hat bei mir einen komischen Verlauf genommen, denn meine Kindheitsliteratur war eigentlich Fantasy. SF hielt ich für zu „anspruchsvoll“ und war dann ganz überrascht, als ich es mit 14 oder 15 mal furchtsam mit der Foundation-Trilogie versuchte und prompt gepackt war. Ich habe mich dann als Leser schnell von den epischen Fantasy-Zyklen verabschiedet und fast nur noch SF gelesen, und logischerweise habe ich in dem Bereich auch zu schreiben angefangen. Spätestens mit Ursula LeGuin war die SF dann auch als „politisches“ Genre in meinem Kopf verankert, womit ich meine Begeisterung auch vor mir selbst gerechtfertigt habe. Im Rückblick finde ich meine Haltung da etwas verlogen – SF ist erst einmal toll, weil sie toll ist. Allzu eindeutige und unverhohlene politische Botschaften nerven mich inzwischen eher.
Veröffentlich habe ich dann erst ab 2001, als ich nach Berlin zog und dort neue Kontakte knüpfte. Die ersten beiden SF-Stories erschienen online in ALIEN CONTACT. 2006 kam dann meine erste Horror-Veröffentlichung, die Geschichte „Abfallprodukte“ in PHANTASTISCH! 24. Die basierte unmittelbar auf einem Alptraum von mir und geht um Ekel und Selbstentfremdung. Heute würde ich diese Themen wohl etwas ironischer behandeln. Trotzdem liegt mir die Geschichte immer noch wahnsinnig am Herzen. Kürzlich habe ich sie für eine Online-Veröffentlichung bei Fantasyguide überarbeitet und mal wieder festgestellt, wie vertraut mir das Gefühl, um das es da geht, noch immer ist.
In NOVA 13 ist dann 2008 noch eine klassische Zombie-SF-Geschichte von mir erschienen, und derzeit kann man auf der Webseite des HATE-Magazins eine kurze, knackige Satanismus-Satire von mir lesen (http://wordpress.hate-mag.com/?p=376).

Vincent Preis: Wie kam es zur Geschichte „Eine andere Wildnis“ und warum hast du sie gerade in Zwielicht veröffentlicht?

Jakob Schmidt: Als Kind hatte ich immer Angst vor Hunden, und bis vor kurzem waren mir diese Tiere prinzipiell unsympathisch. Aber irgendwie hat sich das gelegt, inzwischen mag ich die Hunde einiger Freunde von mir total gern. Als ich dann Lust hatte, zur Abwechslung mal eine Geschichte aus einem positiven Gefühl heraus zu schreiben, kam mir zufällig gerade das in den Sinn. Mehr ist eigentlich nicht dran.
Als ich die Story dann hatte, habe ich mich im Horror-Forum umgeschaut und den Thread zu Zwielicht entdeckt – der klang seriös und thematisch passend, also habe ich sie dann einfach mal eingesandt. Ich glaube, dass der Band dann bei Eloy Edictions erscheinen würde, habe ich erst später erfahren, das war das Sahnehäubchen, weil der Verlag mir bereits ein Begriff war und unter anderem Boris Kochs großartige Storysammlung DER ADRESSIERTE JUNGE veröffentlich hatte.

Vincent Preis: „Eine andere Wildnis“ ist ja eher eine sanfte Geschichte, keine typische Genrestory. Ist das deine Art des Horrors?

Jakob Schmidt: Eigentlich ist „Eine andere Wildnis“ eine völlig untypische Geschichte für mich. Wie gesagt entstand sie aus einem positiven Gefühl heraus. Die meisten anderen Geschichten von mir sind wohl eher lakonisch und entstehen aus erschreckenden Gedanken und unauflösbaren Widersprüchen. „Eine andere Wildnis“ ist eine Geschichte über eine an sich unkomplizierte Liebe, in der die Beteiligten letztlich ihren Weg finden. Es gibt da einen traurigen Unterton, aber alles in allem ist es eine hoffnungsvolle Geschichte, fast ein bisschen kitschig. Wenn die passende Stimmung aufkommt, werde ich sicher wieder etwas Ähnliches schreiben, aber mein Schwerpunkt liegt woanders.

Vincent Preis: Welchen Stellenwert nimmt das Genre Horror bei dir ein?

Jakob Schmidt: Einen eher kleinen, aber konstanten. Ich habe neben meiner sonstigen Lektüre eigentlich auch immer hier und da Horror-Kurzgeschichten gelesen. Vor allem war das Lovecraft, den ich über das Cthulhu-Rollenspiel kennenlernte und zu dessen Geschichten ich immer wieder greife. Das Motiv des kosmischen Schreckens finde ich bis heute unglaublich stark. Dieses Entsetzen im Angesicht bewusstloser Materie, die Selbstidentifikation mit einem sinn- und fühllosen Kosmos, in dem es überhaupt keine Magie und keine Geheimnisse gibt, sondern nur stumpfes Prozessieren ... das ist wahnsinnig schwer zu veranschaulichen, und selbst bei Lovecraft geht der Versuch in etwa fünfzig Prozent der Fälle nach hinten los. Aber Geschichten wie „Die Farbe aus dem All“ und „Berge des Wahnsinns“ sind für mich beinahe perfekt. Kaum ein Lovecraft-Epigone vermag das einzufangen. Der einzige zeitgenössische Autor, der dieses Motiv mit ähnlicher Intensität behandelt, ist meines Wissens Laird Barron. Wenn in einer Anthologie auch nur eine Geschichte von ihm enthalten ist, die ich noch nicht kenne, kaufe ich sie. Leider wurde noch nichts von ihm ins Deutsche übersetzt.
Horror-Romane lese ich dagegen praktisch gar nicht, und auch die klassischen Motive der Schauerliteratur, Vampire und Werwölfe, reizen mich als Leser eher wenig.
Im Film begeistere ich mich vor allem für die kalte, harte, quälende Ästhetik der besten George-Romero-Filme wie NIGHT OF THE LIVING DEAD und MARTIN. Da geht es nicht um Stimmung, nicht mal um Erzeugung von Spannung oder Angst, das ist ein Kino der Verstörung, in dem einem die hässlichen Fakten auf den Tisch geknallt werden, und dann muss man sehen, wie man damit klarkommt. Über Romero habe ich auch meine Magisterarbeit geschrieben, einfach weil mich die Art fasziniert, wie seine früheren Filme Widersprüche so offen zutage treten lassen und kathartische Auflösungen verweigern.
Als Autor bedeutet Horror für mich schließlich in den allermeisten Fällen, über die Unzulänglichkeit des Körpers und das Bewusstsein des Tods zu schreiben. Ich glaube, es ist nicht möglich, die Tatsache des eigenen Tods erfolgreich zu verarbeiten. Das ist für mich der Kern des Horrors.

Vincent Preis: In NOVA 13 erschien eine Geschichte aus deiner Feder, die ein klares Crossover von SF und Horror ist und wohl deshalb auch in SF Kreisen weniger Anklang fand. Sind solche Mischungen schwieriger, weil man zwischen den Stühlen sitzt? Und ist der Reiz eine solche Geschichte zu schreiben, besonders groß?

Jakob Schmidt: Ich glaube, eigentlich ist die Szene ziemlich offen für Horror-SF-Crossovers. Frank Hebben geht ja auch oft in diese Richtung und erntet zu recht massenhaft Lob. Interessant ist, dass manche Leute sich bei meiner Geschichte an der splattermäßigen Drastik einiger Szenen gestört haben. Das wurde offenbar als Effekthascherei und als gescheiterter Versuch, Grusel zu erzeugen, gewertet. Dabei wollte ich mit der Geschichte überhaupt keinen Grusel erzeugen, sondern habe auf den Verstörungseffekt abgezielt, der mich bei Romeros Filmen so begeistert. Da habe ich mich schon ein bisschen missverstanden gefühlt, auch, weil ich finde, dass viel zu oft der stimmungsvolle Grusel als künstlerisch wertvoll, Splatter und Verstörung dagegen als trashig bewertet werden. Meiner Meinung nach handelt es sich da um zwei völlig unterschiedliche Ästhetiken, die beide völlig andere Effekte zeitigen und jeweils ihre eigene Berechtigung haben. Man muss Splatter ja nicht mögen, aber ihn zu kritisieren, weil er keinen Gruseleffekt erzeugt, geht an der Sache vorbei.
Ich habe die Geschichte übrigens nicht bewusst als Horror-SF-Crossover geplant. Ich wollte einfach eine Zombiegeschichte schreiben, und der SF-Gimmick, den ich dafür verwendet habe, hat eben gepasst. Also handelt es sich wohl eigentlich um eine Horror-Geschichte, die zufällig auch SF ist.
Unterm Strich muss ich aber zugeben, dass „Alle Zeit der Welt“ aus der NOVA 13 nicht unbedingt eine meiner besten Geschichten ist. Ich habe da einfach ein bisschen zu verkrampft die Botschaft reingedrückt. Das merken die Leser eben, und sei es nur unterschwellig, und nehmen es zu recht übel. Lustig war allerdings, dass eine der wenigen positiven Kritiken genau die meiner Intention entgegengesetzte Moral in die Geschichte hineingelesen hat. Damit muss man natürlich leben, sobald man veröffentlicht, und ich habe mich trotzdem über das positive Feedback gefreut.

Vincent Preis: Ihr habt eine Vorlesereihe in Berlin. Erzähl mal!

Jakob Schmidt: Zusammen mit Jasper Nicolaisen und Simon Weinert trete ich seit einem guten halben Jahr monatlich mit unserer Lesebühne Schlotzen & Kloben auf. Unser Vorbild ist in gewisser Weise das Berliner „Stirnhirnhinterzimmer“ unserer Freunde Markolf Hoffmann, Boris Koch und Christian von Aster, das schon seit Jahren als erfolgreiche Lesebühne mit phantastischen Themen läuft. Jasper und Simon sind beides absolut schräge Autoren ohne jeden Respekt vor Genregrenzen, und die Zusammenarbeit mit ihnen hat mir geholfen, wahnsinnig viele Verkrampfungen beim Schreiben zu lösen. Schaut einfach mal in Simons irrsinnige Fantasy-Novelle DER DRACHE REGT SICH rein, die bei Medusenblut erschienen ist.
Genremäßig ist bei uns alles erlaubt, mit dem Schwerpunkt auf Phantastik – Fantasy, Horror, Märchen, SF, aber auch Surreales, Experimentelles und zuweilen ganz profaner Realismus. Insgesamt hilft das Schreiben für die Lesebühne sehr dabei, sich das Schwafeln zu verkneifen und eine knappe Formulierung zu finden, die auf den Punkt kommt. Stimmung aufbauen geht schon auch mal, aber der Großteil der Stories muss vom ersten Satz an knallen.
Infos zu Terminen und Ort (Eintritt ist übrigens frei) gibts auf unserem Blog: schlotzenundkloben.blogsport.de

Vincent Preis: Was dürfen wir in Zukunft an tollen Geschichten von dir erwarten?

Jakob Schmidt: In ZWIELICHT 2 kommt demnächst meine Horrorstory „Im Himmel“, die wohl typischer für mich ist. Da geht es um Tod und auch ein bisschen um kosmischen Schrecken, allerdings ist es keine Cthulhu-Mythos-Geschichte. Im Herbst folgt dann „Die betrübte Strahlenkanone“ in der von Karla Schmidt herausgegebenen SF-Anthologie HINTERLAND bei Wurdack. HINTERLAND ist ein ziemlich abgefahrenes Projekt: Alle Stories im Buch sind von David-Bowie-Songs inspiriert, und Karla hat einige echte Stars für ihr Projekt an Land gezogen, darunter Dietmar Dath, Wulf Dorn und Dirk C. Fleck, und einige tolle Newcomer. Mein Beitrag ist ein kurzes, überdrehtes Superhelden-SF-Märchen mit queeren Untertönen, das auch ein gutes Beispiel für unseren Lesebühnen-Stil darstellt.
Schließlich soll im Laufe des Jahres noch unser erster Best-Of-Band von Schlotzen & Kloben im Eigenverlag erscheinen, von mir werden eine längere, steampunkige Geschichte, eine SF-Story und ein Märchen über Emanzipation und Industrialisierung enthalten sein.

Vincent Preis: (Kurz-)Geschichten gibt es eine Menge von dir. Wann kommt der erste Roman?

Jakob Schmidt: Sobald ich mich durchringe, ein bis zwei Übersetzungsaufträge dafür abzusagen, in der Hoffnung, den Roman dann auch verkaufen zu können. Zwei SF-Romane liegen in der Schublade, aber die sind nicht zu retten. Neue Romanideen habe ich genug. In der engeren Auswahl sind derzeit eine Art Horrorroman über die Böse Natur und Revolution und eine Fantasy-Parodie, die sich von der Stimmung her an die Filme der Coen-Brüder anlehnen würde. Mal sehen, vielleicht schaffe ich dieses Jahr zumindest genug, um mich damit auf Agentensuche zu begeben ...

Vincent Preis: Wir nähern uns dem Ende. Möchtest du der Vincent Preis Gemeinde und den Horrorfans, die für dich gestimmt haben, noch etwas mitteilen?

Jakob Schmidt: Erst mal freue ich mich, dass es den Vincent Preis gibt – und bin allen Beteiligten, vor allem Michael Schmidt, ungeher dankbar für die investierten Mühen. Außerdem freue ich mich, dass ich mit meiner Story offenbar eine ganze Reihe Leute gut unterhalten habe, und hoffe, dass mir das auch mit anderen Geschichten gelingen wird!

Vincent Preis: Wir danken dir für das interessante Gespräch.

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