Montag, 9. März 2020

Tobias Reckermann (Interview)


Michael Schmidt: Hallo Tobias, du bist für den Vincent Preis 2019 in der Kategorie Sonderpreis und Storysammlung nominiert worden. Herzlichen Glückwunsch!

Tobias Reckermann: Danke, Michael. Für den VP nominiert zu sein, ist eine Ehre, also auch Danke an die werten Stimmberechtigten!


Michael Schmidt: Bevor wir zum White Train kommen, stell dich doch mal persönlich vor!

Tobias Reckermann: Ich bin so ein Typ, der schreiben muss. Ich lebe mit mit meiner Frau und unserem Hund in Darmstadt, Hessen, auf einem Hügel, arbeite in einem Job, der nichts mit Schriftstellerei oder meinem Studium in Literaturwissenschaft und Philosophie zu tun hat, aber ohne den frei-kreativen Umgang mit Geschichten, speziell Fantastik, vom eigentlichen Schreiben bis zur Veröffentlichung, würde mir etwas Wesentliches fehlen. Drei Begriffe, die erfülltes Schreiben für mich auf den Punkt bringen: Vision, Voice, Verity!
Ich glaube, dass Fantastik eine der wenigen menschlichen Tugenden ist. Dabei denke ich eher an Expansion als an Eskapismus. Was wären wir, wenn wir uns nicht wenigstens vorstellen könnten wie es anders sein könnte als es ist?



Michael Schmidt: Du bist für den White Train nominiert worden. White Train, NightTrain, was ist das alles und wie kam es dazu.

Tobias Reckermann: Whitetrain ist ursprünglich ein lokales Autorenkollektiv, das sich über die Jahre räumlich uns personell ausgeweitet und in einen Kleinstverlag verwandelt hat. Um die Entwicklung kurz in Stichpunkten nachzuzeichnen: von freier Lesebühne über szenische Lesungen hin zur Herausgabe eines Magazins und schließlich von Büchern im Großbereich Fantastik.
Für mich war die Idee eines Kleinverlags immer die, Sachen zu veröffentlichen, die sonst kaum jemand macht, und wenn man spezielle Interessen innerhalb der Fantastik auch noch mit Philosophie und dergleichen verbinden will, hat man ein ziemlich weites Feld fast allein für sich. Wozu, mal ehrlich, sollten wir Bücher machen, die auch ein Verlag wie Heyne oder Bastei herausbringen würde? Whitetrain war nie auf ein bestimmtes Genre innerhalb der Fantastik festgelegt, wir haben im IF Magazin zum Beispiel chinesische Kung Fu-Fantasy und Superhelden (als literarische Form) so ziemlich als erste in Deutschland beleuchtet. Nighttrain hingegen ist ein für Horror und Weird Fiction eingerichtetes Imprint.



Michael Schmidt: Next Weird und Nachtschatten sind Bände mit überwiegend Übersetzungen, Windschatten dagegen ein rein deutschsprachige Produktion. Welcher der Bände ist dein persönlicher Liebling und hat man als Herausgeber auch Lieblingsgeschichten?

Tobias Reckermann: Von diesen dreien mag ich Next Weird am liebsten. Windschatten und Nachtschatten sind wichtige und liebenswerte Ergänzungen, aber Next Weird ist die Verwirklichung der für alle drei Bände zentralen Idee. Hier sind Übersetzungen von Autoren eines aktuell extrem lebendigen Genres, der zeitgenössischen Weird Fiction, versammelt, das im deutschsprachigen Raum schwer unterrepräsentiert ist. Zur Frage der Lieblingsgeschichten: Ich mag sie natürlich alle, aber Alectryomancer von Christopher Slatsky (Next Weird) und Das Infusorium von Jon Padgett (Nachtschatten) sind in meinen Augen absolut erstklassig.



Michael Schmidt: Weird Fiction und Next Weird scheint dein Lieblingsthema zu sein…

Tobias Reckermann: Ja, da liegt ein großer Schwerpunkt für mich. Nett, dass Du meinen von Jeff VanderMeer entlehnten Begriff Next Weird als Genrebezeichnung aufgreifst. Hier verbinden sich viele meiner Interessen. Ich habe das Gefühl, dass hier beständig Grenzen des Denkbaren und Beschreibbaren erweitert werden. Das ist derzeit die Avantgarde der Fantastik.

Michael Schmidt: Ich habe was läuten gehört dass dieses Jahr drei Bände beim Train erscheinen soll. Vorher hieß es eigentlich das war es. Klär uns doch mal auf was ihr aktuell geplant habt und auf was man sich freuen darf.

Tobias Reckermann: Wir hatten 2019 angekündigt, unsere laufenden Reihen, das IF Magazin und die Nighttrain-Anthologien, zum Abschluss zu bringen, und dabei bleibt es auch, zumindest bis auf Weiteres. Dass wir für das 10-Jährige des Whitetrain noch ein paar Veröffentlichungen vorbereiten, ist da auch schon angeklungen – tatsächlich sind es für 2020  sogar vier Projekte.
Also der Fahrplan: Den Auftakt im Frühjahr macht Erik Andaras zweite Storysammlung, Hotel Kummer. Dann haben Erik und ich die Briefnovelle Lieber Herr Mordio – eine Kolportage in Vorbereitung. Hier treffen zwei Schriftsteller an der Grenze zwischen Biographie und Fiktion aufeinander, also genau dort, wo es am weirdesten ist. Zusammen mit Ina Elbracht, Erik Andara, Christian Eschenfelder und Felix Woitkowski arbeite ich derzeit noch an einem Novellenkreis, Arbeitstitel: Die Zeit der Feuerernte. Auch das ist ein Weird-Projekt und ich bin persönlich schwer begeistert davon, wie sehr hier fünf Köpfe in eins gehen, und von der atmosphärischen Dichte der einzelnen Erzählungen. Als Überraschungsgast – den ich hiermit ankündigen darf – hat sich schließlich Michael Perkampus mit seiner Storysammlung Mummenschanz in großen Hallen für die Jubiläumsfahrt eingereiht. Wer Perkampus als Autor kennt, weiß, dass hier ein stilistisches Ausnahmebuch zu erwarten ist.
Wir sind jetzt seit zehn Jahren dabei, und meinem Gespür nach erreichen wir 2020 mit den genannten Projekten noch ein Extralevel. Alle beteiligten Autoren sind meines Erachtens angehende Meistererzähler.

Michael Schmidt: Neben den Anthologien hat der Train auch Romane und Storysammlungen im Gepäck. Stell doch mal diesen Teil eures Programmes vor!



Tobias Reckermann: Da sind erst einmal meine eigenen Bücher erschienen. Anthologien haben wir nie so recht als unser Geschäft empfunden, wobei die Bücher der Nighttrain-Reihe thematisch motivierte Ausnahmen darstellen. Es gab und gibt es in der Richtung einfach zu wenig im deutschsprachigen Raum. Die erste Storysammlung von Erik Andara sowie eine Novelle von ihm und sein Debütroman sind hier zu erwähnen. In einer Hinsicht war Whitetrain von Anfang an als Sprungbrett für Autoren hin zu größeren Verlagen und größerem Publikum gedacht. Ich denke, Erik ist inzwischen auf einem guten Weg dahin.
Insgesamt, denke ich, kann sich das Sortiment sehen lassen.





Michael Schmidt: Du schreibst selbst und hast schon verschiedene Sammlungen deiner Geschichten veröffentlicht. Eine erschien bei Blitz, die andere bei White Train. Gibt es dafür einen Grund?

Tobias Reckermann: Ich hatte nie die Absicht, meine Bücher ausschließlich selbst zu verlegen. Mit dem Band bei Blitz erreiche ich wahrscheinlich auch mehr Leser und mit Jörg Kägelmann als Verleger und Jörg Kleudgen als Lektor und  Herausgeber habe ich sehr gerne zusammengearbeitet.

Michael Schmidt: Gotheim an der Ur ist ja in der Endrunde des Vincent Preis 2019. Sind die Geschichten inhaltlich zusammen hängend und wie kam es zu dem Buch?

Tobias Reckermann: Die Erzählungen hängen zusammen, ja. Alle teilen den Schauplatz Gotheim miteinander und behandeln denselben Themenkreis kosmischen Schreckens. Es gibt da eine übergreifende Erzählstruktur und inhaltliche Verbindungen, also ist es zwar kein Roman, aber auch nicht „nur“ eine Sammlung von Storys. 
Die Initialstory für den Band ist auf eine Einladung von Eric Hantsch hin entstanden, für die Lovecraft-Reihe bei Thorsten Low zu schreiben. Wie sich herausstellte, gab es da aber ein Missverständnis bei der Themenvorgabe und ich habe die Story dann an Jörg Kleudgen weitergegeben, für die Lovecraft-Reihe bei Blitz. Jörg war davon begeistert und brachte mich dazu, mehr zu Gotheim zu schreiben.
Also manchmal entstehen Bücher aus dankenswerten Missverständnissen und einem Schubs von der richtigen Seite. Wie es inhaltlich gerade zu Gotheim gekommen ist und warum ich mit der Stadt noch nicht fertig bin, steht auf einem anderen Blatt. Ich glaube, Gotheim ist mein ganz persönliches Haunting.



Michael Schmidt: Neben IF und dem White Train veröffentlichst du ja auch in Anthologien und Magazinen wie Nova. Da kommt ja im Laufe der Jahre einiges an Geschichten zusammen. Hast du einen oder mehrere persönlichen Favoriten bei deinen Babys?

Tobias Reckermann: Irgendwie liebt man doch alle Babys gleichermaßen, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die Sammlung Rumors Fährte (2019) ist vielleicht am ehesten repräsentativ für meine Schwerpunkte und deckt immerhin fünf Jahre meines Schreibens ab, stellt allerdings auch wiederum einen Ausschnitt dar, bei dem einige Genre, mit denen ich mich befasst habe, außen vor bleiben. Jedenfalls finden sich hier ein paar meiner Lieblinge, zum Beispiel die Erzählung Machina Obscura, die zuvor in Miskatonic Avenue bei der Edition Phantastikon erschienen ist. Die innere Finsternis (Gotheim an der Ur) und Die Schwertweisen, aus der Sammlung Graund (2016), sind aber auch gleich hinter der Lokomotive dabei.

Michael Schmidt: Wie sieht es mit einem Roman aus?

Tobias Reckermann: Drei sind es bisher: Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, alle bei Whitetrain und thematisch eher dunkle Fantasy als Horror. Derzeit fällt es mir aus Zeitmangel schwer, mich auf so ein Projekt zu konzentrieren, aber da schwebt immerzu etwas im Hinterkopf. Speziell für Weird Fiction und Horror sehe ich eher Novellenlänge als ideal. Da arbeite ich gerade an einer Sache, die sich vielleicht noch zu einem Fortsetzungsband für Gotheim auswächst. Wünsch(t) mir damit etwas Glück!

Michael Schmidt: Du bist ja nicht nur Autor, sondern auch Herausgeber, Verleger und Kenner der Szene. Wie würdest du die internationale Horror/Weird Fiction Szene beschreiben und welche Autoren und Bücher empfehlen?

Tobias Reckermann: Die internationale Horrorszene ist vor allem mannigfaltig. Was Weird Fiction, Strange Fiction und philosophischen Horror betrifft, denke ich, ist die Szene gerade dabei, erwachsen zu werden. Ich habe für Next Weird ein Vorwort mit einer umfangreichen Leseliste geschrieben, das auf www.nighttrain.whitetrain.de auch online abrufbar ist. Dort fehlt noch das Werk von Joel Lane, den ich erst später für mich entdeckt habe, und von Christopher Slatsky gibt es aktuell eine neue Storysammlung, die ich sehr empfehlen kann. Außerdem sollte man Vastarien: A Literary Journal (Grimscribe Press) im Auge behalten.

Michael Schmidt: Und im deutschsprachigen Raum?

Tobias Reckermann: Es gibt Perlen. Susanne Röckels Der Vogelgott, das Romanwerk von Georg Klein. Thronos von Rainer Zuch bei Goblin Press, die Visionarium-Reihe ... Da sehe ich was, das über das „bloß Genremäßige“ hinausgeht.

Im Großen und Ganzen ist die Szene einfach Liebenswert, manchmal etwas infantil, aber ich will da nichts kleinreden. Es gibt wirklich eine Vielzahl von engagierten Leuten, die ihrer Vision folgen, Jörg Kleudgen, Thomas Hofmann, Michael Perkampus, Michael Iwoleit und andere Leute (die Liste ist lang!), die mit Herzblut dabei sind und auch mich unterstützt haben. Dazu kommen Autoren mit viel Potential. Ich fühle mich geehrt, einige davon, wie die großartige Ina Elbracht, im IF Magazin präsentiert haben zu dürfen. Ich glaube, die Szene funktioniert als Netzwerk gegenseitiger Unterstützung recht gut, und man hat Spaß dabei. Das ist das Wichtigste. 

Michael Schmidt: Was fehlt der deutschsprachigen Phantastikszene?

Tobias Reckermann: Literarische Sprengkraft. Der Wille zur gesellschaftlichen Relevanz und zur Genreüberschreitung. Ich denke, das liegt vor allem an der vergleichsweise geringen Anzahl von Akteuren. Im englischsprachigen Raum etwa gibt es eben ganz einfach mehr Kreative und Rezipienten.

Michael Schmidt: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Tobias Reckermann: Allgemein: Friede den Hütten. Als Schriftsteller: Immer im Flow des Erzählens zu sein.

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen?

Tobias Reckermann: Abrakadabra, und viel Spaß beim Lesen!


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