Freitag, 20. März 2020

Erik R. Andara - Zu Gast beim Vincent-Preis

Interview mit Vincent Voss


Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie. Im Hintergrund hören wir The Dillinger Escape Plan:https://www.youtube.com/watch?v=xJc29xnuJ-8

 
VV: Moin Erik, schön, dass du heute hier bist. Nimm bitte Platz. Wieder eine Melange, wie beim letzten Mal oder darf es heute etwas anderes sein?

E.R.A.: Hallo Vincent. Schön wieder hier sein zu dürfen. Ja, eine Melange bitte. Mit einem kleinen Soda-Zitron, wenn das möglich ist. Danke.

 VV: Im Garten Numen ist als bester deutschsprachiger Roman für den Vincent-Preis nominiert worden. Ich denke, du kannst dir berechtigte Hoffnung auf eine gute Platzierung machen. Wie fühlt sich das an? Vor allem, nachdem du letztes Jahr in zwei Kategorien nominiert warst?

E.R.A.: Was soll ich sagen? Nachdem ich jetzt seit über einem Jahrzehnt darum kämpfe, mit meinen Geschichten gehört zu werden, fühlt sich das schon sehr besonders an. Um ehrlich zu sein, habe ich – wie auch bereits letztes Jahr – überhaupt nicht damit gerechnet. Ich war zwar erfreut, dass die Erstauflage von „Im Garten Numen“ innerhalb weniger  Wochen vergriffen war und ich in die Zweitauflage gehen durfte, aber dass es dann doch so ein weitreichendes Echo erzeugt, darüber bin ich erstaunt. Vor allem, wenn man sich ansieht, welche Bücher sonst noch so auf der Liste für den Preis stehen.

VV: „Im Garten Numen“ ist dein erster Roman, oder? Wie bist du da an die lange Strecke herangegangen? Hast du dieses Mal etwas mehr geplottet oder hat eher dein Bauch geschrieben?





E.R.A.: Naja, um ehrlich zu sein, ist „Im Garten Numen“ eigentlich bereits mein vierzehnter Roman, es ist bloß der erste, der auch veröffentlicht wurde. Bis jetzt habe ich die Bücher  entweder zurückgezogen, wenn sie fertig waren, weil ich sie als nicht publikationswürdig erachtet habe, oder es war geplant, sie zu veröffentlichen, und dann kam es im letzten Moment doch noch ganz anders. Vor allem in den letzten Jahren war ich da auch ein bisschen vom Pech verfolgt. Ich hatte da Einiges am Start, aus dem dann doch nichts geworden ist. Erst, seitdem ich beim White Train gelandet bin, klappt es wie am Schnürchen.

Was das Plotten anbelangt, bin ich eher ein Mischtyp. Meine Romane begleiten mich ganz lange, ehe ich mich dann auch hinsetze und sie zu schreiben beginne. Zuerst sammle ich über einen längeren Zeitraum meine Eindrücke und archiviere sie in unzähligen Notizen. Außerdem lese ich mich umfangreich in die Themen ein, schaue nach, was andere Schriftsteller und Schriftstellerinnen bereits daraus gemacht haben. Zusätzlich führe ich penible Recherchen durch, über alles, was  ich mit der Geschichte abzudecken gedenke. Das heißt, ich habe schon einen sehr konkreten Plan, wenn ich zu erzählen beginne, aber der betrifft in erster Linie den Weltenbau und die Figuren und die Umstände, unter denen sie handeln. Wenn es dann aber richtig losgeht, lasse ich meine Figuren meist ihren freien Willen. Ich möchte sie da nicht einschränken. Ich weiß auch sehr viel über sie, viel mehr, als es letztlich in die Geschichte schafft. Eigentlich folge ich mit meiner Geschichte dann bloß den Figuren. Natürlich kenne ich die Türen, durch die sie müssen, um ans Ziel zu kommen. Aber ich zwinge sie nicht, diese auch zu durchschreiten, falls sie sich dagegen wehren. Ich lasse mir von ihnen gerne einen anderen Weg zeigen, wenn wir erst einmal gemeinsam reisen.

 
VV: Hattest du einen Moment, wo du wusstest „Oh Mann, das wird ein Roman!“, oder wolltest du unbedingt einmal einen Roman schreiben und das war der geeignete Stoff dafür?

 E.R.A: Wie gesagt, habe ich bereits über ein dutzend Romane zuvor verfasst. Ich würde mich auch am ehesten als Romanschreiber bezeichnen, ich schwafle eben gerne, wenn ich erst einmal ins Erzählen komme. Kurzgeschichten sind ja die eigentlich neue Form für mich, mit denen habe ich erst vor einigen Jahren begonnen. De facto sind die Kurzgeschichten aus „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ meine ersten, die das Niveau erreicht haben, bei dem ich sie ruhigen Gewissen in die Welt zu den Lesern und Leserinnen entlassen konnte. Womit ich mich aber sehr viel beschäftigt habe, also auch werktheoretisch, ist die Lyrik. Bevor ich mit 28 Jahren meinen ersten Roman geschrieben habe, war das meine große Liebe. Bis heute denke ich, dass ich stilistisch nicht so weit gekommen wäre, wie ich inzwischen bin, wenn ich mich nicht intensiv mit lyrischen Mitteln beschäftigt hätte. Ich halte es für die literarische Königsform. Leider auch die am stiefmütterlichsten behandelte. Aber ich selbst bin einfach zu ausschweifend, um dort  endgültig heimisch zu werden, das habe ich auch irgendwann erkennen müssen. Ich fühle mich in der langen Form des Romans einfach am wohlsten.

VV: Mit Simon, na ja und überhaupt, hast du einen speziellen Hauptcharakter erschaffen. Einen Ex-Junkie, der nicht unbedingt sympathisch wirkt. Wie hast du zu Simon gefunden und warum dieser Hintergrund?


E.R.A.: Weißt Du, in meinen eigenen Zwanzigern war der Rock and Roll für mich nicht nur Musik, er war eine umfassende Lebenseinstellung. Mit allem, was dazugehört. Ich denke, es ist verständlich, worauf ich damit hinauswill. Meine Figuren und überhaupt meine Bücher sind immer ganz eng mit meiner eigenen Lebenswelt und Erfahrung verknüpft, und so auch Simon Heymann. Heute ist das für mich ein mehr oder weniger abgeschlossenes Kapitel, aber irgendwann war das mein Leben, und natürlich begleitet mich diese Zeit immer noch, das wird sie auch stets tun. Dieses Mal hat sie sich eben in Simon manifestiert. Ich will damit nicht sagen, dass ich wie er bin oder war, das wäre gelogen. Aber ich habe ihm schon auch Einiges mitgegeben, was ich selbst als wahr und unumgänglich erachte, weil ich es eben am eigenen Leib erfahren habe.


VV: Auch die Nebenfiguren sind alle sehr fragil, haben viel erleiden müssen. Wie hast du sie angelegt? Hast du sie überhaupt im Vorfeld angelegt?

E.R.A.: Ja, gerade Monika und Katharina hatte ich von vornherein fest im Kopf. Wobei ich Monika grundlegend für eine starke Frau halte, die vielleicht mit ihrem Neuen eine falsche Entscheidung getroffen hat. Und Katharina hat diese Stärke geerbt. Ich meine, wenn man Simons Reise verfolgt, dann ist es nicht ganz einfach, ihn zu lieben, wie Du auch oben schon geschrieben hast. Andererseits ist er auch bloß ein Mensch, und Menschen machen Fehler.  Auch Frau Huber halte ich für stark, und ich hatte gehofft, dass man dass in einer bestimmten Szene ganz deutlich erkennt. Aber sie alle haben eben nicht unbedingt die Glückskarte gezogen und sich bis zu einem gewissen Stück vom Leben zurückgezogenen. Dadurch wirken sie etwas fragil. Aber oft sind es die zerbrechlichsten Menschen, bei denen man ihre wahre Stärke erst erkennt, wenn es drauf ankommt.

Wen ich in diesem Buch allerdings als wirklich zerbrechlich erachte, ist Simon selbst, und neben ihm Sabine. Beide halten sie an Illusionen fest, und beide bringt der kleinste Gegenwind ins Straucheln. Daher klammern sie sich auch zu Beginn so aneinander.

Und ja, wie gesagt, für mich sind die Figuren das Wichtigste. Bevor ich zu schreiben beginne, will ich sie kennenlernen wie meine eigene Westentasche. Ich will, dass sie für mich Geschichte und Zukunft außerhalb jenes Ausschnitts besitzen, den die Leserschaft für die Geschichte zu sehen bekommt. Ich will erst ihre Leben im Kopf haben, ein Gespür für das, was sie antreibt, und erst dann schicke ich sie auf ihre Reise.

Noch eine kleine Randanmerkungen dazu: Einige meiner Figuren werden mir so wichtig, während ich mit ihnen arbeite, dass ich es schade fände, sie nur einmal in ein Buch zu entsenden. Man kann sich also darauf einstellen, dass einige der Figuren aus „Im Garten Numen“ andernorts wieder auftauchen werden. Ganz konkret wird bereits im nächsten Roman jemand einen Auftritt haben, den die Leser und Leserinnen kennen, wenn sie Simon gefolgt sind. Aber mehr möchte ich dazu noch nicht verraten.

VV: Du zelebrierst eine ganz bestimmte Stimmung, orientierst dich sehr an einem „Magischen Realismus“. Stimmt das? Wer sind da deine Vorbilder?







E.R.A.: Ja, der Magische Realismus war mein Anfang. Ich behaupte des Öfteren, dass „Grimus“ von Salman Rushdie das Buch ist, das Schuld daran trägt, dass ich heute Phantastik schreibe. Damit sind Schriftsteller wie er und Umberto Eco, Haruki Murakami, aber auch José Saramago und Paul Auster vielleicht meine ersten und wichtigsten literarischen Anstöße im Erwachsenenleben. Aber außerdem sind es noch so, so viele mehr. Ich bin auch an harten Realisten wie etwa Michel Houellebecq, Sybille Berg, Norman Mailer und Matias Faldbakken mehr als interessiert. Und zusätzlich habe ich vor einigen Jahren noch die aktuelle Weird Fiction für mich entdeckt, das hat mir überhaupt eine gänzlich neue Welt eröffnet. Was mich an Büchern oft am meisten fasziniert, ist, wenn sie neben all den großen Phantastikkonzepten den Realismus nicht vergessen. Das, was wir tagtäglich am eigenen Leib, an der eigenen Seele erfahren. Das ist für mich die wirkliche Kunst. Dort ist es dann auch, wo die Magie stattfindet, der Absprungpunkt, der einem aus dem eigenen Leben gestattet, in all diese unglaublichen und großartigen Welten einzutauchen.

VV: Und wie bist du auf den imaginären Ort Fugenschlag und seine Bewohnenden gekommen? Sowohl Ort, Bewohner und den heißen Sommer fand ich übrigens sehr gelungen. Ein deutschsprachiges Pendant zu großen Schöpfern der South-Gothic-Bewegung.


E.R.A.: Ein riesiges Dankeschön für dieses Kompliment. Hier kommen wieder große Vorbilder wie William Faulkner oder John Steinbeck ins Spiel. Außerdem habe ich einen größeren Teil meiner Kindheit bei meiner Großmutter in einem verschlafenen Nest inmitten des Dunkelsteinerwalds verbracht. Und damit wären wir auch schon wieder bei meiner eigenen Welt. In diesen kleinen ausgelagerten Ortschaften abseits der Zivilisation herrschen eigene Regeln und dort erlebt man eine ganz eigene Stimmung. Dort, wo es allgemein schweigsamer ist, da hört man mehr von der Welt, die uns umgibt. Und diese Welt ist immer noch ein geheimnisvoller und bedrohlicher Ort. Wir wissen so wenig über sie, auch wenn wir uns gerne in der Vorstellung wiegen, dass wir sehr aufgeklärt sind. Aber nachts im Wald gelten andere Regeln als in einer niemals dunklen Großstadt. Dort draußen kann sich ein Teil unseres Unterbewusstseins noch zu gut an jene Zeiten erinnern, als die Dunkelheit voller bedrohlicher Mysterien, voller Monstren und Dämonen war. Diese Stimmung habe ich einzufangen gehofft, und es freut mich sehr, dass mir das gelungen scheint, wenn ich deine Rückmeldung höre.

VV: Ich sehe auf facebook, dass du sehr, sehr viel liest. Wie suchst du dir deinen Lesestoff zusammen?

E.R.A.: Hmm, wie suche ich mir den zusammen. Ich denke, dass ich zwar sehr speziell aber doch quer durch den Gemüsegarten lese. Natürlich mit Vorliebe Phantastisches, aber eben nicht nur. Jedoch ausschließlich Fiktionales. An Sachbüchern bin ich weniger interessiert. Vieles meines Lesestoffs entdecke ich sicherlich über die Beratung meines Buchhändlers, der auch ein guter Freund von mir ist. Außerdem Tipps von Schriftstellerkollegen und -kolleginnen, die ihre Leseerfahrungen mit bestimmten Büchern online posten. Zusätzlich treibe ich mich viel auf Verlagsplattformen herum und studiere mich durch die aktuellen Kataloge und Programme, schaue, was davon mich interessieren könnte. Ich bemühe mich überhaupt, tagesaktuell informiert zu bleiben, was Veröffentlichungen angeht, Bescheid zu wissen, was wo wann rauskommt. Man kann sagen, ein Großteil meines Lebens drehe sich um Literatur, und ich liebe es. Es ist genau das, womit ich mich umgeben möchte. Es macht mich glücklich. Ich möchte darin eintauchen und nie wieder hochkommen. Es gibt wohl nichts auf der Welt, was mich glücklicher macht, als zu lesen. Naja, außer mich mit meinem geliebten Hund Melvin zu beschäftigen. Nicht einmal das Schreiben, so gerne ich es mache und so groß das Bedürfnis dazu auch sein mag, kommt dem Gefühl nahe, ein wundervolles Buch in Händen zu halten. Deswegen bin ich ständig auf der Suche nach neuem Stoff, obwohl ich inzwischen schon sehr wählerisch geworden bin. Aber habe ich erst einmal eine eigenständige Erzählstimme entdeckt, die mich erreicht, dann bleibe ich dem oder der Verfasserin zumeist ein Leben lang treu. Das ist vielleicht überhaupt das Wichtigste für mich an Geschichten: Das Gefühl zu haben, dass ich etwas erlebe, das nur der- oder diejenige mir schildern kann, der oder die das eben tut, das ich aber trotzdem mit meiner eigenen Lebenswelt verknüpfen kann.

 VV: Liest du auch gerne in der Öffentlichkeit oder eher zuhause? Wien ist ja bekannt für seine Kaffeehaus-Bohème. Klischee oder Wirklichkeit?

 E.R.A.: Ich lese sogar sehr gerne in der Öffentlichkeit, insofern es nicht allzu laut und ablenkend ist. Ich bin leider sehr leicht abzulenken. Aber mich im umgebenden Kaffeehausgemurmel zu verlieren, während ich lese, das ist schon etwas Vorzügliches. So oft ich kann, verbringe ich meine Morgen mit einem guten Buch in den Wiener Kaffeehäusern. So lange noch nicht allzu viele Menschen anwesend sind, ist das eine der wunderbarsten Beschäftigungen auf der Welt. Schreiben könnte ich dort aber nicht, dazu brauche ich Zurückgezogenheit und Ruhe. Wenn es mir möglich ist, sitze ich auch gerne draußen in den Parks, und während Melvin über die Wiesen tollt, lese ich. Wobei ich es dabei vorziehe, im Schatten zu sitzen, ich mag das pralle Sonnenlicht nicht so gerne.

 VV: Ich schwenke einmal auf ein aktuelles Thema. Wie empfindest du gerade Corona? Kommst du dir auch vor, Protagonist in einem Roman zu sein?

 E.R.A.: Natürlich ist es eine Krise unbekannten Ausmaßes, daran gibt es gar nichts herumzureden. Man muss abwarten, welche konkreten Auswirkungen diese hat und wie sie sich entwickelt. Aktuell bekomme ich es aber im eigenen Leben nicht allzu stark zu fühlen, abgesehen von der Abgespanntheit, die rundherum herrscht und die ich schon als bedrückend wahrnehme. Aber ich habe immer schon ein sehr zurückgezogenes und isoliertes Leben geführt. Ich mag es, mich selbst beim Denken zu hören. Insofern sind die Folgen derzeit für mich persönlich noch nicht so gravierend. Vielleicht lernt die westliche Zivilisation ja sogar etwas daraus. Ich bin von Natur aus eher misanthropisch und pessimistisch. Aber während einer Krise halte ich es für sinnlos, sich in Pessimismus zu ergehen. Das bringt gar nichts. Also behaupte ich, es wird vorbeigehen und wir werden etwas daraus gelernt haben. In der Zwischenzeit fehlen mir aber nur die Kaffeehäuser und die Buchhandlungen wirklich schmerzhaft. An alles andere kann ich mich anpassen, ohne dass ich meinen Alltag allzu groß ändern müsste. Aber ich hoffe einfach einmal das Beste, dass es schnell vorübergeht und diejenigen, die darunter leiden, es unbeschadet überstehen. Das würde ich mir wünschen. Aber wie gesagt, ich bin zuversichtlich, das ist wohl die beste Einstellung in so einer Situation.

VV: Wie sieht das bei dir in Wien aus? Menschenleere Innenstadt? Hättest du dir so etwas einmal vorstellen können?


E.R.A.: Ja, die Straßen sind schon sehr leer. Aber ich meide ja auch sonst große Menschenansammlungen. Ich stehe an den Wochenenden schon einmal gerne frühmorgens auf, um durch die entvölkerten Straßen der Innenstadt zu flanieren. Ich genieße diesen Anblick, insofern ist es nicht unbedingt etwas Neues für mich. Die Begleiterscheinungen zurzeit sind natürlich alles andere als wünschenswert. Ich hoffe, dass die Menschen, die den Trubel und die Gesellschaft brauchen, so bald als möglich wieder Zugang dazu finden.

VV: Bist du eigentlich deinem Ziel von deiner Kunst leben zu können, naher gekommen? Und wie sieht da für dich die aktuelle Situation als Kunstschaffender aus?

 E.R.A: Ja, das bin ich tatsächlich. Ich bin zwar immer noch weit davon entfernt, aber jeder Schritt zählt. Seitdem wir das letzte Mal gesprochen haben, habe ich viele neue Leserinnen und Leser dazugewonnen. Das Ganze hat sich ein bisschen verselbstständigt, und ich bekomme inzwischen beinahe täglich irgendwie irgendwo mit, dass jemand eines meiner Bücher liest oder empfiehlt oder darum fragt. Das tut in der Seele gut. Es ist ja so, dass Bücher zu schreiben ein gewisses Maß an Zeit und Konzentration braucht, die muss man sich eben nehmen, wenn man aber daneben schauen muss, wie man durch andere Tätigkeiten an genügend Geld kommt, um sein Leben zu finanzieren, dann frustriert das nicht nur, sondern es bremst einen auch. Realistischerweise wäre der wichtigste Schritt natürlich, einen größeren Verlag zu finden, der mehr in die PR investieren kann, der Zugang zum Feuilleton findet, der Förderungen organisieren und für dotierte Preise einreichen kann. Davon bin ich halt nach wie vor ein ganzes Stück entfernt. Aber es wird schon werden, ich bin zuversichtlich. Und wenn nicht, dann spielt das jetzt auch nicht so eine große Rolle, ich habe mich für diesen Weg entschieden und bleibe dabei. Ich war auch niemals zuvor so glücklich. Alleine legitim behaupten zu dürfen, ich sei Schriftsteller birgt für mich schon ein großes Maß an Zufriedenheit. Der Rest wird sich weisen. Wie hat unlängst jemand einer meiner älteren, erfahreneren Kollegen zu mir gesagt: Du beginnst gerade erst, aber der erste Schritt ist getan. Der erste und der letzte Schritt, das ist ja eigentlich auch alles, das zählt. Der Rest ist Geschichte.

 VV: Hast du Tipps für jemanden, der auch damit liebäugelt? Was meinst du, ist das wichtigste für angehende Schriftsteller?

 E.R.A.: Das Wichtigste? Sicher Durchhaltevermögen und eine hohe Frustrationstoleranz. Man muss es wirklich wollen. Man wird Gegenwind bekommen, und zwar viel davon. Die Leute werden einen zu Beginn einfach nicht ernstnehmen. Man wird Kritik ernten, und vieles davon auch zurecht. Man muss lernen, man muss sich ganz der Sache hingeben. Gute Bücher zu schreiben, das ist kein Ding, das man einfach einmal so nebenbei macht, das ist etwas, das alles will, das du bist und was du geben kannst. Schriftsteller muss man mit Leib und Seele sein, da darf man nicht mit einer Einstellung reingehen a la „Na probieren wir es mal“. Der Weg ist das Ziel. Hört sich zwar abgenudelt an, aber gilt hier noch mehr als woanders. Geschichten zu erzählen ist ein großes Geduldspiel, das nicht nur dann stattfindet, wenn man vor der Tastatur sitzt und fabuliert, sondern in jeder Minute jeden Tages. Das ist nichts für Übereilige. Wenn man aufsteht, wenn man sich morgens den Zeh am Türrahmen stößt, wenn man im Bad ist, wenn man unterwegs ist. Nicht nur die großen Erlebnisse, die einschneidenden, die man sich leicht merkt, sondern auch die unzähligen kleinen, alles zählt, all das bietet Material für Geschichten. Erfahrungen, Anschauungen, Gedanken, Lebenswerte, Entscheidungen. Worüber willst du erzählen, wenn du von nichts weißt? Es ist eine Berufung, kein Beruf.

Also: Hingabe, Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und Arbeit, Arbeit, Arbeit. Wenn du das über Jahre hinweg durchhältst, ohne dass dir jeden Tag oder jede Woche oder nur jeden Monat jemand sagt: „Du bist gut, mach weiter so“, sondern einfach nur aus eigenem Antrieb heraus, wenn du das auf dich nehmen kannst, dann bist du dabei. Das hört sich jetzt alles so fürchterlich schwarzmalerisch an, dabei fehlt aber noch das Allerwichtigste. Bei all diesen Vorgängen musst du dir den größten Teil der Zeit denken: Wow, Geschichtenerzählen ist der geilste Scheiß. Es ist all das wert und noch viel mehr. Klar, einige wenige von den jungen werden Glück haben, werden auch so schnell zum Erfolg kommen, werden die richtigen Beziehungen haben, werden vielleicht auch einen Haufen an Talent mitbringen und dann zusätzlich noch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, damit ihnen der harte Weg erspart bleibt. Aber glaubt mir, das wollt ihr eigentlich gar nicht. Denn wenn ihr den harten Weg geht, dann stellt ihr gleichzeitig sicher, dass ihr für den Rest eures Lebens mit genügend Stoff für alle Geschichten ausgestattet seid, die ihr jemals erzählen wollt. Und DAS  wollt ihr! Darauf könnt ihr Gift nehmen, das wollt ihr sogar unbedingt.

VV: In unserem letzten Interview sprichst du, als ich dich nach deiner Haltung zum Übersinnlichen gefragt habe, von einer allgemeinen Sinnfrage, die den Menschen begleitet und gehst darauf nicht genauer ein, weil es zu umfangreich wäre. Nun, gerade jetzt haben Zeit …

E.R.A.: Hahaha, ja. Dann schneiden wir dieses umfangreiche Thema doch zumindest einmal an. Ich denke, dass die Frage nach dem Übersinnlichen auch schon oft einfach an den Begrifflichkeiten scheitert. Denn was ist das Übersinnliche genau? Es ist doch eigentlich nur etwas, das ich nicht mit probaten, gesellschaftlich angesehenen Mitteln erklären kann. Wir im 21. Jahrhundert sind wissenschaftsgläubig. Wir sprechen hochtrabend von Wissenschaft, wenn wir diesen winzig kleinen Teil meinen, den wir erklären können, und wir benutzen Begriffe wie Übersinnliches, Paranormales, Metaphysisches oder wie auch immer, wenn wir von Dingen sprechen, für die es keine wissenschaftliche Erklärung gibt. NOCH nicht, möchte ich hier dringend anfügen. Denn wie lange ist es her, dass Gaileo Gailei sein Heliozentrisches Weltbild wiederrufen musste, wie lange, dass wir nicht mehr unumwunden an Himmel und Hölle glauben. Wie in jedem Menschenzeitalter stellen wir uns also hin und glauben, wir hätten die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Behaupten, dass nichts, was unerklärlich ist, ein Anrecht auf Existenz hätte, weil wir behaupten, wir könnten ALLES erklären oder zumindest könnten wir so tun als ob. Jetzt stell dir einmal vor, jemand würde im Mittelalter ein Handy zücken, es wäre die reinste Magie. Wir sind so eine junge Rasse, wir sind bloß ein Zwinkern im Laufe der Zeit. Und genau das ist mein Zugang zum Übersinnlichen. Ich glaube, dass es da draußen so unvorstellbar Vieles gibt, das wir (noch) nicht begreifen, geschweige denn erklären können. Was wir aber können, ist, daran zu glauben, das stand uns immer schon frei. Der Glaube ist unsere große Waffe, und hier kommt die Sinnfrage ins Spiel. Wenn ich ans Übersinnliche glaube, genauso fest, wie ich einfach glaube, dass die Menschheit eine infantile Rasse ist, die eben erst dem Gitterbett entfleucht ist, dann stellt sich mir die Frage nach dem Sinn unserer, oder spezieller, nach meiner Existenz. Was für einen Sinn soll es haben, dass wir hier sind? Der Zeitgeist wird davon dominiert, dass es  KEINEN Sinn hat, dass wir einfach Biomaterie sind, die das Glück hat, irgendwann Selbstgewahrsam entwickelt zu haben und das war es auch schon. Keinerlei Sinn. Und dann sagen wir: Aber die Wissenschaft lehrt uns, dass … dass es keine lenkende Macht gibt, dass nach dem Tod nichts kommt, dass wir alleine im All sind, dass, dass, dass … Aber einen Scheiß tut sie, sage ich dazu. Die Wissenschaft erklärt uns bloß, dass wir erst ganz am Anfang stehen und froh sein können, falls zwei herauskommt, wenn wir eins und eins zusammenrechnen.  Und genau in diesem Sinne glaube ich an das Übernatürliche. Ich glaube daran, dass sich irgendwo in den Dingen, die wir nicht erklären und nicht verstehen können, ein Sinn versteckt. Es wäre anmaßend, vom Gegenteil auszugehen. So viele kluge Köpfe sind irgendwann an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft gestoßen, und genau dort versteckt es sich, das, was uns fehlt, um Übernatürliches ausschließen zu dürfen und es zur Wissenschaft werden zu lassen.


Natürlich ist das Thema noch um so Vieles komplexer. Aber vielleicht stellen Dich diese paar inkompletten Gedanken von mir zum Thema für heute zumindest einmal zufrieden.

VV: Ja, na gut. Erik, was steht in Zukunft bei dir an?

 E.R.A.: Hahaha, Einiges. Ich habe noch so viele Geschichten in mir und ich hoffe, dass mir erlaubt sein wird, zumindest noch ein paar davon zu Papier zu bringen, und dass die Leute diese dann auch noch lesen wollen.

Zuallererst einmal erscheint jetzt aber meine zweite Geschichtensammlung namens HOTEL KUMMER im Juni. Sie wird fünf ganz aktuelle Geschichten von mir enthalten, zwei davon unveröffentlicht. Zentrales Thema wir dabei die Suche nach unmöglichen Räume sein. Die Leseprobe dazu ist bereits online. Hier ist der Link dazu: http://nighttrain.whitetrain.de/2020/02/20/hotel-kummer-leseprobe/

Sie wird auf 150 Stück limitiert sein und die Subskription wird Ende März beginnen und einen Monat dauern.

Zwischenzeitlich schreibe ich auch Geschichten für ASH – Austrian Superheroes, da wird die nächste bebilderte Erzählung aus meiner Feder in dieser Aprilausgabe erscheinen, und dann noch ein oder zwei weitere im Laufe des Jahres.

Gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Tobias Reckermann wird dann im Herbst eine Briefnovelle erscheinen namens „Lieber Herr Mordio“, die unsere realen Lebensumstände sowohl extern als auch intern mit Weird Fiction-Landschaften verschmelzen lässt. Ein sehr schönes Projekt, das mich das letzte halbe Jahr lang begleitet hat, und das ein bisschen die Tiefe der Phantastik auslotet, indem es sich durchaus seltsam und auch experimentierfreudig gibt. Das kann ich allen ans Herz legen, die gerne einmal etwas Neues – also sowohl inhaltlich als auch formal – ausprobieren möchten.

Dann habe ich im letzten Jahr einen Sword and Sorcery-Roman für und in der Welt von MALMSTURM verfasst. Eine Rollenspielwelt, deren archaischen Gefilde vom Geist der klassischen SuS und des Black Metals inspiriert wurde. Allerdings spießt sich da gerade das eine oder das andere, was mir etwas Bauchweh bereitet. Also das Buch ist eigentlich fertigeschrieben und könnte ins Lektorat, aber mit dem Organisatorischen gibt’s Probleme. Naja, hoffen wir das Beste. Geplant wäre ja, dass das ebenfalls heuer noch kommt.

Zusätzlich werde ich im Herbst die Titelgeschichte in einer durchaus populären Anthologien-Serie haben, deren Namen ich noch nicht nennen darf. Und eines meiner vergriffenen Bücher wird im selben Verlag wie diese Serie neu aufgelegt werden. Auch da muss ich mich leider noch in Schweigen hüllen.

Ansonsten feiert der White Train sein spektakuläres zehnjähriges Jubiläum und ich habe die Freude, in einem erstaunlichen Novellenkreis namens „Zeit der Feuerernte“ mit vielen talentierten Kollegen und Kolleginnen vertreten zu sein.

Zusätzlich werde in der einen oder anderen Veröffentlichung mit Kurzgeschichten vertreten sein. Also insgesamt ist das doch ziemlich viel.

Aber worauf ich mich wirklich freue und was ich kaum noch erwarten kann, ist, mit meinem nächsten Roman „Die Erloschenen“ zu beginnen. Ich habe seit einem Jahr Notizen und Grundlagen dafür gesammelt und habe die Geschichte bereits im Kopf zusammengetragen. Die eine oder andere Recherche steht noch an, aber dieses Buch brennt mir inzwischen wirklich unter den Nägeln. Ich kann es kaum noch abwarten, damit zu beginnen. Allzu viel möchte ich allerdings dazu noch nicht verraten. Wer mir auf Facebook folgt, wird von mir immer wieder einmal eine Brotkrumenspur ausgelegt bekommen. Falls es auch nur ansatzweise so wird, wie ich mir das vorstelle, wird das meine wichtigste und größte Geschichte bisher. Erscheinen soll das Buch dann Anfang 2021. Und wer weiß, vielleicht beißt ja bis dahin ein größerer Verlag an, der mir damit unter die Arme greifen möchte. Aber das zählt momentan noch nicht für mich. Jetzt ist einmal nur diese Geschichte wichtig, die erzählt werden möchte.

 VV: Vielen Dank, dass du da warst. Und immer noch freue ich mich auf Neues aus Deiner Feder und viel Glück beim Vincent Preis!

E.R.A.: Vielen lieben Dank, Vincent. Und ich wünsche auch Dir ganz viel Glück. Du bist ja ebenfalls mit Deinem Roman „Infiltriert“ für den Vincent Preis nominiert. Es würde mich auch für Dich freuen, wenn Du ihn nach Hause bringst. Alleine nominiert zu sein ist für mich schon genug der Ehre. Toi toi toi also auch für Dich!


Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)




VV: Ein Buch, dass du besser nicht gelesen hättest, bzw. abgebrochen hast?

E.R.A.: „Der Zementgarten“ von Ian McEwan. Musste ich nach dreißig Seiten abbrechen, weil ich die intensive Beschreibung von Sexualität zwischen kindlichen Geschwistern zu diesem Zeitpunkt einfach nicht ausgehalten habe.-

VV: Sturm oder Nebel?



E.R.A.: Nebel, definitiv. Sturm ist auch schön, aber der vertreibt den Nebel.

 VV: Du hast eine Superkraft, welche wäre das?

 E.R.A.: Als Kind wollte ich immer Wolverine sein. Inzwischen wäre mir The Watcher aus dem Marvel Universum recht.

VV: Deine Lieblingsjahreszeit?

E.R.A.: Winter. Keine Frage.

VV: Warum?


E.R.A.: Weil dann alles schön dunkel und kalt ist, und weil ich Weihnachten liebe.


VV: Poe oder Lovecraft?

E.R.A.: Poe, auch wenn es ohne Lovecraft die moderne Weird Fiction, so wie sie ist, vielleicht nicht gäbe. Er ist mir allerdings sowohl als Schriftsteller als auch als Mensch zu kontrovers (gewesen), auf eine Art, die mir nicht behagt. Ich denke, wir wissen, worauf ich hinauswill. Er war halt Rassist, sicher der Zeit geschuldet, aber trotzdem sehr unrühmlich.

VV: Du darfst mit einem Monster einen gemeinsamen, friedlichen Abend verbringen. Wer wäre das und welche Frage würdest du es stellen?

E.R.A.: Old Leech von Laird Barron wäre interessant. Was ich ihn fragen würde? Wie stehen die Sterne heute Nacht?!

VV: Slayer oder AC/DC?

E.R.A.: Slayer, am liebsten wäre mir aber nur Dave Lombardo in Fantomas.

VV: Dein Lieblingsessen?

VV:  Hmmmm, habe ich nicht, kommt auf die Stimmung an. Da tue ich mir leichter mit jenem Lebensmittel, das ich am abscheulichsten finde, das wäre Ketchup.

VV: Was fällt dir zu ENDE ein?

E.R.A.: Nächste Geschichte bitte.

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