Sonntag, 22. März 2020

Ralf Kor - Zu Gast beim Vincent Preis


Interview mit Vincent Voss

Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie. Im Hintergrund hören wir Japanische Kampfhörspiele:  https://www.youtube.com/watch?v=q42wrzDdyMQ


VV: Moin Ralf, schön, dass du heute hier bist. Nimm bitte Platz. Was magst du trinken?

R.K.: Danke, sehr aufdringlich! Ne, Spaß. Es freut mich hier sein zu dürfen. Schön hast du es hier. Die Musik ist auch klasse! Ich nehme ein Bier.


 VV: Du bist dieses Mal mit deinem bei Redrum erschienenen Roman „Cannibal Love“ für den Vincent-Preis nominiert. Wie fühlt sich das an?



R.K: Ich kann es noch immer kaum fassen! Es waren so viele erstklassige Bücher am Start. Mein Werk ist nun auch sehr speziell und obendrein ein Debüt. Umso schöner ist es, in die Endrunde gekommen zu sein. Übrigens auch Glückwunsch zu deiner Nominierung. Infiltriert habe ich mir letztes Jahr nach deiner Lesung in Marburg gekauft und war schwer begeistert.

VV: Danke! Du hast ja schon einmal im letzten Interview mit Michael eine kurze Inhaltsangabe gegeben, aber vielleicht ist es bei unseren Lesenden in Vergessenheit geraten. Worum geht es also?

R.K.: Es ist die Geschichte von den beiden Freunden Volker und Benny, die für ein Drogenkartell arbeiten und sich um die sogenannten Mulis kümmern. Das sind Menschen, die in ihrem Körper Drogen schmuggeln. Ihr Boss schickt sie zu ihrem Lieferanten nach Mexiko und dort lernt Volker die hübsche Cariba kennen, und mit ihr fängt das ganze Schlamassel an. Hatte ich erwähnt, dass Volker Probleme mit seinen Aggressionen hat, und Benny ein Kannibale ist?

VV: Ich muss ja sagen, ich fand „Cannibal Love“ derbe geil! Und das, obwohl ich eher auf langsamen Suspense-Horror stehe und sobald es humorig wird, eher die Nase rümpfe … Hattest du Vorbilder?

R.K.: Es freut mich, dass ich dich begeistern konnte! Ja, man hat ja immer Vorbilder. Ich bin ein großer Fan von Jeff Strand. Er schafft es, Humor mit Horror und Splatterpunk zu verbinden. Als ich am Plot von Cannibal Love arbeitete, las ich One Night Stan’s von Greg Sisco, der wie ein Tarantino in Buchform ist. Als Tarantino Fan war ich schwer begeistert und ich habe mich gefragt, wie viele Bücher es in diesem Stil gibt. Es sind überraschend wenig. Somit habe ich mir als Ziel gesetzt, genau diese Lücke zu füllen.

VV: Ich finde ja, dass Quentin Tarantino ein großartiger Dialog-Schreiber ist. Du auch, übrigens. Mutmaße ich da richtig, dass dich seine Filme inspiriert haben? Seine Art Dialoge, anzugehen?

R.K.: Wow, vielen Dank! Ja, seine Filme haben mich stark beeinflusst. Ich bin aber auch kein guter Umgebungsbeschreiber und drücke mich lieber in Dialogen aus. Nachdem ich den Plan gefasst hatte, einen Tarantino in Buchform zu verfassen, sah ich mir alle Filme zum x-ten Male an und habe recherchiert, was seinen Stil ausmacht. Die Dialoge leben ja davon, wichtige Informationen unter einem Haufen Geschwafel und Blödsinn zu verstecken. Das hat riesig Spaß gemacht zu schreiben, da ich da meinen schwarzen Ruhrpottthumor voll ausleben durfte. Auch der Gummiband Effekt und der Mexican Standoff finden sich bei mir wieder.

VV: Du setzt es sehr akzentuiert ein, finde ich. Und benennst ja auch religiöse Strömungen, die den Kannibalismus mystifizieren. D.h. es wirkt dann vielleicht etwas drüber, aber eben nur etwas. Mir gefällt das, weil es eben nicht langweilig nur Fleischlappen, eimerweise Blut und Gekröse beschreibt, sondern mehr ist. Alter, was laber ich. Weißt du, worauf ich hinaus will?

R.K.: Ich glaube, ich habs geschnallt(lacht). Es fällt mir immer schwer, das Buch zu beschreiben, denn wenn ich alles in eine Zusammenfassung stecken würde, läse es niemand mehr, weil die Story zu bekloppt und wirr erscheint. Kannibalen, Drogen und Kartelle? Klingt nach B-Movie. Ich höre häufiger, dass die Leser langsam müde von dem ganzen Abschlachten wären und es immer das Gleiche sei. Dem stimme ich teilweise zu. Durch die Überspitzung der Charaktere und der Handlung, legitimiere ich gleichzeitig die Brutalität. Sie wird absurd und somit etwas anderes. Ich wollte dem Ganzen halt mehr Futter geben, als nur eine bunte Schlachtplatte, sondern eine gewisse Wahrheit. Ich meine, wie unwahrscheinlich ist es, dass sich ein irrer Drogenbaron in Mexiko als Ahnen der Azteken sieht und auch deren Rituale nachahmt?

VV: Ähm, gar nicht? Und wie hast du zum Thema Drogen und Drogenkuriere recherchiert?



R.K.: Witzigerweise basiert die Grundidee auf einem Kölner Tatort. Da saß ein Muli in eine Badewanne. Diese Szene hat mich inspiriert. Zu der Folge gab es einen Hintergrundbericht, der schon allerhand Informationen bot. Es gibt allerlei Berichte aus Zeitungen zu dem Thema, die wirklich erschreckend sind. Die Menschen, meist junge Frauen, sterben häufig, weil die Behälter platzen. Zumeist werden sie gezwungen. Mit dem Wissen war es nicht so leicht, die Badewannenszene zu schreiben. Ich wollte verdeutlichen, dass diese Menschen für die Kartelle nur ein Transportmittel für ihre Ware sind. Dass Mulis von Mexiko nach Deutschland fliegen, stimmt nur bedingt. Es kommt vor, aber nicht in den Mengen, wie ich sie geschildert habe. Mulis werden eher aus dem afrikanischen/ arabischen Raum benutzt, aber die Wahrheit musste ich für die Story biegen. Zumeist finden die Drogen mit Schiffen ihren Weg nach Europa.

 VV: Mal eine Nerd-Frage … Wenn es zu einer Verfilmung kommen würde. Wer wäre denn in deiner Starbesetzung?

 R.K.: Auf die Frage habe ich schon lange gewartet(lacht). Für Volker fände ich Andy Sandberg sehr geil. Ich liebe seine verpeilte Art in Brooklyn 99 und seine Leistung bei Lonely Island. Für Benny stelle ich mir Nick Frost aus Shawn of the Dead als den optimalen Buddy vor. Salma Hayek müsste Fug spielen. Toni würde kein geringerer als Bryan Cranston sein. Johnny Depps irres Schauspiel passt perfekt zu Jesus. Eiza González wäre für mich die ideale Cariba.

 VV: Okay, mal ab von deinem Werk. Wie bist du denn zum Thema Horror gekommen?

 R.K.: Ich war schon als Kind vom Genre Horror fasziniert. Damals hat man sich die heiße Ware in Form von VHS zugeschustert und alles konsumiert, was die Videotheken hergaben. Die Geschichten aus der Gruft haben mich auch sehr geprägt. In literarischer Form war mein Horizont begrenzter, und bestand aus Stephen King und John Sinclair, diese dafür exzessiv.

 VV: Und was macht guter Horror für dich aus? Gibt es da für dich Qualitätsmerkmale?

 R.K.: Schwierige Frage. Es kommt auf die Erwartungshaltung an. Horror muss unter die Haut gehen, mich mitreißen und mit unerwarteten Wendungen aufwarten. Glaubwürdige Charaktere, mit denen man mitfühlen kann, sollten auch sein. Ich mag sehr gerne dieses Gefühl, wenn man denkt: Das könnte wirklich so sein. In Filmen hasse ich Jumpscares. Die sind billig und kein Horror.

VV: Okay. Und dann kam irgendwann der Moment, selbst eine Geschichte zu schreiben? Wie hat denn das alles angefangen bei dir?

  R.K: Ich spielte, wie wohl jeder Zweite, schon länger mit dem Gedanken, selbst etwas zu schreiben. Ideen waren reichlich vorhanden, mir fehlte nur die Initialzündung. Der Funke sprang im Spanienurlaub über, als ich ein Buch von Clive Cussler gelesen hatte, das zwar von der Story toll war, jedoch nervten mich die Formulierungen total. Da dachte ich: Das kannst du besser! Konnte ich natürlich nicht. Nach der Geburt meines ersten Kindes war ich in Elternzeit, und ich habe meinen ersten Roman angefangen zu schreiben. Schnell merkte ich, dass das doch nicht so einfach ist. Nach Sage und Schreibe einhundert Seiten habe ich aufgehört und mir stattdessen die ganze Theorie einverleibt und nach Ausschreibungen gesucht. Ich nahm mir vor, innerhalb eines Jahres eine Kurzgeschichte zu veröffentlichen. Sollte es nicht klappen, musste ich mir mein fehlendes Talent eingestehen und allenfalls für mich selbst schreiben. Tja, nach einem halben Jahr wurde eine angenommen. Dann die Nächste und noch eine. Von da an hatte ich Blut geleckt.


VV: Und dann? Warst du von der Verlagssuche angenervt oder ging das alles gut bei Dir?

R.K.: Von der Verlagssuche hatte ich die schlimmsten Geschichten gehört und hatte es innerlich schon abgehakt. Nach der Hochrechnung, was mich ein professionelles Buch als SPler kosten würde, wurde mir ganz anders. Meiner Frau übrigens auch (lacht). Also probierte ich mein Glück bei den Verlagen. Damals saß ich am Manuskript von Macimanito. Das Expose war bereits bei einigen Verlagen und ich wartete auf Antworten. Obwohl ich das Manuskript unbedingt fertigstellen wollte, ließ mich die Idee von Cannibal Love nicht los. Ich habe sogar von der Geschichte geträumt. Also schnappte ich mir ein paar Bierchen und ballerte knapp dreißig Seiten runter. Noch am selben Abend hab ich es mit einem witzigen Anschreiben im Cannibal LoveStil an REDRUM geschickt (die auch das Manuskript für Macimanito schon vorliegen hatten). Von meiner Frau hatte ich am nächsten Tag Ärger bekommen, warum ich das Teil nicht in Ruhe gegengelesen hatte. Ich war überzeugt von der Idee, dass ich mir sicher war, dass es Michael gefallen würde. Was soll ich sagen, etwa zwei Wochen später hatten wir telefoniert und da flatterte auch schon der Vertrag rein. Übrigens haben zwei weitere Verlage an Macimanito Interesse bekundet. Mit solch einer Reaktion hatte ich gar nicht gerechnet.

VV: Für die lange Strecke, also Romane, plottest du? Oder wie gehst du da an die Arbeit?

R.K.: Ich bin ein total pingeliger Plotter. Da kommt der Betriebswirt durch (lacht). Ich muss genau wissen, was ich mache. Natürlich schreibe ich vieles dann anders oder ändere es, weil mir noch eine bessere Idee eingefallen ist, aber ich muss den Weg kennen. Manchmal kann ich es aber auch nicht erwarten anzufangen und habe nur den halben Plot fertig, aber im Kopf steht schon das meiste, bevor es aufs Papier kommt. Der Vorteil am kleinlichen Plotten ist, dass man seltener eine Schreibblockade hat, da man ja weiß, was passiert. Wenn man eh wenig Zeit zum Schreiben hat, erspart man sich deprimierende Abende.

VV: Ich habe in deinem letzten Interview gesehen, dass du auch Vater bist. Yeah! Hat deine Vaterrolle für das Schreiben eine Bedeutung? Sowohl organisatorisch wie auch inhaltlich?

R.K.: Vater sein ist etwas unglaublich Schönes, jedoch fehlt einem häufig die Zeit für andere Dinge. Da ich einem 39h Job nachgehe, bleibt mir nur der Abend für mein Hobby, und vielleicht erkämpfe ich mir am Wochenende mal die ein, oder andere Stunde extra.

Inhaltlich ist das so eine Sache. Man überlegt schon, was die Kinder denken, wenn sie mal eine Geschichte von mir lesen sollten. Welches Thema ich nicht, oder nur bedingt anrühre, ist Kindesmissbrauch bzw. Pädophilie. Das ist zu heikel und man muss den richtigen Ton treffen. Ich traue es mir schlicht nicht zu, deshalb lasse ich es. Das ist für mich ein Tabu.

 VV: Gibt es etwas Übersinnliches in deinem Leben das dich geprägt hat? Glaubst du daran?

 R.K..: Es ist gar nicht lange her, da meine ich, eine weiße Frau gesehen zu haben. Du weißt schon, so eine Bewegung, einen Schatten im Augenwinkel. Vermutlich nur Einbildung. Ich glaube schon daran, bzw. will daran glauben. Deswegen schreibt und liest man ja Horror, weil man sich vorstellen will, dass es Übersinnliches gibt. Der Mensch ist fasziniert von dem, was hinter dem Schleier sein könnte.

 VV: Das hast du cool gesagt. Gibt es DAS Böse für Dich?

 R.K.: Nein, das reine Böse gibt es nicht. Es gibt immer Umstände, die einen schlecht handeln lassen. Was für den einen Böse ist, empfindet ein anderer als etwas Gutes. Deswegen sind Antagonisten mit Background, der sie zu dem werden ließ, spannender als nur DAS Böse.

 VV: Ralf, was können wir in Zukunft von Dir erwarten? Ich habe gesehen, dass da was sehr Geiles im BLITZ-Verlag kommt?

 R.K.:  Oh ja, das war wieder so eine Blitz(hehe) Idee. Im Oktober erscheint mit Blutmesse in Deer Creek ein Horror Western im Blitz Verlag. Es wird harte Kerle und noch härtere Frauen geben. Und viel Blei. Ich gestehe, ich bin kein großer Western Fan, aber die Horrowestern von Tim Curran haben mich unglaublich beeindruckt. Außerdem ist das Subgenre zu Unrecht sehr vernachlässigt worden. Ich beschreibe es als eine Mixtur aus Evil Dead und Weird West. Lovecraft Anspielungen inklusive. Übrigens habe ich das Buch als Dreiteiler konzipiert.

In Kürze erscheint Macimanito bei REDRUM. Da treffen die Darsteller der Serie Monsterhunter auf eine alte indianische Legende.

Gerade schreibe ich an Cannibal Love 2. Das Buch ist eine echte Herausforderung, da ich ja mindestens das gleiche Niveau abliefern will und sehr hohe Erwartungen an mich selbst habe, es aber auch abheben will vom ersten Teil. Es wird also keine Kopie und ein wenig gradliniger als sein Vorgänger.

Dann steht noch ein Plot für ein flauschig-tierisches Zombiebuch, das wieder stark ins humoristische driften wird.

Im nächsten Jahr steht auch schon was richtig Leckeres an. Ein Lovecraft Sammelband in limitierter Fassung. Das Teil war eine schwere Geburt, aber ich bin wahnsinnig stolz, dass es in einem solchen Format erscheinen wird.

Darüber hinaus fungiere ich als Herausgeber für eine echt coole Anthologie (aber wem sag ich das). Der Titel ist noch geheim.

Das war es fürs Erste. Ist ja auch eine ganze Menge. Mir jucken schon viele andere Ideen in den Fingern, die ich im nächsten Jahr verwirklichen möchte.

 VV: Vielen Dank, dass du da warst. Ich hoffe, wir lesen noch viel, viel mehr von dir und drücken dir die Daumen für den Vincent Preis!

 R.K.: Es hat mich sehr gefreut, du hast tolle Fragen gestellt. Vielen Dank für die Daumen, die drücke ich dir auch!



Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)





VV: Clint Eastwood oder Steve Mcqueen?

R.K.: Clint Eastwood.

VV: Welcher Film?



R.K.: Fight Club


VV: Ein Ort, den du unbedingt bereisen willst?


VV.: Kalifornien

 VV: Ich habe Angst vor …?


 R.K.: Spinnen

VV: Beste Band der Welt?

R.K.: Dritte Wahl


VV: Rum oder Whiskey?


R.K..: Bier, ähm, Whiskey

VV: Drei Horror-Werke, die dich geprägt haben?

R.K.:      Stephen King – Shinning

                Clive Barker – Bücher des Blutes

                Jack Ketchum – Evil

VV: Spider oder Batman??

R.K.: Spidey natürlich

VV: Warum?

R.K.: Hallo? Netze? Aus der Hand? Spinnensinn?

VV: Prepper oder Plünderer?

R.K.: Prepper, ich tauge nicht zum Raub.

VV: Eine Superkraft, die du gerne hättest?

R.K.: Mich legst du nicht rein: Die Superkraft, jede Superkraft zu haben, die ich möchte.

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