Melanie Vogltanz (Interview)
Michael Schmidt: Hallo Melanie, dein Roman Tote geben keine Zugabe (Verlag Ohneohren)
ist für den Vincent
Preis 2024 als Bester Roman nominiert worden. Herzlichen Glückwunsch!
Melanie Vogltanz: Danke, ich freue mich riesig über die Nominierung! Und lieben Dank für die Einladung zum Interview!
Michael Schmidt: Worum geht es in dem Roman?
Melanie Vogltanz: In »Backstage« geht es um Cassidy Croaker,
einen erfolgreichen Skandalmusiker, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere im
Alter von 27 einen unerwarteten Tod findet. Hier fängt die Geschichte aber erst
richtig an – denn er kehrt als Geist zurück und muss die Umstände seines
eigenen Todes aufklären. Was gar nicht so einfach ist, wenn einen niemand mehr
sieht oder hört.
Michael Schmidt: Der Roman wurde auch für den 1. Österreichischen Phantastik Preis nominiert. Hast du mit dem Thema einen Nerv getroffen?
Melanie Vogltanz: Nach einigen Gesprächen mit Lesenden
möchte ich das gern glauben. Es scheinen vor allem Themen wie Mental Health und
der Umgang mit Tod und Verlust zu sein, die viele Menschen im Moment abholen.
Ich glaube, dabei ist vor allem die Balance zwischen diesen doch schweren und
belastenden Themen und einer Prise Humor wichtig. Und ein kleiner, aber nicht
zu vernachlässigender Hoffnungsschimmer.
Michael Schmidt: Wie kam es zur Idee? Das Thema ist ja
eigentlich heiß, wird aber gar nicht so oft aufgegriffen wie ich finde.
Melanie Vogltanz: „Backstage“ ist wahrscheinlich der persönlichste Roman, den ich bislang geschrieben habe. Er entstand in einer Zeit, in der ich mich an einem psychischen Tiefpunkt befand, und enthält viel Verarbeitung und Aufarbeitung, insbesondere beim Umgang mit Depression. Humor ist für mich ein starker Coping Mechanismus, was sich im Buch widerspiegelt. Da auch Musik eine wichtige Rolle in meinem Alltag spielt, war das Setting eigentlich klar. Gleichzeitig wollte ich mal so ein richtiges Arschloch schreiben, was Cassidy auffangen musste. Ob er das nun tatsächlich geworden ist, diese Entscheidung überlasse ich den Lesenden. Ich fürchte, dass ich zu gern Redemption Arcs schreibe, um das jemals gänzlich durchzuziehen.
Michael Schmidt: Der Roman geht ja eher in die Horrorecke. Wird es da weitere Romane von dir geben?
Melanie Vogltanz: Auf jeden Fall! Ich schreibe äußerst gern
Horror, auch wenn die meisten meiner Horrortitel (wie z.B. „Opferreigen“ und
„Die letzte Erscheinung“) meistens eher unter dem Radar fliegen. Ich komme in
meinen Büchern selten ohne zumindest kleine Horrorelemente aus, allerdings hat
es das Genre auf dem deutschsprachigen Buchmarkt schwer. Dadurch veröffentliche
ich weniger „reine“ Horrorbücher, als ich gerne würde – aber ganz werde ich das
Genre nie aufgeben können. Es warten da auch tatsächlich noch ein paar fertige
Manuskripte in der Schublade.
Michael Schmidt: Dein SF Roman Shape Me hat damals auch Wellen geschlagen und wurde für den DSFP und KLP nominiert. Damals gab es noch keine Abnehmspritzen, aber das Thema Gewicht ist natürlich was, das zeitlos ist. Wie kam es zur Idee und was bedeutet dir der Roman?
Melanie Vogltanz: „Shape Me“ ist auch so ein Roman, der vor
allem durch das Bedürfnis entstanden ist, Dinge zu verarbeiten und
aufzuarbeiten, und hat wie „Backstage“ einen biografischen Kern. Wie vermutlich
viele Teenager in den 2000ern, insbesondere weibliche, war ich stark von der
Diet Culture dieser Zeit geprägt und hatte schon früh eine ungesunde Beziehung zur
Ernährung und zu meinem eigenen Körper. Das abzubauen, hat eine Menge Zeit und Mühe
gekostet, und es in Romanform auf die Spitze zu schreiben, war sicherlich Teil
dieses Prozesses. Ich wollte diese Entwicklung in der Gesellschaft weiterdenken
– in eine Zukunft, die noch ein gutes Stück entfernt ist, aber gleichzeitig so
nah, dass viele von uns sie wahrscheinlich noch erleben werden. Außerdem
konterkariert „Shape Me“ diese Besessenheit von einem dünnen Körper mit
ernsten, chronischen Krankheiten (Multiple Sklerose) und versucht, sie in
Perspektive zu rücken und auch ein wenig die Absurdität des Fokus´ auf einen
bestimmtem BMI darzustellen, die man auch teilweise in der heutigen Medizin
findet. Dazu kommt eine Collage an Halbwahrheiten und Mythen über das Abnehmen,
mit denen die Protagonisten des Romans ungefiltert dauerbeschallt werden (wie
es die Werbung oder bestimmte Influencer*innen ja längst im Alltag tun). Es ist
keine falsche Bescheidenheit, wenn ich sage, dass ich nie erwartet hätte, dass
„Shape Me“ solche Wellen schlagen würde. Die Thematik ist schließlich recht
nischig und weit von dem entfernt, was „der Markt“ angeblich will – und dann
war es das erste meiner Bücher, dem ich einmal unvorbereitet in einer
Thalia-Filiale über den Weg gelaufen bin. Ich habe daraus auch für mich
mitgenommen, dass man Erfolge nie vorhersehen kann und dass der Ansatz, zu
schreiben, was einen umtreibt und selbst bewegt, nicht völlig falsch sein kann.
Michael Schmidt: Dein Schaffen ist ja vielfältig. Wie
würdest du dich selbst als Autorin einordnen? Was erwartet der Leser bei einer
Melanie Vogltanz Geschichte?
Melanie Vogltanz: Ich schlichte mich und meine Geschichten ja
nur sehr ungern in Schubladen und möchte mich beim Schreiben nicht selbst
langweilen – dadurch sind meine Romane thematisch relativ breit gestreut und
lassen sich auch schwer in enge Genrevorgaben sortieren. Bestimmte
Gemeinsamkeiten ziehen sich aber dennoch durch die meisten meiner Texte. Ein
düsterer Touch oder Twist ist fast unvermeidbar, auch wenn ich in den
vergangenen Jahren zunehmend merke, wie wichtig es für mich und die Lesenden
ist, dem auch Positives und Hoffnung gegenüberzustellen (die Realität ist aktuell
einfach schon düster genug). Alle meine Figuren haben mit der einen oder
anderen Art von Trauma zu kämpfen und sind selten rein gut oder rein böse,
morally gray is my favorite color. Außerdem sind alle meine Romane bisher in
der Phantastik zu verorten (sei es nun Fantasy, Horror oder Science Fiction),
sind dabei aber meistens in einem realen oder annähernd realen Setting
angesiedelt.
Michael Schmidt: Ich habe mal auf deiner Homepage gestöbert und da sind ja echt viele Publikationen aufgelistet. Welches der Bücher würdest du mir empfehlen und warum?
Melanie Vogltanz: Oh, knifflige Frage! Die Kemet-Reihe liegt
mir im Moment besonders am Herzen, zum Beispiel „Road to Ombos“ oder „Path intoDuat“ wären dafür gute Einstiege (Letzteres ist gemeinsam mit Jenny Wood
entstanden). Es geht um ägyptische Götter, die in der Moderne gestrandet sind,
aber auch und vor allem um zweite Chancen, außergewöhnliche Freundschaften und
einen Blick auf unsere Welt aus den Augen einer Figur, für die sie völlig neu
und dadurch noch voller Wunder ist. Auch Spannung und Drama kommen selten zu
kurz. Ich hänge sehr an den Figuren und Büchern und habe selten an etwas
gearbeitet, das mich auch außerhalb der Arbeit am Skript noch so intensiv
beschäftigt hat. Aktuell erscheinen die Bücher nach und nach unter neuer Flagge
beim Second Chances Verlag, nachdem der Art Skript Phantastik Verlag mit Ende
des Jahres seine Pforten geschlossen hat.
Michael Schmidt: Ingrid Pointecker (Verlag ohne Ohren) wurde
letztes Jahr für die Förderung der Phantastik als Verlegerin und Herausgeberin
und für die Aktion Libro sospeso, die Lesern mit wenig Geld phantastische
Literatur zugänglich macht für den Sonderpreis nominiert. Hast du eine
besondere Beziehung zum Verlag und wonach wählst du deine Publikationsorte aus?
Melanie Vogltanz: Ingrid und mich verbindet schon eine
langjährige Geschichte, dieses Jahr müsste unsere Zusammenarbeit ihr
Zehnjähriges feiern, wenn ich mich nicht verzählt habe! Wir kannten uns schon
flüchtig vor der Verlagsgründung und sie hat mich auch persönlich gefragt, ob
ich ein Manuskript für sie hätte (was ich hatte, und so kam die
Veröffentlichung von „Ararat“ zustande). Ich schätze sowohl Ingrid als auch den
Verlag sehr und sitze dann immer wieder vor Ideen, die in mir dieses „das fühlt
sich ohneohrig an“-Gefühl auslösen. Wer meine Bücher im Verlag kennt, wird
vielleicht ahnen, was ich damit meine, obwohl die Veröffentlichungen thematisch
relativ unterschiedlich sind. Eine gewisse gesellschaftskritische Perspektive,
vielleicht auch verbunden mit einer unkonventionellen Form (wie die schwarzen
Seiten in „Backstage“ oder die Aufzeichnungen in „Shape Me“) sind für mich
Marker, dass ich die Story mal Ingrid pitchen sollte, bevor ich mich damit an
andere Verlage wende. Da hat Ohneohren für mich dann auch das Vorrecht auf die
Veröffentlichung, denn ich weiß, dass die Bücher bei Ingrid in guten Händen
sind und die Geschichten ihr am Herzen liegen (ebenso wie ihre Autor*innen).
Ganz allgemein sei gesagt, dass ich in den vergangenen
Jahren gelernt habe, wie wichtig es ist, dass die Geschichte zum Verlag und der
Verlag zur Geschichte passt. Auch zwischenmenschlich sollte es funktionieren,
besonders im Indieverlagsbereich, wo Verlage oft Ein- oder zwei-Mensch-Shows
sind und die Zusammenarbeit recht eng ist. Nicht immer lassen sich diese Dinge
vor Vertragsunterzeichnung zweifelsfrei sagen, aber es hilft, sich vorab sowohl
mit den Verlegenden als auch mit den dort veröffentlichten Autor*innen
auszutauschen, um herauszufinden, ob man sich eine Zusammenarbeit vorstellen
kann.
Manche Bücher von mir sehe ich auch überhaupt nicht in einem
traditionellen Veröffentlichungskontext, auch wenn Selfpublishing für mich eher
die Ausnahme als die Regel ist. Gelegentlich bietet sich diese Form der
Veröffentlichung für mich an – zum Beispiel, weil ich schon so konkrete Pläne
oder Vorstellungen habe, dass ein Verlag oder ich am Ende nicht glücklich
werden würden, weil einer von beiden Abstriche machen müsste. Im Großen und
Ganzen könnte ich mir aber nicht vorstellen, vollständig ins SP zu wechseln, da
würde es auf Dauer sowohl an der Zeit als auch den finanziellen Kapazitäten
scheitern, und die Zusammenarbeit mit Verlagen kann so viele Ideen, frische
Perspektiven und unerwartete schöne Dinge zur Folge haben, dass ich darauf
nicht komplett verzichten wollen würde.
Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?
Melanie Vogltanz: Aktuell parallel an mehreren Projekten,
zum einen am nächsten Band für die Kemet-Reihe mit Jenny Wood, der dieses Jahr erscheinen soll. Zum anderen an der Fortsetzung für einen Roman bei Alea
Libris, zu dem ich noch nicht allzu viel verraten darf, aber ich kann zumindest
schon einmal sagen, dass es Urban Fantasy und der Gegenentwurf zu einer
Helden-Origin-Story ist. Auch Mental Health wird wieder eine zentrale Rolle
spielen.
Michael Schmidt: Die Phantastikszene ist ja doch recht
vielfältig. Wie nimmst du die deutschsprachige Phantastikszene wahr?
Melanie Vogltanz: „Unter Druck“ beschreibt es denke ich
aktuell am besten. Veröffentlichen und gesehen werden, gehört und gelesen
werden, wird zunehmend schwieriger. In Social Media ist der Druck groß, seine
Bücher, aber zunehmend auch sich selbst als „Marke“ zu präsentieren. Neben dem
Marketing-Druck, der Autor*innen in großen Publikumsverlagen oft ebenso trifft
wie die Selfpublisher, kämpfen auch vermehrt sowohl Debut- als auch schon lange
etablierte Autor*innen damit, ihre Ideen zu verkaufen und dann auf dem Markt
die notwendigen Absatzzahlen zu erreichen. Ich weiß nicht, ob das ein
subjektiver Eindruck ist, aber es scheint mir, dass ungewöhnlich viele
Kolleg*innen mit Burnouts oder dem Gedanken kämpfen, das Schreiben ganz an den
Nagel zu hängen. Die Phantastik hat auf dem deutschsprachigen Markt schon immer
eine Nische bedient, aber die Veröffentlichungsbedingungen und auch
wirtschaftlichen Voraussetzungen durch die Teuerungen der letzten Jahre haben
es noch deutlich erschwert. Ich würde mir nur wünschen, dass wir die Probleme
gemeinsam an der Wurzel packen und erkennen, dass wir vielleicht alle nicht im
selben Boot, aber auf demselben Ozean treiben und die Schuld an der
Marktsituation nicht bei anderen Autor*innen suchen. Vielleicht auch diesem
steigenden Druck geschuldet, kann der Umgangston in der Szene teilweise recht
harsch werden, und auch hier kommt mir vor, dass sich das die letzten Jahre
zugespitzt hat.
Als sehr positive Entwicklung der letzten Jahre nehme ich
wahr, dass sich in der Phantastikszene ein zunehmendes Bewusstsein für die
Themen, Probleme und Stimmen marginalisierter Schreibender und Lesender
entwickelt. Auch wenn man teilweise noch im Indiebereich danach suchen muss,
wird die Phantastik zunehmend bunter und vielfältiger, und auch größere Verlage
wagen sich vereinzelt in neue Bereiche vor. Ich hoffe, dass sich diese
Entwicklung trotz der erschwerten Veröffentlichungsbedingungen fortsetzen wird.
Michael Schmidt: Was liest du selbst gerne?
Melanie Vogltanz: Tatsächlich sehr querbeet, es gibt kaum
ein Genre, das ich kategorisch ausschließen würde, wenn mir das Buch gerade
etwas gibt, das ich suche. Ganz allgemein lese ich gern in dem Bereich, in dem
ich auch selbst schreibe, also viel progressive Phantastik, surrealen Horror,
aber auch Bücher, die überhaupt nicht phantastisch sind. Auch Romance ist mal
dabei, besonders, wenn es hervorragend geschriebene, emotional zerschmetternde
Romance ist (dies ist ein dezenter Hinweis, dass man dringend „Love Education“
von Elana Bardini lesen sollte, wenn man das noch nicht hat!).
Michael Schmidt: Wie würdest du dich privat beschreiben?
Melanie Vogltanz: Auch privat spielen Bücher in meinem Leben
eine sehr große Rolle, tatsächlich lässt sich das sehr schwer trennen. Insgesamt
bin ich wahrscheinlich deutlich introvertierter, als man anhand von
Veröffentlichungen oder Online-Auftritten ahnen würde. Neben Büchern
interessiere ich mich für Musik, male gern, z.B. mit Acryl, und habe eine
Schwäche für Dinosaurier!
Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen?
Melanie Vogltanz: Bleibt stets neugierig – und stay safe!
Huch, ich muss korrigieren: Der nächste Kemet-Roman erscheint natürlich noch dieses Jahr!
AntwortenLöschenIch habe es korrigiert.
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