Mittwoch, 18. März 2015

Interview mit Torsten Scheib und Ralf Kemper


Vincent Preis: Torsten Scheib, Ralf Kemper, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Nominierung zum VINCENT PREIS. 
Der nominierte Roman TOXIC LULLABY basiert auf Ralf Kempers gleichnamigen Film aus dem Jahr 2010. Das ist ja eher ungewöhnlich, denn normalerweise ist es eher andersrum: Nach einem Roman wird ein Film gedreht und hinterher meckern alle, dass das Buch besser sei als der Film. Wie kam es zu der Idee aus dem Film bzw. dem Drehbuch einen Roman zu machen?


Torsten Scheib: Ich glaube, dass ich mich in dem Falle schuldig bekennen muss. Nachdem ich von Ralf freundlicherweise den Film als Rezi-Exemplar bekommen
Torsten Scheib
hatte und begeistert war, wurde ich plötzlich mehr oder minder wagemutig. Ich wollte nämlich schon immer mal einen "Roman zum Film" schreiben; einerseits, weil ich diese Literaturgattung selbst durchaus gerne konsumiere, andererseits, weil ich es als eine Herausforderung sah, noch 'tiefer' in die Materie resp. das Innenleben der beteiligten Personen einzutauchen - und, ja, hie und da ging auch der sprichwörtliche Gaul mit mir durch; besonders bei den Actionszenen. Auf jeden Fall war es reizvoll, so ein Werk zu schreiben, das es in dieser Form - sprich Roman basierend auf einem deutschen Indie-Horrorfilm - bislang noch nicht gegeben hatte. Gesagt, getan, ich kontaktierte Ralf abermals, der Feuer und Flamme war und mir dankbarerweise noch das Skript und weitere Dokumente schickte, mit denen ich zusätzlich arbeiten konnte.


Ralf Kemper
Ralf Kemper: Ja, genauso, wie Torsten es erwähnt hat, war es und unser Filmproduktionsteam hatte schon
vor den Dreharbeiten geplant ein Buch zum Film zu schreiben. Drei Autoren haben sich vor Torsten daran versucht. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, als Torsten bei mir anfragte. Es ist ja, gerade bei Projekten mit kleinem bis keinem Budget, so gut wie unmöglich geschriebene Worte - vom Drehbuch - in bewegte Bilder zu fassen. Wie Torsten sicherlich beim Durchlesen des Scripts gemerkt hat, wollten wir gerade bei den Actionsequenzen wesentlich mehr machen, als im Film zu sehen war. Nur gut, dass da bei Torsten der Gaul durch gegangen ist. Gerade deshalb finde ich das Buch gut.


Torsten Scheib: Danke, Ralf! Wobei die Actionszenen im Film auch nicht schlecht geraten sind; dass der Film praktisch ständig 'in Bewegung' ist, fand ich toll!


Vincent Preis: Wenn ich das also richtig verstehe, hattest also keine Probleme dein "Baby" in fremde Hände zu geben, oder Ralf? Hast du dich denn vorher kundig gemacht, was Torsten bis dahin sonst so literarisch verbrochen hatte?


Ralf Kemper: Nein, dass war kein Problem für mich. Ich hatte mich schon bei den Autoren vor Torsten völlig raus gehalten. Und Torsten kannte ich ja auch schon ein klein wenig durch sein Review zum Film.


Vincent Preis: So viel erst einmal zur Entstehung des Romans zum Film. Jetzt zur Geschichte: Mag einer von euch beiden jemandem, der weder Film noch Buch kennt, kurz erklären, worum es in TOXIC LULLABY geht?


Torsten Scheib: Ralf? Darf ich dir den Vortritt überlassen? Ist schließlich dein Baby ...


Ralf Kemper: Erzählt wird die Geschichte von Eloise, die nach einem Drogenrausch in einer zerstörten und lebensfeindlichen Welt erwacht. Von ihren Freunden getrennt lernt sie in einer bizarren
Filmplakat TOXIC LULLABY
Wirklichkeit zu überleben. Die Welt um sie herum befindet sich im Chaos. Sie erfährt, dass die Gründe hierfür in einer Finanzkrise und in der Spekulation um die letzten Nahrungsmittelressourcen und deren völligen Vernichtung begründet ist. Der Einsatz von biologischen Waffen führte zudem dazu, dass sich unter den Menschen ein Virus verbreitet hat, der aus ihnen gefährliche Mutanten (‚Schläfer‘) werden ließ.
In dieser verzweifelten Situation gefangen, schließt sich Eloise einer Gruppe von Menschen an, die wie sie von der Sehnsucht getrieben werden, diesem Alptraum zu entfliehen.
- Soweit die Synopsis zum Film.


Vincent Preis: Und was hat dich, Torsten, - neben der schon erwähnten allgemeinen "Lust einen Roman zum Film" zu schreiben, speziell bei diesem Film gereizt, ihn zu einem Roman zu verarbeiten? Und um gleich noch eine Frage anzuschließen: Auch wenn sie in TOXIC LULLABY "Schläfer" genannt werden, erinnern diese Figuren stark an Zombies. Was reizt einen Autor immer noch und immer wieder an diesem Thema und gab es schon vorher von dir Veröffentlichungen, die in diese Richtung gingen?


TOXIC LULLABY (p.machinery)
Torsten Scheib: Zunächst war es wirklich nur besagte "Lust einen Roman zum Film" zu schreiben. Auch mit dem Hintergedanken, der filmischen Vorlage eventuell etwas mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, denn das hatte sich Ralfs Werk verdient - tut es immer noch. Ferner musste ich schon vor Beginn am Roman so eine Art ... nennen wir es mal "Gefühl" gehabt haben, dass in dieser fiktiven, post-apokalyptischen Welt noch weitere Ideen und demzufolge Geschichten schlummern. Während des Schreibprozesses wurde dies bestätigt; Fragen wie "Wie konnte es so weit kommen?" und "Wie wird alles enden?" schossen mir durch den Kopf und tun es noch immer. Du hast natürlich Recht, Markus. Im Grunde genommen SIND die "Schläfer" eine Zombie-Variante, da bedarf es keiner Diskussion (deren Entstehung kenne ich auch, aber die wird erst in Band 2 verraten!). Nun ja, was die Popularität der Zombies betrifft: irgendwie sind die in den letzten Jahren Pop geworden, ja fast schon Mainstream. Wer hätte dies noch in den frühen 2000ern gedacht? Da musste man Zombiefilme und -literatur praktisch mit der Lupe suchen (ich spreche aus eigener Erfahrung) und heutzutage ergeht es GUTEN Zombieromanen so. Aber sie existieren, wenngleich eben viele Autoren einfach nur ihre Variante von, sagen wir DAWN oder NIGHT OF THE LIVING DEAD niederschreiben (oftmals nicht besonders gut) und damit mehr oder weniger erfolgreich auf den Zug aufspringen. Was den Reiz ausmacht? Aus meiner Sicht ist es die völlig Hemmungslosigkeit. Bei Zombies kannste dich in Sachen Garstigkeiten komplett austoben; so was wird ja förmlich verlangt und gehört ja inzwischen fast schon zum guten Ton. Bloß nicht zum plumpen Splatterfest verkommen. Und natürlich das postapokalyptische Element, das mir fast noch mehr Freude beim Schreiben bereitet. Als Schriftsteller habe ich sozusagen carte blanche, ein unbeschränktes Budget und demzufolge keine Grenzen, was spektakuläre Szenen betrifft. In TOXIC LULLABY habe ich bei bestimmten Passagen bereits damit angefangen und bei TOXIC 2 wird alles noch etwas größer werden. Erneut orientiere ich mich an Ralfs (bislang) noch nicht verfilmtes Drehbuch, allerdings wird es von mir einen gewissen "Twist" erhalten. Eine Mischung aus Techno-Thriller, Zombie- und Endzeitstory. Apropos: TOXIC 2 wird wohl auch deutlich machen, warum ich und so viele andere konstant eine solche Thematik aufgreifen. Denn für mich hat eine gute Zombie-Erzählung nur vordergründig von kannibalischen Untoten zu handeln. Die sind im Grunde nur Mittel zum Zweck. Nein, für mich stehen die MENSCHEN im Mittelpunkt; ihr Handeln in Extremsituationen. Das Menschliche selbst. Zombie-Altmeister Romero hat ja schon 1969 vorgemacht, wie's geht. So wird das - aus meiner Sicht - große Thema von TOXIC 2, neben dem Aspekt der Katastrophe und des Überlebens, der ZUSAMMENHALT sein. Mehr möchte ich aber - noch - nicht verraten.


Vincent Preis: Damit hast du mir meine nächste Frage, die nach einer Fortsetzung von TOXIC LULLABY schon beantwortet. Und ich komme zu meinen letzten Fragen. 
Der Film TOXIC LULLABY kam ja schon 2010 heraus und in der Zwischenzeit sind, wenn ich richtig informiert bin, zwei weitere Filme unter deiner Regie entstanden. Magst du auch ein wenig über die erzählen, Ralf? Und dann natürlich auch noch die Frage nach aktuellen oder kommenden Projekten. Woran arbeitest du gerade und wann kann man mit dem nächsten Film rechnen?


Ralf Kemper: Ja, Zwei Projekte habe ich seit dem im filmischen Bereich gemacht. Wobei das eine ALPTRAUMFIEBER ein experimenteller Kurzfilm geworden ist. Mein letzter Langfilm DAMNED ON EARTH hatte im letzten November Kinopremiere.
Filmplakat DAMNED ON EARTH
Unter www.damnedonearth.com und https://www.facebook.com/DamnedOnEarth?fref=nf gibt es viele Infos, Fotos und Trailer zu sehen. Bei "Damned On Earth" handelt es sich um eine Fantasy-Komödie mit viel schwarzem Humor und nichts für Bibeltreue Christen. DAMNED ON EARTH bringt uns näher, was passieren könnte wenn Gott und Satan keine Lust mehr haben das ewige Gleichgewicht von Gut und Böse auf der Erde zu halten und sich gemeinsam aus dem Staub machen. Die zurückgebliebenen Engel und Teufel geraten schnell ins wanken und stürzen alles ins Chaos. 
Für zukünftige Projekte habe ich einige Drehbücher in der Schublade, TOXIC LULLABY 2 , ein Science Fiction Comedy Abenteuer mit dem Arbeitstitel TRASHKILLER IM NEBEL DES ORIONS und eine Gruselstory mit dem Arbeitstitel HEXEN. Allerdings brauch man selbst für No-Budget Filme erstmal ein Grundbudget um überhaupt mit der Planung beginnen zu können. Und der Scifi sowie die Toxic Fortsetzung benötigen schon Einiges an Budget um es angehen zu können. Deshalb wird es die nächsten Monate erstmal nur um Finanzierungen gehen. Und das kann sehr deprimierend sein. Ach ja, eine Vertriebssuche für DAMNED ON EARTH ist auch noch in Gange.


Vincent Preis: Und eine ähnliche Frage auch an dich, Torsten: Gibt es neben TOXIC 2 (ist das eigentlich eher ein Prequel oder ein Sequel?) noch andere Sachen, auf die sich deine Leser freuen dürfen? Gibt es in diesem Jahr wieder Anthologie-Beiträge von dir? Und: Spielst du vielleicht auch mit dem Gedanken, mal eine Storysammlung nur mit eigenen Kurzgeschichten herauszubringen?


Torsten Scheib: TOXIC 2 (mit dem bisherigen Zusatz "Toxic Awakenings") wird ein Prequel werden, in dessen Mittelpunkt nicht die Protagonistin des ersten Bandes, Eloise, sondern eine ihrer Mitstreiterinnen, Penny stehen wird. Ursprünglich war es andersrum geplant, doch nachdem ich Ralfs Script gelesen und mich schließlich mit Penny intensiver befasst hatte, wurde mir klar, dass sie einfach ein wesentlich interessanter Charakter ist. Ich werde beleuchten, weshalb sie so misstrauisch und gleichzeitig so knallhart geworden ist. Parallel dazu wird auf den Ausbruch der Seuche eingegangen werden. Da habe ich mir - hoffentlich - eine originelle Erklärung einfallen lassen, welche direkt mit TOXIC 3 verbunden sein wird. Anthologie-Beiträge? Da wird es mindestens einen geben. Für die MÄNGELEXEMPLARE: HAUNTED-Antho verfasse ich gerade eine sehr spezielle Art von Spukhaus-Novelle, die hoffentlich zu gefallen weiß und zudem die eine oder andere Querverbindung zu meinen bisherigen Werken aufweisen wird. Darüber hinaus ... man wird sehen. Da meine Short Stories in letzter Zeit immer länger und ausufernder werden, werde ich mich eventuell nur noch mit Romanen/Novellen beschäftigen, aber... man muss abwarten. Darüber hinaus wird es mit GÖTTERSCHLACHT (Arbeitstitel) einen Roman geben, der meine, sehr spezielle Version der Ragnarök-Sage sein wird. Und eine Storysammlung steht definitiv auf der Agenda.


Vincent Preis: Dann vielen Dank für eure Antworten, viel Glück bei der Endrunde zum VINCENT PREIS und viel Erfolg für eure nächsten Projekte, vor allem bei der Vertriebs- und Finanzierungssuche, Ralf.


Ralf Kemper: Ich danke auch und bin total gespannt wie das beim VINCENT PREIS weiter geht.


Torsten Scheib: Auch von meiner Seite herzlichen Dank für das Interview, Markus. Schau'n wir mal, wo TOXIC landen wird.


(Die Fragen stellte Markus Solty)

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