Samstag, 19. November 2011

Frederic Brake - New Jersey




Neuerscheinung: SEELENSÜCHTIG (AndroSF 14)


Exklusiv für den Vincent Preis stellt uns Frederic Brake und p.machinery die Geschichte "New Jersey" aus Seelentrinker 3 zur Verfügung:


»Es ist eine Heimsuchung. Und wir haben es verdient. Das Strafgericht des Herrn ist endgültig über uns
gekommen, denn wir sind so sündig …«
»Halt dein verdammtes Maul, Priester«, schrie Taggard.
»Herr Gott noch einmal, Taggard, lass ihn in Ruhe!«
Borning war wütend, keine Frage.
Taggard spuckte aus.
»Ich bin dieses pseudoreligiöse Gewäsch leid. Seit drei Monaten muss ich mir das jetzt anhören.«
»Hey, Jonessey! Bleib hier, Mann. Wo willst du hin?«
»Lass den Priester ziehen, Borning. Ist besser so.«

»Mensch, Tag. Was ist nur mit dir los? Du weißt genau, dass wir nur als Gruppe eine Chance haben.
Jonessey gehört dazu, und er ist wichtig. Genau wie du.«
Er packte Taggard bei den Schultern, sah ihm beschwörend in die Augen.
Taggard starrte wütend zurück.
»Lass gut sein, Mann.«
»Ach«, schnaubte Taggard , schüttelte Bornings Hände ab und drehte sich um, ging zu dem Lagerfeuer
mitten im Camp und stocherte mit wütenden Bewegungen darin herum.
»Warum ist er so? Was ist mit Taggard passiert?«
José Haciendo war unbemerkt zu Borning getreten.
»Das Leben ist passiert, José. Das Leben hat ihn in den Arsch gefickt.«
Haciendo sah ihn fragend an.
»Wir waren mal Nachbarn, Tag und ich, damals in Monterey. Bevor diese tolle Welt uns einfach um die
Ohren geflogen ist. Wir beide und unsere Frauen waren eng befreundet. Als der erste Ausbruch passierte,
war Rebecca, Tags Frau, in dem betroffenen Einkaufscenter.«
José schnalzte mitleidig mit der Zunge.
»Böse Sache. Was ist passiert, damals? In den Zeitungen stand zwar viel, aber auch viel Mist.«
Borning ihn an und strich sich durch die grauen Stoppelhaare.
»Du solltest dir deine Haare abschneiden, Amigo. In so langen Haaren können sich die Wandler leicht
verkrallen.«
Haciendo band seine schulterlangen rabenschwarzen Haare zu einem Dutt zusammen.
»So kann nichts passieren. Also, was ist geschehen in Monterey?«
»Du gibst es nicht dran, oder?«
Borning sah einen Moment zu dem immer noch im Feuer stochernden Taggard hinüber. Er zuckte die
Schultern.
»Na, meinetwegen. Wir hatten uns an diesem Abend bei Tag und Rebecca zum Kartenspielen verabredet.
Myra, meine Frau, hatte Creampie gemacht.«
Ein wehmütiges Lächeln hatte sich kurz in seinen Mundwinkeln verkrallt, ehe es die Erinnerung an die
Vergangenheit daraus vertrieb.
»Der beste Creampie der Welt«, sagte er mit leerem Blick.
»Ihr hattet euch zum Kartenspielen verabredet«, erinnerte Haciendo.
»Wie? Jaja, zum Spielen. Rebecca wirkte ziemlich abwesend. Wir schoben es auf ihr Erlebnis im Center.
Wir machten alberne Späße und versuchten, sie abzulenken. Sie lachte nicht mit uns und sah uns nur
verständnislos an. Also spielten wir einfach Karten. Wir hatten kaum begonnen, als Rebecca wahnsinnige
Kopfschmerzen bekam, die immer schlimmer wurden. Myra ging mit ihr ins Schlafzimmer, damit Rebecca
sich einen Moment hinlegen konnte. Tag und ich sahen uns an, und ich konnte in seinen Augen lesen,
dass er das Gleiche dachte wie ich. Frauen. Wir schnappten uns jeder ein Bier und hockten uns vor den
Fernseher. Karten würden wir eh nicht mehr spielen, da konnten wir uns auch Football ansehen.«
»Raiders?«
»Raiders«, bestätigte Borning und lauschte dem Klang des Wortes nach, eine tote Erinnerung.
»Jedenfalls sahen wir das Spiel und die Raiders waren gerade vor dem ersten Touchdown, als Myra
schrie. Taggard beschüttete sich mit seinem Bier, so erschreckt hat er sich. Wir rannten nach oben. Myra
stand in der Tür des Schlafzimmers und hatte die Hände vor den Mund geschlagen. Becky … Becky lag
halb auf dem Bett, Kopf nach unten. Sie kotzte sich die Seele aus dem Leib, blutigen, übel riechenden
Schleim. Tag rastete fast aus vor Sorge. Ich rief den Krankenwagen. Eine Szene aus dieser Nacht steht so
klar vor mir, als würde ich sie jeden Tag neu erleben. Als Rebecca weggebracht wurde, stand ich mit der
New Jersey
weinenden Myra im Arm draußen. Tag stand mit Jaden, seinem Sohn, in der Tür. Beide sahen so …
zerbrechlich aus und Jaden fragte: ›Kommt Mom zurück, Dad?‹ Und Tag nickte feierlich.«
Beide Männer schwiegen einen Moment. Borning betrachtete seinen Freund, der mit starrem Blick sinnlos
im Lagerfeuer stocherte.
»Und?«, brach José gas Schweigen.
»Und was?«
»Kam sie zurück?«
»Oh ja, mein Freund, sie kam zurück. Und wie. Sie war in der ersten Internierungswelle in der Cannery
Road.«
Haciendo sog erschrocken die Luft ein.
»Oh Mann, wie übel. Ich habe Geschichten von einem angeblichen Überlebenden gehört.«
Er schüttelte sich.
»Er hat was von einer Befreiungsaktion gefaselt. Eine Aktivistengruppe hat angeblich mit automatischen
Waffen ausgerüstet das Camp überfallen.«
Borning nickte.
»Idioten. Die sind da rein, haben um sich geschossen und ihre ›kranken und verängstigten Brüder und
Schwestern‹ in die Arme genommen.«
»Echt? Wie kann man nur so bescheuert sein?«
»Neo-Greenpeace hatte nichts Nennenswertes mehr zu schützen und Wikileaks war nach dem Tod von
Assange nur noch ein Komikerverein. Also haben sie sich zur ›Aufklärungsfront gegen
Regierungsverbrechen‹ zusammen getan. Wenn ich keine Wale mehr schützen kann, dann muss ich eben
anderes Unheil anrichten.«
José hatte sich eine Zigarette angezündet und bot seinem Gegenüber auch eine an.
»Du bist ziemlich gut informiert.«
»Mein Job. Ich war Sicherheitsberater bei einem Food-Konzern. Jedenfalls haben diese Irren mit den
Wandlern Rudelkuscheln gemacht. Am nächsten Tag gab es ungefähr fünfzehntausend neue Biester.«
José ließ genießerisch den Rauch aus der Nase strömen.
»Und … Rebecca?«
Bornings Augen wurden dunkler.
»Sie kam zurück zu Taggard, drei Tage nach dem Ausbruch. Es zieht die verdammten Wandler immer
zurück zu ihren Familien. Alle Medien haben über den Ausbruch und die Wandler berichtet. Welche Gefahr
sie darstellten.«
Er schwieg und sog energisch an seiner Zigarette, sah Haciendo mit wütenden Augen an.
»Tag hat ihr mit einer Schrotflinte …«
Bornings Stimme brach. José sah ihn mitfühlend an. Borning schluckte ein paar Mal, fuhr dann mit rauer
Stimme fort: »Er hat sie zu spät erwischt, sie hatte Jaden schon geküsst. Ich habe ihn gefunden. Er saß in
Jadens Zimmer, mit den beiden Leichen im Arm.«
José nickte und blickte betreten zu Boden.
»Ich verstehe.«
Er legte Borning eine Hand auf die Schulter.
»Aber du bist nicht so wie er geworden. Du wirkst noch so … menschlich.«
»Sei dir da mal nicht so sicher, Amigo.«
Ein unbehagliches Schweigen quetschte sich zwischen die beiden. José öffnete den Mund, um etwas zu
sagen, doch die Erzählung Bornings ließ alle Worte dazu fadenscheinig und hohl wirken. Er setzte erneut
an.
»Und … Myra?«
Borning lachte zornig auf.
»Pah! Verlassen hat sie mich! Weil ich nicht mit ihr in das Flüchtlingscamp nach San Francisco gehen
wollte. Tag und ich wollten nach New Jersey. Irgendwo auf den Inseln vor der Küste gibt es ein Camp,
das sicher ist. Myra nannte uns Spinner, weil wir quer durch das Land wollten. Keine Ahnung, ob sie noch
lebt oder bei den Unruhen 2029 in Frisco umgekommen ist. Ist mir auch egal.«
Die Bitterkeit, die seine Worte durchtränkte, erzählte die ganze Wahrheit über den letzten Satz. José legte
ihm mitfühlend eine Hand auf die Schulter.
»Wandler!«
New Jersey
Jonessey rannte, den Schrei immer wieder ausstoßend, den Hang hinab, den er kurz zuvor hinauf
gegangen war.
»Hunderte. Hinter den Hügeln.«
Jonessey rannte so schnell, das sein gelegentliches Straucheln durch die pure Geschwindigkeit immer
wieder ausgeglichen wurde. Taggard sprang auf und rannte zu den Versorgungskisten, die neben den
Zelten aufgestapelt waren.
»Los, los, los. Borning, Zelte abbauen. José, du hilfst mir. Der Priester hilft Borning. In fünf Minuten ist
Abmarsch. Ich wusste es, verflucht. Wir hätten New Orleans umgehen sollen.«
Jonessey erreichte schnaufend das Camp. Borning wies ihn wortlos an, das zweite Zelt abzubauen.
Hundertfach getane Handgriffe ließen die Zelte innerhalb von dreißig Sekunden zu Häufchen aus
Synthetikfasern und Sturmleinen werden.
»Rapido, rapido, Jungs. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit«, trieb sie Taggard lautstark an, während er
mit José Kiste um Kiste in die Jeeps hievte.
Jonessey keuchte immer noch.
»Verdammt, Priester, du musst unbedingt abnehmen. Wie schaffst du das nur, bei den paar Kalorien am
Tag so einen Bauch zu halten?«
»Guter Kostverwerter. Und nenne mich nicht Priester, Graukopf.«
Borning zuckte kurz zusammen. Es stimmte, er war mit fünfundfünfzig der Älteste der Gruppe, fast
fünfzehn Jahre älter als Jonessey. Aber er war immer noch in Topform, im Gegensatz zu dem jungen
Schnösel vor ihm, dessen rundes, glattes Gesicht unter den strubbeligen blonden Haaren vor Schweiß
glänzte.
»Los, ab mit den Zelten in die Autos«, knurrte er.
Taggard wuchtete die letzte Kiste in das vordere Auto und schloss die Hecktür.
»Aufsitzen«, brüllte er.
»Verdammter Kommisskopf«, murmelte José, als er zu Jonessey in den Wagen stieg, während Taggard
und Borning den anderen Jeep besetzten. Seit Jonesseys Sprint den Hügel hinunter waren keine fünf
Minuten vergangen.
»Was hast du da hinten gesehen, Priester?«
Jonessey sah stur auf den Weg vor ihnen.
»Wandler. Massen von ihnen.«
»Massen?«
»Bestimmt zwei- oder dreihundert. So was habe ich noch nie gesehen. Bestimmt hat sie der Rauchgeruch
des Feuers angelockt. Verdammt, ich habe gesagt, wir sind zu dicht an der Stadt.«
»Wagen zwei, kommen«, tönte es aus dem Funkgerät, von Knistern und Rauschen untermalt.
»Sprich lauter, ich kann dich kaum verstehen. Tag, kommen.«
»Der Herr möge verzeihen, dass wir nicht den Digitalfunk benutzen. Aber seit dem Zusammenbruch der
Zivilisation scheint es ein paar kleinere Probleme damit zu geben. Aber vielleicht funktioniert ja das
Mobilcon des werten Herrn?«
»Mensch, Tag, jetzt komm mal wieder runter. Kann ich vielleicht was für die Seuche? Jonessey hat mir
erzählt, dass Hunderte von Wandlern auf der anderen Hügelseite waren. Ziemlich ungewöhnlich, oder?«
Einen Moment drang nur statisches Rauschen aus Lautsprecher des Funkgerätes.
»Tag? Kommen.«
»Schon gut, hetz nicht so. Das ist wirklich seltsam. Wir waren doch mindestens drei Meilen von dem Kaff
weg. Was hat sie angelockt?«
»Jonessey hier meint, das Feuer.«
»Nonsens. Ich habe extra besonders trockenes Holz genommen. Noch ein Rätsel mehr.«
»Das wir vermutlich auch nicht werden lösen können. Wohin fahren wir jetzt?«
»Fünfzehn Meilen von hier gibt es laut Karte eine Wasserstofftankstelle. Unsere Tanks und die Batterien
sind fast leer.«
»Nur gut, dass wir keinen von den alten Benzinschluckern haben. Das Tankstellennetz war ja schon
ziemlich dünn.«
»Wir sollten uns beeilen, damit wir vor Sonnenuntergang dort sind. Habt ihr welche von den Dingern über
den Hügel kommen sehen?«
»Negativ. Dazu waren wir zu weit weg.«
»Mhm. Okay, fahren wir also zu der Tankstelle.«
New Jersey
»Sauber.«
Taggard hatte mit Schrotflinte im Anschlag das Gebäude betreten und nach allen Seiten gesichert.
»Hast du nicht gesagt, dass wäre eine Tankstelle, José?«
»Der Karte nach war es eine einfache Tankstelle mit Restaurant.«
José war genauso verwirrt wie die anderen der Gruppe. Was auf der Karte nur ein Punkt gewesen war,
entpuppte sich nun als eine Ansammlung von zehn Häusern und einem angrenzendem Trailerpark.
Die beiden durchsuchten systematisch Raum für Raum.
»Hier gibt es nichts, Tag.«
»Verdammt. Okay, lass uns zu den anderen zurückgehen.«
Es stimmt, dachte José, man merkt ihm den Exsoldaten ziemlich an.
Tag und er traten aus dem verlassenen Gebäude hinaus in den grellen Sonnenschein. Sie hatten jetzt
sechs der Gebäude erkundet, ohne jedoch auf irgendetwas Interessantes zu stoßen. Die
Wasserstoffbehälter des Depots waren fast leer, es hatte gerade gereicht, die Fahrzeugtanks aufzufüllen.
Jetzt standen die Jeeps an der Solarladestation, um die Batterien aufzuladen. Sie würden je nach Gelände
ungefähr zweihundertfünfzig Meilen weit kommen. Genug, um die nächste Station zu erreichen. Borning
machte sich allerdings Sorgen darum, dass der Wasserstoff aus den Tanks der Depots verdunstet sein
würde.
»Hey, Tag«, rief er in das Mikro des Funkgerätes.
»Was?«
»Was machen wir eigentlich, wenn uns der Wasserstoff ausgeht, bevor wir New Jersey erreichen?«
»Wir laufen. Frag nicht so bl… Was war das? José?«
»Si. Hast du es auch gehört?«
»Kam aus dem Haus da drüben. Als wäre eine Vase heruntergefallen oder so. Komm, lass uns nachsehen.
Nicht, dass uns eins dieser Dinger auflauert.«
Beide Männer überquerten vorsichtig die Straße. Vor der Haustür blieben sie stehen. José leckte sich über
die Lippe.
»Nach dir. Alter vor Schönheit.«
Tag grunzte. »Los, Gaucho, schwing deinen Arsch da rein. Ich decke dich.«
»Tag? Was ist los?«
Aufgeregt drang Bornings Stimme aus dem Handfunkgerät an Taggards Gürtel.
»Wir haben was gehört und gehen dem nach. Funkstille jetzt.«
Borning sah durch sein Fernglas wie José, dicht gefolgt und gesichert von Taggard, in das Haus ging.
»Wenn das mal gut geht …«
»Wird schon, Mann. Die beiden wissen, was sie tun. Überleben ja schließlich nicht erst seit gestern.«
Jonessey lehnte am vorderen Kotflügel des Jeeps und suchte die Umgebung mit einem Fernglas ab.
Borning starrte durch sein Fernglas auf die Tür, hinter der die beiden Männer verschwunden waren, und
wartete, was passieren würde.
»Hey, Tag, sieh mal.«
José deute auf eine Matratze, die in der Mitte des Raumes lag. Sie schien als Bett benutzt worden zu sein,
das Bettzeug lag als wirrer Haufen darauf. Daneben standen zwei Kanister Frischwasser und ein
Propangaskocher.
Taggard und José sahen sich an.
»Ob er noch hier ist?«
»Wer?«, fragte Taggard
»Dem die Sachen gehören. Sieht alles ziemlich neu aus. Ein Überlebender, der sich hierher geflüchtet
hat?«
»Schon möglich. Aber wo ist er?«
Die Männer sahen sich unbehaglich um und lauschten auf ein weiteres Geräusch.
»Tag?«
»Scheiße, Mann. Borning, ich habe Funkstille befohlen. José und ich haben uns fast in die Hose gepisst.«
»Seit wann bist du El Machismo Grande? Egal, ich wollte Euer Majestät nur davon in Kenntnis setzen, dass
eine Wandlerin vor der Tür steht.«
Das Geräusch des Durchladens von Josés Waffe hallte unnatürlich laut durch den Raum. Taggard ließ sich
blitzschnell auf den Boden sinken, heraus aus Josés Schusslinie, und drehte sich dabei Richtung Tür. Ein
New Jersey
Schweißtropfen rann über Taggards Nase und tropfte zu Boden. Der Lauf von Josés Waffe zitterte leicht.
Die Tür quietschte in den Angeln, als sie sich langsam öffnete. Eine blasse Hand griff um das Türblatt und
drückte die Tür weiter auf. Die Männer hoben die Gewehre. Die Tür wurde vollends aufgestoßen und eine
Frauensilhouette wurde im Gegenlicht sichtbar.
»Halt!«
Mit einem dumpfen Geräusch setzte die Gestalt einen Fuß vor den anderen.
»Bleib stehen, verdammt!«
Schritt, Schritt, Schritt, einen Fuß vor den anderen.
Taggard und José rissen die Gewehre in Anschlag.
»Nein!«
Mit diesem Schrei warf sich etwas -jemand auf José und riss ihn zu Boden. Taggard schoss. Der Treffer
schleuderte den Kopf der Gestalt im Eingang nach hinten. Langsam fiel der Körper um, traf mit einem
feuchten Geräusch auf den Holzdielen auf.
»Ihr Schweine. Das war meine Schwester. Ihr verdammten Mörder.«
Taggard drehte sich und sah eine junge Frau, die auf Josés Gewehr hockte, das quer über seiner Brust
lag und dadurch seine Arme behinderte. Die Frau schlug wütend auf ihn ein, eine Lippe des Mannes war
bereits aufgeplatzt. Taggard trat hinter sie und schlug ihr den Gewehrkolben an den Kopf.
»Was macht sie hier?«
Jonessey zeigte auf die junge Frau, die im Schatten eines der Jeeps mit an das Kinn hochgezogenen
Beinen saß und mit leerem Blick vor und zurück wippte.
José zog ihn zur Seite.
»Taggard und ich haben sie in einem der Häuser gefunden. Wir haben ihre Schwester erschossen.«
»War ein Wandler«, fügte er auf Jonesseys entsetzten Blick hinzu.
»Taggard hat dem Mädchen den Gewehrkolben überzogen, als sie mich angegriffen hat. Seit sie wach
geworden ist, benimmt sie sich so.«
»Und jetzt?«
»Warten wir, bis sie mit uns spricht. Und ob noch mehr Wandler hier sind. Klingt ein bisschen seltsam,
dass sie mit ihrer Schwester rumzieht, wenn die ein Wandler ist, oder?«
Jonessey zuckte mit den Schultern und sah zu den Jeeps hinauf.
»Könnt ihr etwas sehen?«, rief er zu Taggard und Borning, die auf den Wagendächern standen und die
Umgebung nach weiteren Wandlern absuchten, die möglicherweise durch den Schuss angelockt worden
waren.
»Nichts. Wir scheinen Glück zu haben«, rief Taggard nach unten.
»Wie heißt du?«, fragte José die Frau.
Sie wippte weiter vor und zurück.
José schaute einen Moment voller Mitgefühl auf sie herab, dann setzte er sich neben sie und legte eine
Hand auf ihre Schulter.
»Hallo. Ich bin José. José Haciendo. Ich komme aus Guadalupe. Das ist in Mexiko. Wie heißt du?«
Vor und zurück. Vor und zurück. Wie ein Metronom.
»Lebst du hier, oder warst du nur auf der Durchreise?«
Vor und zurück. Vor und zurück.
»Ich … Weißt du, die Frau, die wir in dem Haus erschießen mussten … Das war eine Wandlerin. Weißt du,
was das ist?«
Vor und zurück. Vor und zurück.
José blickt hilflos zu Jonessey hoch. Der schüttelte leicht den Kopf.
»Wandler sind gefährlich. Wenn sie einen kriegen dann … machen sie etwas mit einem. Man wird wie sie.
Sie verwandeln einen. Sie sind einen Moment klar, wenn sie dich verwandelt haben. Aber dann sind sie
wieder seelenlose Monster. Viele überleben die Wandlung nicht, weißt du? Darum mussten wir sie töten.
Verstehst du?«
Vor und zurück und vor und zurück.
»Wir mussten uns schützen.«
Vor. Und zurück. Und dann sprang sie mit zu Krallen gekrümmten Fingern auf José los. Sie kreischte.
»Ihr verdammten Schweine. Ihr Dreckslöcher. Ihr habt Marjorie einfach abgeknallt. Sie hatte euch doch
nichts getan.«
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José entging ihren zuhackenden Fingern nur knapp.
»Beruhige dich.«
»Ihr Arschlöcher. Ihr verdammten, Gewehr schwingenden Testosteronschweine. Lass deine verfickten
Finger von mir, du Bastard. Argh!«
José hatte seine Arme um die wild um sich schlagende Frau geschlungen und hielt sie nun eisern fest.
»Lass mich.«
Ihr Gekreische ging in ein haltloses Schluchzen über.
»Meine Schwester. Ihr Mistkerle.«
Tränen liefen über ihr Gesicht. Ihre Schläge wurden immer schwächer. Schließlich klammerte sie sich Halt
suchend an José und wurde von abgrundtiefen Weinen geschüttelt.
»Ihr Schweine«, flüsterte sie.
Das Feuer brannte klein genug, um fast unsichtbar zu sein, und heiß genug, um zu wärmen. Eingerahmt
wurde es von den Jeeps, zwischen denen je ein Zelt stand.
Jonessey patrouillierte um das Lager, während die drei anderen am Feuer saßen und darauf warteten,
dass die junge Frau das Wort ergriff. Sie hatte wieder die Knie ans Kinn gezogen und starrte in die Glut.
Taggard räusperte sich.
»Du hast uns erzählt, dass ihr in Albuquerque wart, als alles den Bach herunter ging.«
Rachel nickte. Sie starrte weiter in die Flammen, als sie mit ihrer Erzählung fortfuhr.
»Majorie und ich waren auf der Durchreise nach Kalifornien.«
Sie lächelte melancholisch.
»Zumindest erzählten wir das allen, die uns fragten. In Wahrheit waren wir einfach gestrandet und hielten
uns mit irgendwelchen Jobs über Wasser, bis wir genügend Geld für die Weiterfahrt gespart hatten. Wir
wollten nach Hollywood. Wir waren ziemlich naiv.«
»Und … und wie wurde …«
José brachte den Satz nicht zu Ende. Rachel tat es für ihn.
»Wie Marjorie so wurde? Wir hatten in den Nachrichten von der Seuche gehört. Dass sie sich dramatisch
ausbreitete und es kein Gegenmittel gab. Die üblichen Parolen wurden ausgegeben.
Menschenansammlungen meiden, auf verwirrt wirkende Menschen nicht zugehen, nur in die
Öffentlichkeit, wenn es unbedingt sein muss. Was der Regierung immer einfällt, wenn sie nicht mehr
weiter weiß. Jedenfalls gingen Marjorie und ich nach unserer Schicht in einem Burgerschuppen nach
Hause zu unserem Motel. Es lag etwas außerhalb und war darum billig. Aber sauber. Wir waren fast dort
als …«
Tränen liefen Rachels Wangen hinab und ihre Stimme klang, als sei sie aus hauchdünnem Glas gefertigt,
das unter der Spannung jeden Moment brechen konnte.
José setzte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. Sie blickte kurz auf, atmete tief ein
und fuhr dann fort:
»Marjorie erzählte gerade einen Witz und wir beide mussten so lachen, dass wir die Umgebung nicht im
Auge hatten. Ein Mann kam aus einer Seitenstraße auf uns zu, und bevor wir reagieren konnten, hatte er
Marjorie schon gepackt und geküsst. Ich dachte im ersten Moment an eine Vergewaltigung, besonders,
als der Kerl begann, zu lachen. Doch er machte keine Anstalten, Marjorie zu Boden zu bringen.«
Sie stockte wieder. Ihre Hände krampften auf und zu. Sie gab sich einen Ruck.
»Ich nahm meine Handtasche und schlug sie ihm gegen den Kopf. Er kippte um wie ein Baumstamm.«
»Ich wusste es. Damenhandtaschen sind tödliche Waffen.«
Jonesseys schwacher Scherz lockte nicht einmal ein geheucheltes Kichern hervor.
»Ich zog Marjorie mit mir und rannte so schnell es ging zum Motel. Marjorie setzte sich aufs Bett. Sie
stand unter Schock, dachte ich mir, sie war völlig teilnahmslos. Ich flößte ihr etwas von dem Scotch ein,
den wir für die besonders schlimmen Stunden in Reserve hielten. Aber auch das hatte keinen Erfolg. Ich
empfahl ihr, sich hinzulegen und sie folgte meinen Worten, als sei sie willenlos. Sie schlief sofort ein. Ich
konnte nicht schlafen und sah stattdessen eine Nachrichtensendung nach der anderen. Dazwischen eine
aktuelle Zusammenfassung, was bisher über die Seuche bekannt war. Nur deshalb geriet ich wohl nicht in
absolute Panik, als Marjorie Blut und Schleim wie ein Wasserfall auskotzte.«
Die Männer schluckten hart und vernehmlich. Schließlich brach Borning das ungute Schweigen, das sich
ausgebreitet hatte.
»Was hast du dann gemacht?«
New Jersey
Rachel strich sich hektisch durch die Haare. Die Vergangenheit hatte sie ganz in ihren gichtigen Klauen
und das erlebte Grauen spiegelte sich in ihrem Gesicht.
»Ich ließ sie kotzen, bis nichts mehr kam. Dann fesselte ich ihre Hände auf den Rücken und machte sie
notdürftig sauber. Dann knackte ich eines der Autos auf dem Parkplatz.«
Sie lächelte flüchtig.
»Eine Fähigkeit, auf die man nicht besonders stolz sein kann, oder?«
»Aber nützlich«, kam es von José
Rachel schluckte neuerliche Tränen hinunter, bevor sie laufen konnten.
»Ich zerrte Marjorie in das Auto, schmiss ein paar von unseren Sachen hinterher und fuhr los. Ich hatte
kein Ziel, wollte nur weg von dieser Scheiße. Dann hörte ich den Aufruf des Lagers in New Jersey. Dort
würde man meiner Schwester sicherlich helfen können, auch wenn es bis jetzt keine Hilfe gab. Aber es
gibt immer eine Lösung. – »Oder?«, fragte sie in das lastende Schweigen hinein. »Schließlich gab unser
Wagen den Geist auf, als wir noch fünf Meilen von hier weg waren.«
Ihre Stimme wurde hart und spröde. »Ich trieb meine Schwester vor mir her wie ein Vieh, mit einem
Stock. Ihre Hände waren immer noch gefesselt, so viel Angst hatte ich. Aber ich konnte sie doch nicht
alleine lassen. Sie war meine Schwester. Wir hatten doch bisher alles gemeinsam durchgestanden, also
auch das hier.«
Sie schlug mit der flachen Hand auf den Boden.
»Und wie ging es weiter, nachdem deine Schwester und du hier Unterschlupf gefunden hatten?« Taggard
ließ nicht locker.
»Rachel, wenn dich das zu sehr belastet, dann sprechen morgen weiter«, sagte José.
Rachel schüttelte den Kopf. »Nein, ist schon gut. Als Marjorie und ich hier ankamen, richtete ich uns ein
Lager in dem Haus ein, in dem ihr uns aufgespürt habt. Marjorie bekam ein eigenes Zimmer, das ich
abschließen konnte. Ich gab ihr jeden Tag Essen und Wasser und wartete, dass sich ihr Zustand
besserte.«
Taggard schnaubte verächtlich.
Rachel schaute hoch.
»Was ist daran lächerlich? Dass ich meine Schwester nicht aufgeben wollte? Zu ihr gehalten und sie
beschützt habe?«
»Beschützt?«
Taggard hatte sich ungläubig aufgesetzt.
»Beschützt? Dieses … dieses …«
»Marjorie. Nenn meine Schwester gefälligst beim Namen, Mörder.«
Taggards Gesicht wurde bleich, sichtbar selbst im roten Schein des Feuers.
»Sei dankbar, du blöde Kuh. Früher oder später hätte sie dich erwischt und geküsst. Sie hätte dir die
Seele ausgesaugt. Du wärst genauso wie sie geworden«, sagte er heiser vor Wut.«
»Woher willst du das wissen? Du kanntest sie doch gar nicht«, schrie Rachel. »Sie war der sanftmütigste
Mensch, den ich kenne. Nie hätte mir nie etwas angetan.«
»Warum hast du sie nachts eingeschlossen?«
José hatte die Frage mit ruhiger Stimme gestellt. Ihre Wirkung war wie ein Schlag mit der flachen Hand
ins Gesicht. Rachels Mund arbeitete, als sie nach Worten suchte, Worte der Rechtfertigung, der
Verteidigung. Schließlich kniff sie ihren Mund zusammen und drehte sich weg. Tränen glitzerten in ihren
Augenwinkeln. Schweigend sahen die Männer, wie Jonessey zum Feuer kam.
»Deine Schicht, Borning.«
»Ich gehe«, sagte Taggard und erhob sich.
»Du kannst nach mir gehen, Borning.«
Taggard nahm seinen Patrouillengang um das Lager auf.
Rachel schaute die verbliebenen Männer über die Schulter an.
»Was … was meinte er damit, dass die Wandler die Seele aussaugen?«
»Das erklärt dir am besten unser Priester hier.«
Borning klopfte Jonessey auffordernd auf die Schulter.
»Ich bin kein Priester, verdammt.«
»Aber du benimmst dich wie einer. Also los.«
Jonessey räusperte sich.
»Wie vertraut bist du mit dem Konzept der Seele, Rachel?«
New Jersey
Rachel sah ihn stumm an.
»Wir wissen nicht, woher die Wandlerseuche kommt, was sie wirklich ist. Niemand weiß das. Ebenso
wenig wie niemand weiß, was die Wandler mit ihren Opfern machen. Wir wissen nur, dass, wenn sie dich
erst einmal in ihren Fängen haben, jede Hilfe vergebens ist. Sie pressen ihren Mund auf den ihres Opfers
und dann …«
Jonesseys Stimme verlor sich in der Vergangenheit, die ihn seine blicklosen Augen sehen ließen. Was
auch immer dort passiert war, es holte Jonessey gerade ein. Borning stieß ihn an. Jonesseys Augen
wurden wieder klar.
»Jedenfalls berichten alle Zeugen dasselbe. Nachdem die Wandler ihre Beute … ausgesaugt haben,
werden sie für einen kurzen Moment wieder menschlich. Ihre Gesichter leuchten auf, teilweise beginnen
sie zu lachen und zu tanzen. Und dann, von einer Sekunde zur anderen, sind sie wieder die seelenlosen
Körperhüllen, die sie vorher waren. Nur mit dem Unterschied, dass sie einen weiteren Menschen in den
Abgrund gerissen haben. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Wandler ihren Opfern alles nehmen,
was einen Menschen ausmacht, Gefühle, den Lebenswillen, ein Ziel. Außer dem Trieb, anderen das zu
nehmen, was ihnen fehlt. Die Seele.«
Rachel blickte ihn mit schief gelegtem Kopf eine Weile an.
»Du spinnst«, sagte sie dann.
»Ach ja?«
Jonessey richtete sich empört auf.
»Ach ja? Du hast natürlich eine bessere Erklärung, nicht wahr? Eine ›rationale‹ Erklärung,
wissenschaftlich, nicht wahr? Ein Virus, der die Menschen befällt und sie ziellos herumlaufen lässt, bis sie
verhungern oder verdursten.«
»Natürlich. Welche andere vernünftige Erklärung soll es denn sonst geben?«
»Der Herr straft uns, weil wir sündig sind und das Geschenk seines Sohnes nicht angenommen haben. Wir
müssen zurückfinden auf seinen Weg. Keusch und nach seinen Geboten leben und«, seine Stimme
überschlug sich fast, als er anklagend mit einem Finger auf Rachel zeigte, »nicht schamlos der
Promiskuität anheimfallen.«
Rachel Gesichts wurde völlig ausdrucklos, ebenso wie ihre Stimme.
»Was meinst du damit … Priester?«
»Jetzt beruhigt euch mal, ihr beiden«, ging José dazwischen. »Wir haben wichtigere Probleme.«
Rachel starrte Jonessey weiter mit ausdrucklosem Gesicht an. Bevor der jedoch ihre Frage beantworten
und sie weiter provozieren konnte, fuhr José mit lauter Stimme fort: »Lasst uns lieber überlegen, wie es
weitergehen soll. Hier lassen können wir Rachel nicht. Mitnehmen wird aber auch schwer, weil wir nicht
auf fünf Reisende eingestellt sind.«
Rachel sog scharf die Luft ein. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt mit euch mitfahren sollte.«
»Es wird sich schon eine Lösung finden«, sagte Taggard aus dem Dunkel heraus. Die drei Männer sahen
sich überrascht an.
»Und welche?«, fragte Borning.
»Wir werden das Notwendige hier in den Häusern schon finden. Sie wird abwechselnd in einem der
Wagen fahren.«
»Und wenn sie gar keine Lust dazu hat?«, kam es schnippisch von Rachel, die Jonessey unverhohlen
wütend anstarrte.
»Dann bist du in ein paar Wochen tot. Oder eine Wandlerin. Was auf dasselbe hinausläuft«, kam es aus
der Dunkelheit.
Langsam rollten die beiden Jeeps durch die Straßen der Stadt. Die Geräusche der Natur, die sonst in der
Melange der Großstadtgeräusche aufgelöst worden waren, wirkten falsch auf die Menschen, die alle nur
an betriebsame Städte gewöhnt waren. Man sollte im Zentrum einer Großstadt keine Vögel singen hören.
Es fühlte sich falsch an. An einer Wasserstoffstation blieben die beiden Fahrzeuge stehen. Nichts regte
sich in unmittelbarer Umgebung.
»Wo sind sie nur?«
Jonessey blickt angespannt in alle Richtungen.
Borning saß neben ihm auf dem Beifahrersitz und suchte mit einem Feldstecher die hohen Gebäude vor
ihnen ab.
»Wenn sie Glück hatten, konnten sie entkommen. Wenn sie Pech hatten …«
New Jersey
Er zeigte stumm nach vorne auf eine Bushaltestelle, etwa hundert Meter von ihrem Standort entfernt, und
reichte seinem Nebenmann das Fernglas. Jonessey erkannte deutlich eine zusammengesunkene Gestalt,
aus deren aufgequollenem Bauch eine Krähe Brocken herausriss und verschlang.
»Ärgh. Wie ekelhaft«, entfuhr es ihm.
»Ich glaube, wir können aussteigen. Es scheint sicher zu sein.«
Borning öffnete die Tür und stieg aus. Er holte sein Gewehr und ging zum zweiten Jeep. Taggard war
ebenfalls ausgestiegen und kam ihm entgegen.
»Irre, nicht wahr?«, sagte er, bei Borning angekommen.
»Was? Dass zweihunderttausend Menschen verschwunden sind?«
»Das auch. Obwohl ich glaube, dass wir einen großen Teil von ihnen mumifiziert in ihren Wohnungen
finden. Nein, ich meine damit, dass sich das … Phänomen so schnell ausgebreitet hat, dass praktisch
nichts dagegen getan werden konnte. Überleg einmal. Wir sind fast dreitausend Meilen von Monterey
weg, wo der erste bekannt gewordene Ausbruch stattgefunden hat. Zwischen dem Ausbruch und dem
Bruch der Quarantäne des Internierungslagers lagen zwei Wochen. Also eigentlich genügend Zeit für die
Eierköpfe vom Militär, zumindest eine Ahnung zu entwickeln. Stattdessen bricht die Hölle los und die Welt
geht vor die Hunde. Das meinte ich mit irre.«
Während der letzten Worte war Taggards Stimme merklich lauter geworden.
Borning hob die beschwichtigend die Hände. »Beruhige dich mal. Wenn es wirklich ein Virus war, wie alle
vermuten, dann ist nichts Irres daran. Viren breiten sich schneller aus als schlechte Nachrichten.«
»Und wie erklärst du den Quarantänebruch? Das war ein von Militär und CDC abgeriegelter Bereich unter
einer UV-Glocke. Wie kann aus so einem Bereich ein Virus entkommen? Ganz zu schweigen von den
Tausenden Wandlern.«
»Vergisst du da nicht eine Kleinigkeit?«
»Das ›Befreiungskommando‹? Ganz im Gegenteil. Ich halte es für den Schlüssel.«
Borning zog die Augen misstrauisch zusammen.
»Was willst du damit sagen?«
»Ja, genau. Was willst du damit sagen?«, fragte José, der unbemerkt hinter Borning aufgetaucht war.
»Ist euch eigentlich nicht aufgefallen, dass die Regierung sich aus der ganzen Sache weitestgehend
herausgehalten hat? Ich meine, seit dem Hooverdamm-Desaster 2014 und dem völlig verkackten Einsatz
nach dem Superbeben 2018 in San Francisco, sollten die da oben doch wohl mit allen Mitteln eingreifen,
wenn eine neue Katastrophe droht. Haben sie aber nicht.«
Jonessey hatte sich zusammen mit Rachel zu dem Trio gesellt. Jetzt lachte er laut auf.
»Oh, bitte, Taggard. Nicht noch eine ›große amerikanische Verschwörung‹. Wer soll es denn diesmal
gewesen sein? Wieder die Illuminaten? Three Skulls? Neo-Greenpeace?«
Jonessey lachte weiter. Taggard sprang auf ihn zu und riss ihn an den Jackenaufschlägen zu sich heran.
»Jetzt pass mal auf, du Arsch«, zischte er Jonessey ins Gesicht. »Mir ist egal, wie du darüber denkst. Aber
diese Scheißseuche hat sich so schnell ausgebreitet, dass jemand nachgeholfen haben muss. Und nur
diese korrupten Schweine in D. C. hatten die Mittel dazu. Was ist denn mit dem verdammten CDC, hä?
Wenn sie es nicht gewollt hätten, hätte die Regierung es nicht so weit kommen lassen.«
»Es gibt keine Regierung mehr, Tag«, sagte Borning leise.
»Wer sagt das denn? Wer weiß denn, ob sie nicht ihre fetten Ärsche im Cheyenne Mountain in Sicherheit
gebracht haben und warten, bis sich alles beruhigt hat. Abwarten, dann als große Retter auftauchen und
wieder fest im Sattel sitzen.«
Taggards Stimme überschlug sich fast. Er schubste Jonessey weg und schlug die Hände vor das Gesicht.
»Wegen diesen Bestien sind Becky und Jaden tot«, schrie er. Immer noch die Hände ans Gesicht
gepresst, sank er schluchzend auf die Knie.
»Sie sind tot!«
Borning löste sich als erster aus der Starre und ging neben seinem Freund ebenfalls auf die Knie. Er nahm
den weinenden Mann in die Arme, wie ein Vater seinen Sohn.
»Tsch, tsch. Ist schon gut, Mann. Ist schon gut. Lass es raus. Komm, ich bringe dich zum Wagen. Du
ruhst dich aus, und wir anderen schauen uns mal um. Vielleicht finden wir ja noch etwas zu essen und
Treibstoff. Hey, vielleicht finden wir sogar ein paar Büchsen Bier? Wie wär das? Komm erst einmal mit.«
Borning zog den immer noch schluchzenden Taggard auf die Beine und führte ihn zum linken der beiden
Jeeps. Die Anderen sahen ihm betreten hinterher.
New Jersey
»Okay, Leute, wir haben einiges zu tun. Ich schlage vor, jeder schnappt sich ein Gewehr, und dann gehen
wir los.«
José hatte auffordernd in die Hände geklatscht und blickte sich in der Runde um.
»Wir sollten warten, bis Borning wieder da ist«, sagte Rachel mit einem unbehaglichen Unterton in der
Stimme.
»Da bin ich wieder. Tag schläft jetzt, nach einer Beruhigungsspritze aus dem Med-Kit. Ich habe die Türen
verriegelt, ihm kann also nicht passieren.«
»Hast du die Notentriegelung ausgeschaltet?«
»Yep, denke schon. Von den Wandlern wäre sowieso keiner schlau genug, das System auszulösen, José.«
»Also, lasst uns ausschwärmen. Wer geht mit wem?«
José sah fragend in die Runde.
»Ich gehe mit Borning.«
Jonessey nickte Borning auffordernd zu und ging in Richtung der Hochhäuser davon.
»Dann bleiben wohl wir beide als Paar über.«
Rachels Blick machte José schlagartig klar, was er da gerade gesagt hat. Er wurde rot.
»Äh … okay. Lass uns gehen. Nehmen wir uns die Tankstelle vor?«
Rachel nickte und ging mit energischem Schritt an ihm vorbei. Sie grinste.
»Okay, geh du vor, ich decke dich.«
Jonessey zeigte auffordernd mit dem Gewehrlauf auf die dunkle Höhlung der Eingangstür des
Wohnblockes vor ihnen. Es musste einst eine gute Wohngegend gewesen sein, zumindest wirkte das
Haus so. Jetzt war es nur noch eine Sammlung von Beton und Stahl. Borning nickte und betrat vorsichtig
den dunklen Schlauch, der sich an die gähnende Öffnung der Vordertür anschloss. Seine Schritte
knirschten auf Glassplittern und Putzbröckchen, die sich auf dem teuren Marmorboden angesammelt
hatten. Er zeigte nach unten.
»Keine Spuren«, flüsterte er.
Jonessey nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Sie durchsuchten den ersten Stock, ohne Erfolg.
Hier befanden sich nur Büro- und Abstellräume, keine Wohnungen.
»Also gut, ich denke, der Bau ist sauber. Wir haben keine Geräusche gehört und keine Spuren gesehen.
Wir sollten uns aufteilen, dann sind wir schneller fertig.«
»Davon halte ich nicht viel, Mann. Wenn hier doch irgendwelche Dinger herumschleichen, kann der eine
dem anderen nicht helfen.«
Jonessey wirkte nicht besonders glücklich bei der Aussicht, alleine durch ein unbekanntes Gebäude
streifen zu müssen.
»Ach was, Mann.« Borning war ganz Zuversicht. »Wir gehen immer um ein Stockwerk versetzt. Einer geht
nach links, einer nach rechts. Dann treffen wir uns in der Mitte. Wenn der andere nicht kommt, weiß der
Übriggebliebene, dass etwas faul ist.«
»Dann kann es aber zu spät sein.«
Wirklich überzeugt klang Jonesseys Protest aber nicht mehr.
»Du Schisser.«
Borning grinste und schlug ihm freundschaftlich auf die Brust.
Jonessey verzog das Gesicht. Dann grinste er.
»Okay, du Wiesel. Dann mal los. Du nimmst den dritten Stock, ich den zweiten.«
Er drehte sich um und marschierte zum Treppenhaus. Borning folgte ihm in die Düsternis des
Treppenschachtes.
»Wo bist du gewesen, Priester? Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ich müsste dich irgendwo aus einem
Loch ziehen.«
Jonessey stand leicht keuchend und mit rotem Gesicht vor Borning.
»Ich dachte ich hätte einen Vorratsschrank entdeckt. Als ich ihn endlich aufgebrochen hatte habe ich
gemerkt, dass ich zu spät dran bin und bin hierhin gerannt.«
»Und?«
»Und was?«
»War es ein Vorratsschrank?«
»Nö, Schuhschrank.«
New Jersey
»Was? Wer schließt denn seinen Schuhschrank ab?«
»Jemand, der Schuhe für zehntausend Dollar darin hat.«
Borning verdrehte die Augen.
»Also ein totaler Fehlschlag. Los, komm. Wir wollen mal sehen, ob die anderen mehr Erfolg hatten.«
Jonessey und Borning stiegen die lange Treppenflucht hinab und traten auf die sonnengegarte Straße
hinaus. Sie kniffen die Augen zusammen und gingen vorsichtig ein paar Schritte nach vorne.
»Verdammt«, fluchte Borning, »wir hätten Sonnenbrillen mitnehmen sollen.«
Jonessey antwortete nicht, sondern starrte an Borning vorbei auf die beiden Jeeps. Rachel und José
rannten aufgeregt um die Autos herum.
»Was ist los?«, rief er herüber.
Rachel lief in ihre Richtung. Sie sah verzweifelt aus.
»Er ist weg!«
»Wer ist weg?«
»Tag.«
»Wie, weg?«, fragte Borning begriffsstutzig.
Rachel stieß einen Seufzer aus. »Dein … Kumpel … Tag … weggegangen.«
Borning lachte. »Das ist unmöglich. Die Außensicherung war aktiv. Von innen kriegt man die Tür nicht
auf.«
Rachel zeigte auf den Wagen. »Dann sieh doch selbst. Kein Tag, weit und breit.«
Borning stieß sie zur Seite.
»Hey!«, rief sie ihm hinterher.
Borning ignorierte Sie und hastete zum Wagen. »Verdammt, wo ist er?«
Taggard war offensichtlich nicht da.
»Tag? Taggard, du Mistbock. Wo bist du?«
José legte ihm beschwörend eine Hand auf die Schulter. »Lass gut sein, Mann. Du lockst noch einen von
den Wandlern an.«
Borning schüttelte die Hand ab. »Tag? Tag, mein Freund.« Borning rief weiter und ging die Straße
hinunter. »Zeig dich, Kumpel. Wo bist du?«
Bornings Stimme hallte durch die stillen Straßen der Stadt und echote von den Häuserwänden wider.
»Ey, Scheiße, Mann. Jetzt halt den Rand. Der hört dich nicht, sonst hätte er schon geantwortet.«
Jonessey sah beunruhigt aus, als er Borning so anfuhr. Borning sah ihn zornig an und holte tief Luft.
»Tag?«, schrie er, »Taggster, alte Schnachn… Tag!«
Borning warf die Hände in die Luft und machte Anstalten, auf den aus einer Seitenstraße aufgetauchten
Taggard zuzulaufen.
»Ey, Mann …«
Jonessey streckte den Arm nach Borning aus.
»Lass mich. Tag! Hierher.«
»Mann, lass es. Da stimmt was nicht.«
Jonessey hielt Borning fest. Taggard kam mit langsamen Schritten auf sie zu. Keine Regung zeigte sich
auf seinem Gesicht. Borning wand sich auf dem Griff, mit dem Jonessey ihn festhielt.
»Mensch, Tag. Wo bist du gewesen? Sag doch was.«
»Runter!«
Rachel hatte geschrien, sie hielt ein Gewehr im Anschlag und zielte auf Taggard. Borning drehte sich
verwirrt zu ihr um.
»Was soll das?«
Der Schuss krachte in Bornings letztes Wort. Taggard wurde nach hinten geschleudert, Blut, Haare und
etwas anderes spritzten von seinem Kopf weg.
»Nein! Du Schlampe! Du hast ihn ermordet.«
Er stierte sie hasserfüllt an.
»Jetzt hast du deine Rache, nicht wahr? Weil er deine Schwester erschossen hat. Ich bringe dich um, du
Hure.«
Borning hatte sein Messer gezogen und stürzte sich auf Rachel, die ihn mit großen Augen anstarrte.
»Ich …«
»Borning, nicht!«
José stellte sich in Weg. Borning rammte ihn mit der Schulter und schleuderte ihn aus dem Weg.
New Jersey
»Irgendjemand muss die Tür aufgemacht haben, um an Taggard ranzukommen. Das kann keiner der
Wandler gewesen sein.«
»Das war sie«, schrie Borning, »um einen Vorwand zu bekommen, Tag abzuknallen.«
Er zeigte auf sie.
»Ich werde dich töten!«
Borning holte aus und zielte mit dem Messer. Jonessey fiel in Ohnmacht. Borning schleuderte seinen Arm
nach vorne und sah im selben Moment einen Gewehrkolben auf sich zurasen. Dann wurde es dunkel.
»Ah. Unser Dornröschen erwacht. Guten Morgen, Sonnenschein.«
Borning kam die Stimme vage bekannt vor. Sie schaffte es nur mäßig erfolgreich durch die Schmerzen,
die in seinem Kopf tobten. Etwas verklebte seine Augen. Er stöhnte.
»Ruhig, Alter. Ich wasche gleich dein Gesicht, dann geht es besser.«
Bornings Hand blieb an einem Hindernis hängen, als er sie zum Kopf führte. Etwas rasselte metallisch.
»Was?«
»Entschuldige die Handschellen. Du bist nicht ganz du selbst. Da hielten wir es für besser, dich ruhig zu
stellen.«
Langsam tauchte Borning aus dem Schmerzsumpf auf. Mit der schwindenden Schwäche kehrte der Zorn
zurück.
»Macht mich los«, knurrte er.
»Nö, Alter, das geht nicht. Du bist im Moment eine Gefahr. Für dich und uns.«
»Mach mich los, sofort. José, verdammt. Mach. Mich. Los.«
Er zerrte an seinen Fesseln.
»Nein, mein Freund. Du bist unberechenbar. Werde erst einmal wieder klar, dann können wir darüber
reden.«
»Dann mach verdammt noch mal mein Gesicht sauber, damit ich dich Wichser sehen kann.«
José gab ein trauriges Geräusch von sich, machte sich aber dann daran, Bornings Gesicht zu säubern.
Borning zuckte zusammen, als er an die Kopfwunde kam.
Als er fertig war, blinzelte Borning in der hellen Sonne, die ihm ins Gesicht schien.
»Wie … wie lange war ich weg? Hast du was zu trinken für mich?«
José hielt ihm einen Becher mit Wasser an die Lippen.
»Da. Du warst lange weg. Ich habe dich gestern mit dem Gewehrkolben außer Gefecht gesetzt. Ich hatte
schon Angst, ich hätte dich erledigt. Das wären dann drei Gräber gewesen.«
»Drei?«
José schwieg. Betroffenheit zog seine Mundwinkel nach unten. Er räusperte sich, dann sagte er mit
belegter Stimme: »Ich war zu langsam. Du hast Rachel erwischt. Direkt ins Herz. Sie war sofort tot.«
Trauer dunkelte seine Stimme ein, doch da war noch etwas anderes, eine Wut, die durch die Trauer nur
wenig kaschiert wurde.
Borning nickte. »Gut.«
Er hatte kaum ausgesprochen, als José seine Hand nach vorne schnellen ließen und sie um Bornings Hals
legte. Er drückte zu.
»Du Killer«, zischte er. Seine Augen waren rot umrändert und schwarz vor Wut.
Bornings Augen quollen langsam hervor. Er röchelte.
»Du hast Rachel ermordet, obwohl sie deinen verdammten Arsch gerettet hat«, spie ihm José in einer
Speichelwolke ins Gesicht. Seine zweite Hand schloss sich nun ebenfalls um Bornings Hals. Die Muskeln
an Josés Hals zeichneten sich als dicke Wülste unter der Haut ab.
»Taggard hätte dir die Seele ausgesaugt, wenn Rachel ihn nicht gestoppt hätte.«
Tränen liefen an seinen Wangen herab, während er sich auf den wild zappelnden Borning legte. Die
Bewegungen des Gewürgten wurden immer schwächer.
»Ich habe dich als menschlich bezeichnet? Du hast uns nur besser geblendet als Borning.«
Seine Finger gruben sich tief in Bornings Halskuhle.
»Ich hätte eine Zukunft mit ihr haben können«, flüsterte José, den Blick in eine Zeit gerichtet, die es nicht
mehr geben konnte. Tränen liefen heiß an seinem Gesicht herab und tropften auf das violette Gesicht
seines Opfers.
Ein scharfer Geruch nach Urin zog ihn in das Jetzt zurück. Borning zappelte nicht mehr, ein dunkler Fleck
breitete sich in seinem Schritt aus. Die Zunge lag dick und aufgequollen in seinem Mund.
New Jersey
Josés Hände zuckten zurück. Ungläubig sah der Mexikaner auf den Toten hinab, auf die Augen, die sich
fast aus ihren Höhlen herausgedrückt hatten. Die Blutergüsse, die sich darunter gebildet hatten. Der
Speichel, der in einem dünnen Rinnsal aus einem Mundwinkel lief. Betrachtete die Hände, mit denen er
Borning umgebracht hatte.
»Was … Dios, no.«
José ließ sich neben dem Feldbett, auf dem der angekettete Leichnam Bornings lag, niedersinken und
rollte sich zu einer Kugel zusammen.
»No!«, schluchzte er immer und immer wieder.
Jonessey trat applaudierend hinter einem der Jeeps hervor.
»Sehr gut, mein Freund. Was für eine ergreifende Vorstellung.«
José sah aus tränenfeuchten Augen verständnislos zu ihm auf. Jonessey holte mit dem Gewehr aus,
Kolben voran.
»Schlaf gut, mein Freund«, hörte José noch, bevor das Universum ausgeknipst wurde.
»So«, sagte Jonessey, nachdem er José mit Handschellen an den Jeep gefesselt hatte.
»Jonessey, Mann, was soll das? Er hat Rachel ermordet. Ich musste es tun, Mann.«
»Wie? Ach so, das. Das ist nicht der Grund.«
»Nicht? Was dann?«
José zerrte an den Fessel, die klappernd durch die Öse sprangen, an der sie befestigt waren.
»Ich möchte nur verhindern, dass mein Essen wegläuft.«
José erstarrte.
»Nicht, was du jetzt denkst, Amigo. Ich werde dich hier nicht zerlegen und dann die Teile zubereiten und
verspeisen.«
José starrte ihn immer noch an.
»Man könnte sagen, ich bin eine Seelentrinkerin.«
Josés Blick blieb panisch, wenn sich auch eine unausgesprochene Frage hineinmischte.
»Oh, du meinst das hier?«
Jonessey strich sich mit einer Hand über den Körper, so als wollte er ein neues Kleid präsentieren. Er
grinste.
»Steht mir gut, nicht wahr?«
Er machte eine wegwerfende Geste.
»Lass dich von Äußerlichkeiten nicht täuschen. Ich hatte keinen anderen Wirt in Reichweite. Rachel wäre
eine passendere Hülle gewesen, aber Borning war leider zu impulsiv.«
José zerrte wieder an seinen Fesseln. Er stieß dabei kleine, panische Schreie aus. Blut lief aus seinen
aufgescheuerten Handgelenken seine Arme hinab.
»Tss, tss, tss. Bleib doch ruhig. Du hast sowieso keine Wahl.«
»Was willst du? Lass mich in Ruhe, ich habe dir nichts getan. Mach mich los!«
Jonessey betrachtete den Gefesselten vor sich mit ruhigem Gesichtsausdruck. »Wie ich schon sagte, ich
möchte nicht, dass mein Essen wegläuft.«
»Was soll der Scheiß, Mann. Du wirst mich nicht essen. Du nicht.«
Jonessey lachte. »Große Worte, Mann. Aber wie ich dir auch sagte, werde ich keine Teile deines Körpers
essen. Nur deine Seele.«
»Du bist verrückt, Mann«, flüsterte José.
»Nein, das nicht. Nur hungrig. Taggard war dicht dran. Die Wandler saugen tatsächlich die Seele ihrer
Opfer auf. Zumindest das, was man biochemisch unter einer Seele verstehen könnte. Ich weiß das, ich
tue dasselbe. Aber sie können die Essenz nicht verarbeiten. Darum werden sie nach ein paar
Augenblicken wieder wie vorher. Ihnen fehlt etwas, das ich habe.«
»Was redest du da?«
»Meine Rasse ist schon alt. Sehr alt. Wir bewegen uns seit Jahrhunderten unter euch Menschen. Und wir
nähren uns an euren Seelen.«
»Du bist loco, Mann. Total loco.«
»Tja, wenn du dir das einredest, wird es vielleicht wahr. Hast du schon mal von Dracula gehört? Sicher
hast du das. Ein genialer Schachzug von Stoker. Alle Welt glaubt nun, Vampire wären bloße
Sagengestalten. Geschöpfe der Nacht, die ihren bedauernswerten Opfern das Blut aussaugen. Ich bin
sicher, er hat seinen Spaß daran.«
New Jersey
»Wieso hat? Der Typ ist doch schon längst tot, oder?«
»Das soll die Welt glauben. Mein Volk ist recht langlebig. Wir tarnen uns mit immer neuen Identitäten. Wir
halten uns im Verborgenen und jagen nur so viel, wie wir zum Überleben brauchen. Aber jetzt … Es ist
etwas passiert. Etwas, dass wir nie für möglich gehalten hatten.«
»Und was soll das sein? Du hast zu viele Horrorromane und zu viel Sonne abbekommen.«
»Du armer Spinner. Du glaubst immer noch, ich würde nur fantasieren.«
Jonessey verengte die Augen zu Schlitzen.
»Selbst wenn es so wäre, wärst du immer noch in Gefahr. Ich wollte immer noch deine Seele essen.«
José lief der Schweiß über das bleiche Gesicht.
»Jonessey, Kumpel. Jetzt sieh doch mal. Ich bin es, José, dein Amigo. Dein Compradre. Komm, mach
mich los.«
Jonessey winkte ab.
»Du glaubst immer noch, mich mit menschlichen Maßstäben messen zu können. Wie süß. Ich bin kein
Mensch, Amigo, auch wenn ich so aussehe. Also langweile mich bitte nicht damit, mich wie einen zu
behandeln. Du darfst dich wie ein Mensch benehmen. Du darfst fluchen, schreien, toben, weinen, nur zu.
Es wird nichts ändern. Nichts, was du sagst, wird mich davon abhalten, deine Seele zu trinken.«
»Was soll dieser Schwachsinn mit dem Seelentrinken? Bist du high? Hast du Stoff gefunden und
geraucht?«
»Das wäre für dich natürlich gut. Dann hättest du Hoffnung, ich wäre nur drauf und würde früher oder
später wieder normal. Pech, José, dass ich normal bin. Und was das Seelentrinken angeht, so ernähre ich
mich.«
José sank in sich zusammen.
»Du bist wirklich verrückt. Ich bin einem Verrückten ausgeliefert.«
»Ich habe dir ja schon erzählt, dass meine Rasse Jahrhunderte lang unter euch Menschen lebt. Wir haben
euch gejagt, uns von euch ernährt. Ihr wart ein gutes Wild, schlau, scheu, nicht leicht in die Falle zu
locken. Es war toll. Wir waren die Herren eures Lebens.«
»Mach endlich ein Ende. Dein Geschwafel ödet mich an.«
»Oha, der tapfere José Haciendo bittet um den Tod. Warte einen Moment, mein Freund. Ich möchte dir
noch etwas sagen. Wir waren die Herren eures Lebens, auch wenn wir im Verborgenen geblieben sind.
Wir haben eure Geschicke gelenkt, eure Geschichte gemacht. Die Three Skulls, die Illuminaten, wie sie
alle heißen, sind tatsächlich die heimlichen Herren der Welt. Und alle haben einen Ursprung: uns. Meine
Rasse hat nicht einmal einen Namen, trotzdem gehört uns das alles.«
Jonessey machte eine Geste, die die ganze Welt umfasste. Er schaute plötzlich traurig.
»Wir hatten ein gutes Leben. Ihr hattet ein gutes Leben. Aber dann begannt ihr, uns zu entgleiten. Wir
konnten euch nicht mehr kontrollieren. Der Korea-Konflikt 2011 war eine einzige Katastrophe für uns. Wir
konnten zwar den Krieg verhindern, aber den Irankonflikt mussten wir dafür eskalieren lassen. Drei
Millionen Tote. Drei Millionen verlorene Seelen. Was für eine Schande. So viel gutes Essen verschwendet.
Jedenfalls seid ihr Menschen auf dem besten Wege gewesen, euch selber auf die Liste der aussterbenden
Arten zu setzen.«
Er zwinkerte José zu.
»Das konnten wir natürlich nicht zulassen. Also haben wir uns ein Festmahl gegönnt. Eine Fressorgie ohne
Gleichen. Ganze Städte haben wir entseelt. Wir haben die Zivilisation zusammenbrechen lassen.«
»Aber …«
Jonessey winkte geziert mit der Hand ab.
»Das war doch gar nichts. Ein ausgeschaltetes Kraftwerk hier, ein ausgefallener Internetknotenpunkt dort
et voilà. Taggard hatte eine verdammt gute Nase. Wir haben die Regierungen ganz schön dumm
dastehen lassen.«
»Aber was …«
José Stimme versickerte förmlich in der warmen Abendluft.
»Unser Beitrag zur Lösung des Problems der Überbevölkerung. Wir müssen jetzt nur noch warten, bis der
Bestand auf ein gesundes Maß geschrumpft ist. Dann sammeln wir die Reste ein und beginnen ein
Zuchtprogramm.«
»Jetzt haben wir den Beweis. Du bist total durchgeknallt. Das hast du doch alles aus einem schlechten
Science-Fiction-Roman. Seelen trinken, pah. Alles Schwachsinn. Okay, du hast deinen Spaß gehabt. Lass
uns wie vernünftige Menschen miteinander umgehen. Mach mich los, ich bringe keine Leute mehr um.«
New Jersey
José streckte seine gefesselten Hände bittend nach vorne. Jonessey betrachtete ihn einen Moment lang
nachdenklich. Dann lächelte er.
»Du hast recht. Sogar zweimal. Du wirst bestimmt keine Leute mehr umbringen. Und ja, das war alles
Schwachsinn, was ich dir erzählt habe. Über die alte Rasse, über die Fressorgie und dass wir die Welt in
Wahrheit regieren.«
José nickte. »Wusste ich’s doch.«
»Aber es klang doch toll, oder?«
José schnaubte nur.
Die Abendsonne tauchte die Szenerie in ein rostiges Licht. Jonessey erhob sich und schlenderte auf den
Gefesselten zu. José hob die Hände in Erwartung des Schlüssels, der seine Fesseln lösen würde.
Jonessey grinste. José wurde unruhig.
»Mein Lächeln erschreckt dich, Amigo, nicht wahr? Zu viele Zähne. Siehst du, nicht alles war
Schwachsinn. Ich habe wirklich keine Ahnung, was da in der Welt vorgeht. Woher die Seuche kommt, und
wieso sich die Wandler so komisch benehmen.
Ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte. Möchtest du sie hören?«
»Machst du mich dann endlich los?«
»Danach? Aber klar.«
»Okay«, seufzte José, »dann leg in Gottes Namen los.«
Jonessey setzte sich gemütlich hin.
»Sehr schön. Also: Wie ich dir schon gesagt habe, und das ist wirklich die Wahrheit, bin ich eine
Seelentrinkerin. Selbst nach den Maßstäben meiner Rasse bin ich weiblich. Rachel war ein perfektes
Gefäß. Gut aussehend genug, um Opfer anzulocken, schwach genug, um den Beschützerinstinkt
auszulösen.«
Jonessey lächelte José anzüglich an und streichelte seine Wange.
»Oh, schau mal. Der Kleine wird ja richtig rot. Na, nun komm, du fandest Rachel doch auch
außerordentlich superb, oder?«
José drehte den Kopf weg. Jonessey lachte.
»Na gut, mein Hübscher. Also, ich bin eine Seelentrinkerin. Ich sauge meiner Beute mit einem Stachel
durch das Gaumendach wichtige Enzyme und Botenstoffe aus dem Stamm- und Kleinhirn. Jetzt mach
nicht so angeekelte Geräusche. Ihr Menschen esst lebende Austern und saugt das Mark aus Knochen.
Also wirklich. Jedenfalls gibt es meine Rasse wirklich schon sehr lange. So lange, das es eine angepasste
Evolution zu deiner Spezies gibt. Wir wandern von Wirt zu Wirt und durchstreifen einsam die Welt. Es gibt
nicht mehr viele von uns, weißt du?«
»Soll ich jetzt heulen?«
»Ein bisschen Mitleid täte schon gut. Aber egal. Jedenfalls bewirkt die Seuche, dass sich die Betroffenen
ebenfalls wie unsereins gebärden, nur ohne unseren Charme.«
Jonessey lächelte bezaubernd und klimperte mit den Wimpern.
José spuckte aus.
Jonesseys Lächeln zerbröselte wie ausgetrockneter Sand.
»Ich muss mich jedenfalls nicht mehr verstecken. Wenn ich Hunger habe, esse ich. Meine Beute fällt nicht
auf, es gibt schließlich genug Wandler und Leichen.«
»Warum hast du dich uns angeschlossen?»
»Naja, ich will wirklich nach New Jersey. Ich habe Angst, dass über kurz oder lang keine Beute mehr da
sein wird.«
»Aber dort wirst du wieder im Verborgenen leben müssen. Auf dem Festland hast du wenigstens deine
Freiheit.«
»Und verhungere in ein paar Monaten. Guter Versuch, José. Ich werde mir einen genügsamen Wirt
suchen, dann falle ich schon nicht auf.«
»Aber warum wir? Du brauchtest weder unseren Schutz noch unsere Gesellschaft.«
»Marjorie war nicht meine Schwester.«
»Häh?«
»Marjorie war mein Lebensmittelvorrat. Und da ihr mir den genommen hattet, musste ich mit euch
gehen.«
»Lebensmittelvorrat?«, quickte José.
Jonessey nickte.
New Jersey
»Yep. Wenn ich die richtige Menge treffe, dann bleibt die Beute am Leben und produziert den
Seelencocktail nach. Das geht über Wochen so. Irgendwann ist allerdings leider Schluss, dann brauche ich
eine neue Kuh.«
»Sind wir das für dich? Vieh, das du melken kannst?«
»Wenn ich es recht überlege … ja. Und ein amüsanter Zeitvertreib.«
»Du widerst mich an. Egal, ob du durchgedreht bist oder tatsächlich ein verdammter Vampir.«
»Vampir?«
Er strich nachdenklich über das Kinn.
»Vielleicht ist die Stoker-Theorie gar nicht so weit hergeholt. Meinesgleichen musste bisher seine wahre
Natur versteckt halten.«
Jonesseys Magen knurrte.
»Ach, verdammt. Dieser feiste Körper braucht unerhört viel Nahrung. Taggard war nicht viel mehr als ein
Snack. Seine Seele war übrigens ziemlich fade.«
Er grinste verschmitzt.
»Aber deine wird zuckersüß sein. Gib Küsschen.«
José strampelte mit den Beinen, in dem sinnlosen Versuch zu entkommen. Jonessey kam immer näher
und riss den Mund auf. Das Letzte, das José sah, war die zu einem Rüssel zusammengerollte Zunge, die
sich in seinen Mund schob und seine Schreie erstickte.

1 Kommentar :

  1. Ein Lesezirkel zur Geschichte findet sich hier:
    http://www.horror-forum.com/5529-vp-kg-lesezirkel-2011-frederic-brake-new-jersey.html

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