Jules B. Asches (Interview)


Michael Schmidt: Hallo Jules, stell dich doch der Horrorgemeinde vor.

Jules B. Asches: Hallo Michael, hallo liebe Horrorgemeinde, ich bin Jules, Kind der 80er, Mama einer kleinen Tochter – meinem kleinen Wölfchen – und arbeite als medizinische Illustratorin. Nebenbei stricke ich Wörter zusammen, am liebsten so, dass sie sich zu weirden Horror-, Dark Fantasy- oder Sci-Fi-Geschichten fügen.

Die Phantastik fasziniert mich besonders, weil sie psychologisch unheimlich spannend ist. Sie bietet einen geschützten Raum, in dem wir Themen und Gefühlen nachspüren können, die wir im Alltag gerne verdrängen (würden). Ich finde, das ist eine unheimlich wertvolle Qualität.

 


Michael Schmidt: Du bist mit Die Rückstrahlung aus der Cold Creeps Reihe für den Vincent Preis 2025 als Bester Roman nominiert. Kannst du uns kurz erläutern, was die Cold Creeps Reihe ist?

 Jules B. Asches: Klar, gerne. Die Cold Creeps Reihe wurde vom Dark Empire Verlag und Herausgeberin Mara Schwarzfels ins Leben gerufen. Ausgangspunkt war eine Ausschreibung: Gesucht wurden zwölf Horror-Kurzromane oder Novellen.

Schon Ende 2025 erschienen im monatlichen Turnus die ersten Geschichten. Jeder Band stammt aus einer anderen Feder und alle Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

Das Konzept hat mich an die klassischen Anthologie-Reihen meiner Jugend erinnert. Ich fand die Idee der Einzelbände sehr reizvoll, weil sie einen Blick in so viele Autor*innenköpfe erlauben: Es entwickeln sich ganz unterschiedliche Szenarien, und man merkt, wie vielseitig und persönlich Horror sein kann.

 Michael Schmidt: Worum geht es in Die Rückstrahlung?

 Jules B. Asches: So ganz im Kern? Um den Verlust des Selbst oder Selbstkonzepts. Ist es wie Sterben? Anders? Schlimmer? Oder hoffnungsvoller? Das Thema begleitet mich schon eine Weile.

In höheren Schichten geht es um Mara – die Namensähnlichkeit zur Herausgeberin war tatsächlich unbeabsichtigt –, die einem Brief ihrer Tante folgt und nach Jahren in die alte Heimat zurückkehrt, um dort nach ihrem verschollenen Vater Markus zu suchen. Zunächst findet sie nur wirre Skizzen, Spiegelsplitter und vergilbte Zeitungsausschnitte – Relikte eines Wahns, den sie längst begraben glaubte. Doch dann folgt sie seinen Spuren auf das Swartzhorn, den Berg auf den sie in Kindheitstagen oft mit ihm gewandert ist, und verstrickt sich dabei immer mehr in ein Netz aus Erinnerungen und düsteren Vorahnungen …

Michael Schmidt: Wie kamst du auf die Idee? Schlummerte die schon länger oder gab Cold Creeps den Anlass?

Jules B. Asches: Tatsächlich lasse ich mich gerne von Ausschreibungen inspirieren, hier hat mich vor allem das Format sehr gereizt, allerdings gab es keine konkrete Themenvorgabe. Demnach saß ich erst einmal vor einem weißen Blatt und wartete ab.

Wenn man das Nichts lange genug anstarrt, sieht man irgendwann die unendlichen Möglichkeiten, und dann ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis irgendetwas Konkretes hervortritt.

Am Anfang war da nur ein Bild: ein alter Kombi, der zu New-Wave-Klängen von einer abgeliebten Kassette, eine verlassene Bergstraße entlangfährt. Unten im Tal taucht ein See auf, gegenüber, ein Berg – riesig, massiv, einschüchternd. Ganz wie die Berge, an die ich mich aus Wanderurlauben in meiner Kindheit erinnere. Und ich wusste, der ist durchzogen von Höhlen, die unendlich tief reichen, bereit, einen zu verschlucken. Dann stand da ein Satz: „Markus war hier!“ und plötzlich saß eine junge Frau hinter dem Lenkrad. Mara.

Von diesem Punkt aus, habe ich mich einfach mitziehen lassen. Ich bin eine entdeckende Schreiberin, und war selbst ganz gespannt, wohin die Reise geht.



Michael Schmidt: Wie würdest du selbst deine Geschichte charakterisieren? Was erwartet den Leser, der eine Geschichte von Jules B. Asches liest?

Jules B. Asches: Uh, das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, Die Rückstrahlung ist psychologischer Horror im Gewand eines familiären Mysteriums: eine Geschichte über Erinnerung, Verlust und alte Wunden. Eher still und langsam, kriechend. Ein Horror, der aus menschlicher Verletzlichkeit, sowie aus dem Unbegreiflichen entsteht.

Wer etwas von mir liest, darf sich auf eine düstere, dicht gewebte Atmosphäre, viel Innenschau und sensorische Intensität freuen. Allgemein habe ich einen nicht zu unterschätzenden Hang zur Tragik und mute meinen Figuren, wie auch meinen Lesern einiges zu. Aber alle meine Geschichten haben bisher eines gemeinsam: Im größten Schmerz zeigt sich immer ein Silberstreif Hoffnung; man muss ihn nur entdecken und als solchen wahrnehmen.

Michael Schmidt: Auf deiner Homepage habe ich gelesen, dieses Jahr erscheint ein neuer Roman von dir. Wo erscheint der und worum geht es da? 

Jules B. Asches: Ja, tatsächlich erscheint noch dieses Jahr mein Dark Fantasy-Romandebüt Das Vierte Prinzip beim LeeBooks:-Verlag.

Die Handlung folgt Eife, einer jungen Frau, die der Hexerei bezichtigt wird und nur knapp ihrer Hinrichtung entkommt. Ihre Flucht führt sie über die verbotene Grenze des Brokwaldes, ins Reich der Unsterblichen. Dort aufgegriffen, zeigt sich schon bald ihr verhängnisvolles Talent, das zur Waffe in einem Jahrhunderte währenden Krieg werden könnte. Und ausgerechnet ihr einziger Verbündeter verfolgt ganz eigene Ziele …

Beim Schreiben fühlt es sich für mich streckenweise an, als würde ich eine aufs Herrlichste entgleiste Rollenspielrunde leiten: Klassische wie modernere FantasyKlischees tauchen auf, werden verdreht, gebrochen oder bewusst gegen die Erwartungen gewendet. Trotzdem ist Das Vierte Prinzip kein leichtfüßiges Abenteuer und keine unbeschwerte Liebesgeschichte. Die Geschichte ist heimelig düster und kombiniert nordischen Zauber mit existenziellem und Kreaturen-Horror.

Diese Mischung aus Vertrautem und Unerwartetem, aus Magie und menschlicher Zerrissenheit, ist das, was ich an diesem Projekt so liebe. Ich freue mich unglaublich darauf, es bald mit euch zu teilen.

Michael Schmidt: Dark Fantasy, Horror und Weird Fiction steht auf deiner Homepage. Hast du Vorbilder in der Erschaffung deiner Literatur oder gehst du völlig eigene Wege?

 Jules B. Asches: Schaffen ist bei mir immer Chaos. Natürlich im besten, magischen Sinne. Daher könnte ich jetzt nicht den Finger drauflegen, welche Autor*innen oder „Arbeitskörper“ mein Schreiben geprägt haben. Ein direktes Vorbild habe ich nicht, aber die Welt steckt voller Inspiration.

Ich mag in jedem Fall das Prinzip des kosmischen und existenziellen Horrors: Geschichten, in denen Kräfte am Werk sind, die über das menschliche Begreifen hinausgehen, und Figuren, die dennoch versuchen, in diesem Gefüge ihren Platz zu finden. Mich reizt der Moment, in dem sie an ihre Grenzen stoßen und merken, dass sie trotzdem noch einen Schritt weitergehen können …

 Michael Schmidt: Woran arbeitest du im Moment?

 Jules B. Asches: Aktuell sitze ich noch an der Einarbeitung des Lektorats meines Dark-Fantasy-Debüts, aber es geht auf die Zielgerade zu.

Danach widme ich mich wieder der Arbeit an „Die Siebzehnte“ – ebenfalls eine Geschichte im Genre Dark Fantasy. Mit diesem Projekt hatte ich letztes Jahr die Ehre, ein Stipendium des PAN e. V. zu gewinnen und habe mit Bettina eine großartige Mentorin an meiner Seite. Da ich neben einer fast vollen Berufstätigkeit und Care-Arbeit nicht so viel zum Schreiben komme, wie ich es gerne würde, freue ich mich umso mehr über die Unterstützung und die zusätzlichen Schreibtage, die mir das Stipendium ermöglicht.

 Michael Schmidt: Was liest du selbst gerne?

Jules B. Asches:  Als Leserin bevorzuge ich düsteren, dicht-gewebten Weltenbau, komplexe Charaktere, in denen man sich wiederfindet, Konflikte, die einen vielleicht sogar den eigenen moralischen Kompass hinterfragen lassen. Und ich mag es, wenn ein Text alle Sinne anspricht, vielleicht kommt daher dann auch meine Liebe für milden Bodyhorror. Über die Jahre hat sich herauskristallisiert, dass mir die Phantastik generell am besten mundet; besonders gerne lese ich aber Weird Fiction, Horror, Sword & Sorcery sowie Historienfantasy.

 Michael Schmidt: Und welche anderen Autoren würdest du der Horrorgemeinde ans Herz legen?

 Jules B. Asches: Uh, schwierig, immerhin sind Geschmäcker so verschieden. Wir bringen alle unseren eigenen Erfahrungen, Lebensaufgaben und -fragen mit und finden daher in ganz unterschiedlichen Geschichten, etwas, das uns bewegt.

In meinem Sturm und Drang habe ich natürlich H.P. Lovecraft und Edgar Allan Poe gelesen und liebe viele der Geschichte noch immer. Heute würde ich unter anderem T. Kingfisher, Shirley Jackson und Iain Reid mit auf eine Empfehlungsliste setzen.

Und ganz sicher habe ich jetzt zig wunderbare Autor*innen vergessen, die mir nachher wieder einfallen werden, insbesondere aus Kleinverlagen und Self-Publishing. Gerade in der Phantastik lohnt sich ein Blick über den Tellerrand oft. Wie wäre es zu Beginn mit den unterschiedlichen Cold Creeps? ;)

 Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen!

 Jules B. Asches: Passt auf euch auf da draußen und bleibt neugierig. Am besten ein Leben lang.

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