Carolin Gmyrek - Interview

 

Zu Gast bei Vincent Voss

Stell dir einen schlichten, schwarzen Raum vor, zwei sich gegenüberstehende blutrote Kanapees, einen schlichten, weiß lackierten Tisch, eine weiße Vase mit einer schwarzen Dahlie. Im Hintergrund hören wir Wrekmaster Harmonies – Night of your ascension




 VV: Moin Caro, schön, dass du da bist. Nimm bitte Platz. Was magst du trinken?


CG
Guten Morgen Vincent, vielen Dank, dass ich hier sein darf. Was für eine hervorragende Musikauswahl. Ich werde gerne versuchen, dem gerecht zu werden. Ein Kaffee ist immer gut, man möchte ja konzentriert bleiben.

 

VV: Wir sind uns das erste Mal bei einer Lesung begegnet, bei der ich eine Gastrolle für eine Geschichte aus den geheimnisvollen Bibliotheken lesen durfte. Wie viele Jahre ist das her? Was würdest du der Caro von damals heute raten, wenn du ihr begegnen würdest?


CG:
Ich denke oft darüber nach, wie wir uns eigentlich kennengelernt haben und jedes Mal habe ich etwas anderes im Kopf. Witzigerweise. Es scheint also Schicksal gewesen zu sein, dass wir und begegneten. Die Bibliotheken erschienen 2012, im letzten Jahr meiner Ausbildung. Es ist beinahe unheimlich, wie lange das nun her ist. Zur Buchmesse des darauffolgenden Jahres, also 2013, war unsere erste gemeinsame Lesung. Interessanterweise genau das Jahr, in dem ich das erste Mal von der Zombie Zone Germany gehört habe. Mein Studium hatte frisch begonnen. Was würde ich der Caro raten… nicht immer so nervös zu sein und alles auf die eigenen Schultern laden. Andererseits – im Aspekt dieser Anthologie und was darauffolgte – war alles auf seine Weise so wegweisend, dass ich mich gerne einfach nochmal zurücklehnen würde und mit einer Tüte Popcorn die Caro von damals in ihr Verderben laufen lassen. Eine gute Story braucht nun Mal Höhen und Tiefen. 

VV: Okay. Du bist ja mit der Anthologie „Was einmal war – Zombie Zone Germany“ für den Vincent-Preis nominiert. Herzlichen Glückwunsch und aus meiner Sicht voll verdient! Wie fühlst du dich damit? 

CGVielen lieben Dank! Für die Glückwünsche und auch der Ansicht, dass es verdient ist. Wenn ich es nicht falsch in Erinnerung habe, ist es auch das erste Mal, dass ein Titel der Zombie Zone Germany auf der Shortlist steht und es wäre das erste Mal, dass die Zombie Zone Germany einen Preis gewinnt. Das ist schon irgendwie… groß. Es bedeutet, dass wir irgendwas richtig machen, irgendwas, was die Menschen begeistert. Ich sehe es aber doch mit einem lachenden und weinenden Auge und es klingt so unglaublich vermessen, doch irgendwie hoffte ich, dass das neue Magazin ebenfalls auf der Shortlist auftaucht. Die Anthologie „Was einmal war“ ist jedoch die erste Anthologie, die unter meiner Herausgeberschaft erschienen ist und hat damit einen großen Stellenwert. Es sind so viele tolle Namen darin enthalten, viele Autor*innen, die der ZZG ihr Vertrauen schenkten und mit dem neuen Konzept und der neuen Aufmachung eben einen neuen Versuch starteten. Ich bin dafür so unglaublich dankbar. Und noch ein kleines Geheimnis: Ich halte nicht so viel von Preisen, aber den Vincent-Preis für die Zombie Zone Germany, den will ich! 

VV: Ich drücke die Daumen! Wie ist es zu diesem tollen Band gekommen? Cover, Auswahl … ich will einfach alles wissen. 

CG: Oh, wenn man die Geschichte der ZZG bedenkt, dann ist das eine sehr unkonkrete Frage. Was ist denn der erste Band? Eine der Novellen – also unter anderem dein Tag 78? Dann gebe ich diese Frage sehr gerne zurück. Oder die Idee, die ursprünglich von Torsten Exter stammt? Die erste Anthologie, die wir sehr kreativ nun umbenannt haben in ‚Die Erste‘. Bei den ersten Bänden unter meiner Herausgeberschaft war es ‚Trümmer‘ und ‚Welt in Trümmern‘, die zuerst um- oder neugeschrieben wurden. ‚Was einmal war‘ erschien ein Jahr nach Herausgeberwechsel. Die Auswahl der Geschichten ist so beeindruckend, wie unbeeindruckend. Wir haben die Struktur der Zombie Zone Germany grundlegend verändert. Um das Projekt in der Größe zu bewerkstelligen – immerhin erscheinen im Moment jährlich 5 Neuerscheinungen – brauchten wir Geld. Deshalb haben wir die ZZG auf Patreon gebracht und konnten durch die Unterstützung der Fans die Untoten aus ihren Gräben locken. Die Anthologie entstand durch Einsendungen und Kurzgeschichten, die monatlich erst auf Patreon hinter einer kleinen Paywall veröffentlicht wurden. Für die erste Anthologie fragte ich tatsächlich Autor*innen, die bereits der ZZG nah sind – Teammitglieder, wie Oliver Bayer, Christian Günther, Claudia Rapp und Janika Rehak, oder Autor*innen, die bereits für die Zombie Zone geschrieben haben, wie Thomas Williams, dessen Geschichte auch den Titel beigesteuert hat. Es gibt eine Dauerausschreibung und je nachdem, welche Geschichten zugesendet werden, entsteht die Anthologie. Ich hoffe, dass wir den Output auch halten können. 

VV: Ich fand „Was einmal war“ einen wunderschönen Titel und die Geschichten hatten allesamt eine sehr morbide Melancholie. Hast du den Autor*innen gesagt, das ist das, was ich will? 

CG: Wir haben sehr lange überlegt, welchen Titel wir geben. Meine erste Idee war – recht billig – Filmtitel so umzuschreiben, dass sie mit der Zahl der Anthologie übereinstimmt. Ich weiß gar nicht mehr, was wir da alles aufgeschrieben hatten. Ich wollte ursprünglich im Titel darstellen, dass die Anthologien periodisch erscheinen. Das haben wir schnell verworfen. Dann sammelte ich die Geschichten und überlegte, was für ein Titel zum Gesamtthema passen könnte. Tatsächlich habe ich nie vorgegeben, welche Themen, welche Ideen die Autor*innen verwenden sollen. Das ist auch gar nicht möglich, da ich auf unregelmäßige, teilweise zufällige Einsendungen angewiesen bin. Ich freue mich über jede Geschichte. Aber sowohl in ‚Was einmal war‘ und in der neuen Anthologie ‚Lauf oder Stirb‘ zeigte sich schnell ein Grundthema. Auch in diesem Jahr scheinen die ersten drei Geschichten auf ein Grundthema hinauszulaufen. Während ich also über Titel nachdachte, stellte sich heraus, dass ‚Was einmal war‘ von Thomas Williams nahezu perfekt passte – gerade als erste Anthologie unter neuer Herausgeberschaft, unter neuer Aufmachung und der Erinnerung an all das, was eben einmal war. Damit war für uns klar: Die Anthologien werden immer nach einer Geschichte aus der Anthologie benannt werden. 

VV: Alles klar. Jetzt reden wir die ganze Zeit über die Zombie Zone Germany. Was genau ist das eigentlich?



CG: Ganz einfach: Zombies in Deutschland mit Lokalkolorit. Mittlerweile erkläre ich so oft am Stand, was die Zombie Zone Germany ist, man könnte meinen, ich hätte einen Text, den ich auswendig könnte. Kann ich nicht. Ich überlege jedes Mal, wie und wo ich anfange, denn die ZZG ist nicht nur Inhalt, die ist auch Geschichte. Alles, was diese Reihe erlebt und durchgemacht hat, ist Teil davon und gehört genauso zu ihr, wie die Geschichten und die Zombies selbst. Die Reihe wurde erschaffen, kränkelte durch unvorhersehbare Ereignisse, starb leise, verweste und wurde neu herausgegraben und nun zum ‚neuen‘ Leben erweckt. Eben all das, was eine Zombiereihe ausmachen sollte. Die Reihe selbst wurde – wie bereits erwähnt – von Torsten Exter um 2013 erschaffen. Die Idee war, eine Anthologie mit Zombies in Deutschland. Genmanipulierte Maden entkamen aus einem Hamburger Forschungsinstitut und infizierte die Menschen schnell. Deutschland wird unter Quarantäne gestellt und die Überlebenden sich schnell selbst überlassen. Keiner weiß, wie es im Rest der Welt aussieht. Es wurde ein Universum erschaffen, dass sich selbst erzählt, wo jede neue Geschichte einen Teil dazu beiträgt. Der Anthologie folgten schnell Novellen. Alles andere Geschichten, unabhängig voneinander lesbar von verschiedenen Autor*innen. Es kam zu mehreren Herausgeber*innenwechsel, bis ich 2023 nach einer Wahl im Team und mit dem Verleger Jürgen Egleser dafür entschieden wurde. Jetzt müsste, wenn ich mich nicht verzähle, die Reihe aus 4 Anthologien, einem Soloabenteuer, einem Heftroman, einem Videospiel und 13 Novellen bestehen. Weiteres steht in den Startlöchern. Man darf ja nicht zu viel verraten. Tatsächlich habe ich – sollte alles klappen – für die MarburgCon eine kleine Überraschung parat.

VV: Stark! Und wie bist du dazu gekommen?

CG: Zufall! Ich kam damals mit dem wunderbaren Torsten Exter ins Gespräch. Scheinbar gefiel ihm, was ich zu sagen hatte, denn viele Veröffentlichungen hatte ich damals noch nicht. Die ‚Geheimnisvollen Bibliotheken‘ waren gerade erst frisch. Er erzählte mir von seiner Idee, ich konterte mit einem erst vor wenigen Tagen gehabten Traum, für den ich noch einen Anlass zum Verschriftlichen suchte. Es wäre mein erstes längeres Projekt. Er kaufte es mir beinahe im Stand weg. Ich schrieb für die erste Anthologie eine Geschichte aus dem Leipziger Zoo und arbeitete an meiner ersten Novelle ‚Zirkus‘. Die Entstehungsgeschichte hat harte Höhen und Tiefen, doch ich verliebte mich in die Zombie Zone Germany. Sie ließ mich nie wieder los, hat mich sozusagen infiziert. 

VV: Okay. Du lektorierst die ganzen Geschichten und hast jetzt auch ein eigenes Lektorat eröffnet. Wie kam dir diese Idee und für wen bietest du deine Dienste an? 

CG: Ehrlich? Ich weiß es nicht mehr so genau. Das Lektorat, bzw. die Freiberuflichkeit, kam vor der Übernahme der Herausgeberschaft der ZZG. Ich kenne viele wundervolle Lektorinnen, wie Simona Turini oder Juri Pavlovic. Während Corona und dem Studium bat ich Freund*innen, mich als Lektorin zu testen. Scheinbar konnte ich es. Dann bat ich um erste kleine Aufträge in befreundeten Verlagen. Auch diese wurden sehr gut angenommen. Juri ermöglichte mir erste Schritte bei ‚fremden‘ Auftraggeber*innen und ich liebte es. In dieser Zeit hatte ich schon einen Tabellenschubserjob. Irgendwann musste ich mich entscheiden: Freiberuflichkeit oder feste Arbeit. Nun… wie ich mich entschieden habe, sieht man nun. 

VV: Das nenne ich mutig. Du zeichnest dich ja jetzt vollverantwortlich für die ZZG und ich nehme wahr, dass jetzt regelmäßig Kurzromane erscheinen, diese Anthologie hier. Was gibt es noch in diesem Kosmos?

CG: Mit Anthologien und Novellen hat es begonnen. Während der Coronazeit wollten wir die ausgefallene Buchmesse mit einem längeren Discord-Event kompensieren. Daraus wurde nichts, doch wir bauten den Grundstein für das P’n’P Rollenspiel der Zombie Zone Germany. Außerdem gibt es nun ein Heftroman, bald noch tollen Merch, vielleicht Hörbücher, vielleicht noch mehr. Mein Gehirn will einfach nicht aufhören, Dinge zu erschaffen, wobei… das Rollenspiel ist eine ganz eigene Geschichte – natürlich wieder – mit Höhen und Tiefen.

VV: Ein Rollenspiel?! Krass! Weißt du schon von Spielrunden, die das regelmäßig spielen? Ist da noch mehr geplant? 

CG: Wir begannen bereits mit Spielrunden auf Conventions wie der Krähenfee, der Feencon und auch 2025 auf der MarburgCon, als wir die Regeln für uns soweit verfestigt haben. Man kann uns aber auch auf Discord oder generell ansprechen oder anfragen, sodass wir gerne auch außerhalb der Events Spielrunden organisieren. 

VV:  Und was ist Neues für die ZZG geplant?

CG: Viel! Und alles! Der Heftroman Nummer 2 ist bereits im Lektorat. Wir werden oft nach Hörbüchern gefragt. Und – ist ja gut, ich verrate es ja – wir haben zwei neue, richtig tolle Kooperationen mit Lootchest für exklusive Kerzen und Seifen mit Storyinhalt und Hexwrk.Designmanufaktur, wo wir ganz neue Ideen umsetzen können. Insgeheim träume ich übrigens noch von einem Kochbuch.

VV: Kochbuch? Kerzen Wow! Gesetzt den Fall, ich wäre jetzt neugierig geworden … wo kriege ich denn die Zombies nun her?

CG: Dort, wo du Bücher findest: entweder direkt beim Amrûn Verlag, bei der Buchhandlung deines Vertrauens oder über  unser Patreon. A pro pro Buchhandlung des Vertrauens. In meiner fahrenden Buchhandlung ‚Wechselseitig‘ findet man die Bücher der Zombie Zone Germany natürlich auch. 

VV: Die fahrende Buchhandlung ist mega! Ich sehe die ja auch auf Festivals und Cons. Wirklich toll! Wie sieht denn da dein Vagabundenleben aus?  Wer ist da alles mit ihm Team?


CG: Das Vagabundenleben ist wunderschöner und verdammt anstrengend. Was einmal klein als einfacher ZZG-Stand begann, ist nun ein DHL-Transporter, ein 4x4-Pavillon und sehr, sehr viele Kisten voller Bücher. Mein Mann opfert dafür seinen Urlaub und deklariert die tolle Zeit auf Messen und Festivals eben als seine Erholung, während er herumrennt, Schnäpschen verteilt und die Leute bespaßt. Wir verkaufen Bücher von Indieverlagen und Selfpublisher*innen. Mittlerweile habe ich das eine oder andere Buch auch aus einem Großverlag dabei – meistens von befreundeten Autor*innen oder weil die kleinen Verlage eine bestimmte Nische nicht abdecken. Ab Mai fahren wir beinahe jedes Wochenende auf ein anderes Festival, trotzen dem Wetter, schlafen im Zelt, treffen unglaublich tolle Menschen und genießen die Zeit, während ich die Menschen von meinen Büchern vorschwärmen darf. Schau mal, ich bekomme Gänsehaut. Ich liebe es wirklich. Mit dabei sind manchmal auch meine Eltern. Gerade die Krähenfee und das DGT haben sie zu lieben gelernt. Ab und an helfen uns auch Freund*innen, wie der Riese oder selbst unsere Kund*innen, wie auf dem Sternenklangfestival. 

VV: Ja, die von dir getroffene Auswahl ist auch echt toll. Ich habe ja mittlerweile immer mehr Stoff aus eurem Laden, einfach, weil es schön ist. Zurück zu den Untoten. Was macht denn für dich ihren Reiz aus? 

CG: Ich versuche eine Auswahl für meine Buchhandlung zu treffen, hinter der ich stehe, auch bei den Non-Book-Artikeln. Die Art meines Geschäfts macht es mir möglich, viel herumzuexperimentieren und auf einschlägige Marketing- und Konsumstrategien zu pfeifen. Aber du hast recht, zurück zu den Untoten. Der Reiz… es gibt so vieles. Gesellschaftskritik steht natürlich weit oben auf der Liste, aber auch das Zwischenmenschliche. Wie agieren und reagieren Menschen, wenn alles weg ist, was wir in unserem Luxus kennen, wenn wir uns auf uns verlassen müssen. Wie können wir über uns hinauswachsen. Immer wieder denke ich dann darüber nach, warum mich dann andere apokalyptische Szenarien kalt lassen. Ich glaube, da ist dieser Horroraspekt für mich wichtig. Vielleicht aber auch, wie ich generell an Zombies herangeführt wurde – nämlich eher mit Trashfilmen. Ich mag es, mich mit der Psyche der Menschen auseinander zu setzen. Und ich führe selbst gerne meine Figuren an den Rand der Emotionen. Und was ist emotionaler, als jemanden zu verlieren, den man liebt, zu trauern, bis dieser Jemand wieder aufsteht und einen töten möchte, nur damit man selbst diesen zur letzten Ruhe betten muss. Die Auseinandersetzung mit Verlust, Trauer, Angst und Wahnsinn finde ich spannend.




VV: Und wie war dein Erstkontakt zu Untoten und was hat es mit dir gemacht? 

CG: Der Erstkontakt hat mir Alpträume verursacht, mich Zombies hassen lassen und mich traumatisiert, vermutlich auch zu dem gemacht, was ich heute bin. Denn meinen ersten Untoten sah ich mit sieben Jahren allein im Keller meiner Großeltern. Ich wusste vorher bereits, was Zombies sind. Eher durch abstrakte Kultdarstellungen und Kinderserien, die irgendwelche Halloweenspezials machten, aber auf die klassische, gruselige Art sah ich einen Zombie zum ersten Mal im ersten Resident Evil. Wobei, das stimmt nicht ganz. Es war in einem Nintendospiel, dessen Name ich nicht mehr weiß. Aber auch da hatte ich den Zombie nicht als Zombie wahrgenommen. Jedenfalls – mein Opa hatte sich eine Playstation gekauft und im Keller aufgestellt. Natürlich hatte ich auch Spiele, aber sie langweilten mich schnell. Mein Opa hatte sich Resident Evil geholt. Ich hatte keine Ahnung, was das für ein Spiel ist, als ich es aus der Hülle befreite und einlegte. Auch der Vorspann erinnerte mich in seinem Pixelbrei an ein Schloss mit Drachen davor. Und dann stand ich mit meiner Figur in diesem Saal, ging durch Türen, einen Gang entlang, öffnete eine weitere Tür und da war er. Ein Untoter, der sich in sein Opfer verbissen hat, aufstand und mir folgte. Aus den Kinderspielen kannte ich es, dass die Monster einem nach Ortswechsel nicht mehr folgten. Dieses Monster tat es, mit grausamen, ekelhaften Geräuschen und ausgestreckten Armen. Es schlurfte mir nach. Irgendwann fand ich heraus, wie man darauf schießen konnte, doch die Kreatur starb einfach nicht. Es fiel um, blieb liegen, dann stand es auf und verfolgte mich weiter. Erreichte es mich, verbiss es sich in meinen Hals und ich fühlte mich unglaublich hilflos. Ich hatte solche Angst. Aber ich gab nicht auf. Es ärgerte mich, es lies mich nicht mehr los. Ich legte das Spiel noch dreimal ein, bevor ich es zurück in den Saal schaffte, wo meine Begleiter das Wesen erledigten. Das Monster war vernichtet, ich war erleichtert. Ich habe das Spiel nie wieder angefasst. 

VV: Oh ja, das ist prägend. War bei mir ähnlich und hat mich auch nicht losgelassen, als müsse man ein Trauma verarbeiten. Mal so literaturwissenschaftlich gesehen, wo ordnest du denn die Untoten der ZZG ein? Was ist das besondere Grauen dieser Reihe? 

CG: Ab und an mache ich den Witz, dass die Zombieliteratur während einer Zombieapokalypse zur Gegenwartsliteratur wird. Genretechnisch kann man sich wunderbar darüber streiten. Gesellschaftskritik, Trash, Horror, Science-Fiction, das Unheimliche, Fantasy. Der Untote ist überall und in verschiedensten Arten und Weisen schon sehr lange Bestandteil der Literatur. Ob bei Goethe oder in alten Märchen, der Untote findet sich selbst recht toll. Die Untoten der Zombie Zone Germany selbst kann alles sein. Es ist eine alternative Zeitlinie, doch das Einordnen der Geschichten selbst muss immer wieder neu geschehen. Wir haben humorvolle Geschichten, Psychothriller, Horror, Aktion und mittlerweile sogar eine Liebesgeschichte. Das Besondere am Grauen ist wohl nicht nur das Lokalkolorit, sondern die unglaubliche Nähe zu unserem eigenen Leben. Die Figuren sind uns emotional und in ihrem Leben so nah, wie es eben nur geht. Es gibt keine Hollywood-Endlosmagazin, keine unübersehbaren Weiten. Dafür den Schwarzwald und eine Axt aus dem Baumarkt. Unabhängig des Zombieszenarios, sind und die Protagonist*innen nicht fremd, wir selbst könnten sie sein. 

VV: Du selbst scheinst ja dem Genre Horror zugewandt zu sein, wie wir sehen. Wie kam es dazu? Wie bist du denn mit dem Horror grundsätzlich sozialisiert worden? 

CG: Bibi Blocksberg? Märchen? Es ist wirklich schwierig, das direkt zurückzuverfolgen. Ich fand das Übernatürliche schon immer spannend. Meine Großeltern und Urgroßeltern haben mir immer Märchen erzählt, auch vom kleinen Teufel. Im Keller meiner Großeltern gab es ein Monster Namens Hugo, das zwar grundlegend freundlich war, aber dessen Wohnnische ich auf keinen Fall betreten durfte. Es wohnte ausgerechnet dort, wo meine Großeltern den Alkohol lagerten. Im Kindergarten gab es eine Praktikantin, die sich selbst als Hexe bezeichnete und die ich sehr schätzte. Aber auch da war ich schon vom Übernatürlichen und Düsteren fasziniert. Ich mochte es, mich zu gruseln und hasste es zugleich. Ich glaube, es war schon immer ein Teil meiner Natur gewesen, vererbt und getragen von meiner Familie. 

VV: Puh, schon wieder eine Ähnlichkeit. Bei meinen Großeltern war es der Butzemann … Hattest du in deinem Leben unerklärliche Erlebnisse? 

CG: Ja. Doch mein Gehirn will sie nicht ernstnehmen. Es beginnt mit Geräuschen im eigenen zu Hause, Dinge, die hätte nicht passieren können, von Zufällen, die selbst mit ‚Zufall‘ nicht erklärbar sind. Von Träumen, in denen sich Wesen verabschieden, von denen ich mich nicht verabschieden hatte können. Von einer Geisterkatze, die uns zusammen mit unseren lebenden drei Stinkern in den Wahnsinn treibt und einem Jackett, dass meiner Oma gehört hatte, das mit auf der Leipziger Buchmesse nun Glück spendet. Es sind kleine Dinge, nicht die Großen. Es ist ein Sammelsurium. Eben diese wundervollen, kleinen Zufälle. 

VV: Glaubst du, dass es in dieser Welt noch etwas Übersinnliches gibt? 

CG: Wieso noch? Verschwindet es? Warum nicht? Ich habe aufgehört, mich zu fragen, ob es etwas gibt, was wir Übernatürlich nennen oder übersinnlich. Weil es schön ist, wenn es etwas gibt, was man sich mal nicht erklären kann und weil ich es schön finde, das Gefühl zu haben, dass es etwas gibt, was unsere Art der Realität überschreitet. Wenn ich mich jedoch fragen würde, ob es das gibt, wird es entweder Unreal oder Real. Also entweder nicht mehr Übernatürlich oder nicht vorhanden. Ich mag das Gefühl dazwischen. 

VV: Was ist für dich das Böse? 

CG: Alles, was Schaden oder starke, negative Gefühle bewusst herbeiführt ohne einen tiefen, ausgleichenden Grund dahinter – entweder für sich oder für andere. Und nein, ich meine damit nicht Unterhaltung oder Stillen von Bedürfnissen. Das sind keine Gründe, die Schmerz, Verlust oder Zerstörung begründen können. 

VV: Wie beurteilst du das Genre Horror im deutschsprachigen Raum? 

CG: Ursprünglich. Der Horror gehört nach Deutschland, wir haben es nur vergessen. Wir sind so eingefahren uns großspurig eine Intelligenz zuschreiben zu wollen, dass wir verlernt haben, dass jegliche Kunst, jegliche Kreativität eben dem entsprechen kann. Das klingt beinahe zynisch. Aber schon unsere alten Legenden, unsere Sagen, unsere Märchen, unsere großen Literaten experimentierten mit dem Horror. Das Unheimliche gehört zum Menschen. Wir wollen uns fürchten, damit wir lernen können, damit umzugehen. Wir haben nur begonnen, diese wunderschöne Literatur anzuerkennen und stempeln sie als Schund ab. Das ist schade und eine Meinung, die wohl sehr Mainstream ist. Denn meine Erfahrungen in der Szene und in meiner fahrenden Buchhandlung zeigt, dass der Horror sehr wohl, sehr gerne gelesen wird. Vom Abgründigen, bis zum Düsteren. 

VV: Hast du eine Idee, wie man es fördern könnte? 

CG: Oh, die Frage dauert wieder höllisch lange, um zu beantworten. Denn hier kommt es wieder darauf an, was möchten wir fördern? Literatur? Den Horror allgemein? Wollen wir es in unserer Szene oder im Mainstream fördern? Wollen wir, dass mehr und bessere Literatur entsteht oder das mehr gelesen wird? Ich glaube, an der Stelle ist nochmal wichtig daran zu erinnern, dass wir von deutscher Horrorliteratur sprechen. Denn die Amerikanische ist auch in Deutschland durchaus populär. Von Stephen King, alles, was der Festa Verlag veröffentlicht, Lovecraft, Poe, diverse, großartige Filme, Walking Dead… all das ist im deutschen Mainstream bekannt. Mein Interesse liegt darin, die Kunstschaffenden zu fördern und das geht durch Stipendien, kaufen und verkaufen der Bücher, dotierte Preise, bezahlte Lesungen. Und natürlich so großartige Events wie die MarburgCon. 

VV: Bald finden wieder eine Reihe Veranstaltungen statt. Bock darauf? Wo wird man dich treffen können? 

CG: Aber sicher! Dieses Jahr ist voller als das letzte. Dabei fürchtete ich durch Überschneidungen vieler Events, dass es leerer werden könnte. Es wird anstrengend, sehr anstrengend. Ich organisiere auf einigen Events sogar Lesebühnen, zum Beispiel auf dem Caraslan im Mai oder auf dem Sternenklang-Festival im Juni. Meine Auswahl ist dann natürlich auch oft Horrorlastig, wie bei meiner Lesebühne ‚Nachtschrift‘, die von September bis Mai am ersten Donnerstag im Monat stattfindet. Wenn man uns treffen möchte, findet man auf meinem Instakanal Buchhandlung_Wechselseitig alle Termine. Wir sind in diesem Jahr auch das erste Mal auf dem heidnischen Dorf auf dem WGT. Ansonsten findet man uns im ComicPark, Caraslan, Sternenklang-Festival, Krähenfee, FeenCon, Nordcon (außer in diesem Jahr), MarburgCon, Fantasypark, dem großen Treffen in Aach, der Annotopia und vielen anderen Events. 

VV: Yeah!. Magst du verraten, was wir von dir noch erwarten können in der Zukunft? 

CG: Sobald ich das weiß, sag ich euch Bescheid. Ich lass das mal auf mich zukommen. Vielleicht einen größeren Stand, hoffentlich viel mehr Lektorate. Ich vermisse die Lektorate. 

VV: Sehr, sehr spannend! Vielen Dank, dass du da warst! Ich hoffe, du hattest Spaß! 

CG: Es war mir ein Fest! Du hast mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich danke dir sehr, lieber Vincent. Prost. 


Bullets (Wie aus der Pistole geschossen …)



VV: Tee oder Kaffee?

CG:
Kaffee und ab und an Tee

VV: Beschreibe dich als Zombie

CG: aarrrghh.. 

VV: Mit welcher Strategie würdest du versuchen, zu überleben?

CG: Verstecken, abwarten, vermutlich dann sterben.

VV: Meer oder Berge?

CG: Meer

VV: Warum?

CG: Ich bin zu faul zum Wandern. Na… eigentlich, weil ich die Weite des Meeres mag. Es hat was Meditatives.

 VV: Deine Superkraft?

CG:
Ich kann begeistern und bin gerne begeistert.

VV: Und eine, die du gerne hättest?

CG: Innere Ruhe.

VV: Wen würdest du gerne einmal treffen?

CG: Ich habe keine Ahnung. Wirklich nicht.

VV: Warum?

CG: Es gibt tausend schöne, tolle Menschen, aber ich bewundere lieber aus der Ferne. Ich werde schnell nervös.

VV: Unterschätztes Monster?

CG:
Das Mossweibchen

VV: In einen sicheren Bunker nimmst du drei Bücher mit. Welche?

CG:
Gesammelte Werke von Oscar Wilde, Estnische Märchen von Kreutzwald, Metro – die Trilogie

VV: Hast du manchmal Angst?

CG: ja

VV: Wovor?

CG: Nicht nur genügen und nicht ernstgenommen zu werden.

VV: Etwas, dass du allen mitgeben möchtest?

CG: Wir sind alles nur Menschen und darin liegt eine unausgesprochene Schönheit.

VV: Vielen Dank!

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